Interview mit Rotarier  Warum der WHO-Austritt der USA auch Ostfriesen umtreibt

Pia Pentzlin
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Von Pia Pentzlin
| 23.02.2025 10:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Jan-Peter Schubert ist Kinderarzt in Papenburg und der Präsident des Rotary-Clubs Overledingerland. Foto: Pentzlin
Jan-Peter Schubert ist Kinderarzt in Papenburg und der Präsident des Rotary-Clubs Overledingerland. Foto: Pentzlin
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US-Präsident Donald Trump hat direkt nach einer Amtseinführung den Ausstieg aus der Weltgesundheitsorganisation verordnet. Die Folgen dessen beschäftigen auch den Rotary-Club im Overledingerland.

Overledingerland/Rhauderfehn - Es hat nicht lange gedauert, da hat US-Präsident Donald Trump nach seiner Amtseinführung die ersten Dekrete unterschrieben. Darunter auch den Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO. Die USA waren mit 1,2 Milliarden US-Dollar zwischen 2022 und 2023 der bisher größte Geldgeber der WHO.

Der Austritt der USA hat weitreichende Folgen und beschäftigt auch den Rotary-Club Overledingen/Rhauderfehn. Besonders der Kampf gegen Poliomyelitis – auch bekannt als Kinderlähmung – stehe nun vor Herausforderungen. Diese Redaktion hat den Kinderarzt und Rotary-Präsidenten Jan-Peter Schubert deshalb zum Interview getroffen.

Herr Schubert, warum treibt Sie der Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation auch hier im Overledingerland um?

Schubert: Ich kann es nicht fassen, dass eine weltweite Übereinkunft, die man nach dem dramatischen Einschnitt des Zweiten Weltkrieges gefunden hat – die Weltgesundheitsorganisation – jetzt aufgekündigt wird. Mir ist völlig schleierhaft, wie man so kurzsichtig sein kann.

Welche Folgen hat der Austritt der Vereinigten Staaten aus der WHO?

Schubert: Der Rückzug der USA aus der Weltgesundheitsorganisation wird ganz viele Gesundheitsprogramme so stark zusammenschmelzen lassen, dass wir vor einer Menge an Problemen stehen werden, was die Gesundheits- und Entwicklungszusammenarbeit der Staatengemeinschaft angeht. Die aktuelle Grippe-Epidemie zeigt jedem, dass Infektionserreger vor keiner Grenze Halt machen.

Was ist Poliomyelitis?

Poliomyelitis ist eine meldepflichtige Virusinfektion, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist die Krankheit auch als Kinderlähmung bekannt. Sie wird durch Schmierinfektionen übertragen. Regionen, in denen schlechte hygienische Bedingungen herrschen, begünstigen eine Ansteckung.

Poliomyelitis ist eine Erkrankung, die vor allem Kleinkinder gefährdet. Während des Krankheitsverlaufes können Lähmungen auftreten – daher auch der Name Kinderlähmung. Eine Therapiemöglichkeit gibt es derzeit nicht. Symbolfoto: dpa
Poliomyelitis ist eine Erkrankung, die vor allem Kleinkinder gefährdet. Während des Krankheitsverlaufes können Lähmungen auftreten – daher auch der Name Kinderlähmung. Eine Therapiemöglichkeit gibt es derzeit nicht. Symbolfoto: dpa

In den meisten Fällen verläuft die Krankheit ohne Symptome. Andere hingegen leiden unter milden Krankheitssymptomen wie Fieber, Gliederschmerzen oder Übelkeit. Werden jedoch Zellen des Zentralen Nervensystems befallen, können schwerwiegende Atemprobleme oder Lähmungen entstehen. Eindeutige Therapiemöglichkeiten gibt es derzeit nicht. Den einzigen Schutz vor einer Erkrankung bietet eine Impfung.

Sie sind Teil des Rotary-Clubs Overledingen/Rhauderfehn – einer von vielen lokalen Untergruppen von Rotary International. Die Organisation hat sich mit der Kampagne „End Polio now“ das Ziel gesetzt, Kinderlähmung weltweit auszurotten. Wie wirkt sich der Austritt der USA aus der WHO auf dieses Ziel aus?

Schubert: Wenn wir in die Zukunft blicken, spekulieren wir natürlich. Aber es wird weniger wahrscheinlich, dass wir – die Menschheit – es schaffen wird, Polio zurückzudrängen. Der Ausbruch in Gaza hat den Zusammenhang mit prekären und katastrophalen Lebensbedingungen gezeigt. Für den Kampf gegen eine Infektionskrankheit braucht es neben den Impfteams vor Ort eine Strategie, eine Finanzierung und eine Organisation, die Länder, Kulturen und sogar verfeindete Parteien verbinden kann.

Die Idee einer Weltgesundheitsorganisation ist also ideal. Den Ausfall einer solchen Organisation in der Bekämpfung von globalen Infektionskrankheiten wie Polio kann von nationalen Organisationen oder gar einzelnen Personen nicht kompensiert werden.

Inmitten des Krieges wurden 2024 im Gazastreifen Hunderttausende Kinder mit der sogenannten Schluckimpfung gegen Polio geimpft.
Inmitten des Krieges wurden 2024 im Gazastreifen Hunderttausende Kinder mit der sogenannten Schluckimpfung gegen Polio geimpft.

Was bedeutet das konkret?

Schubert: Rotary International gibt das Ziel „End polio Now“ natürlich nicht auf. Aber jeden, der dieses Ziel verfolgt hat, betrübt es, die Erfolgschancen für ein lang verfolgtes Ziel plötzlich schwinden zu sehen. Und das trifft auch für die Mitglieder des Rotary Club Overledingen- Rhauderfehn zu. Lokal - vor Ort - in Deutschland müssen wir dafür sorgen, dass wir gut geschützt sind, wenn es tatsächlich wieder Polio-Fälle geben sollte.

Nach einer Infektion vermehrt sich das Virus im Körper und wird wieder ausgeschieden, der Betroffene wird nicht immer krank, aber er ist ansteckend – ob das nun Reisende oder kranke Patienten betrifft.

Es gab zuletzt auch in Deutschland Medienberichte über steigende Polio-Viren im Abwasser. Wie kommt das?

Schubert: Das liegt nicht an den Impfungen. Der Impfstoff, den wir mittlerweile per Spritze ausgeben, ist ein Totimpfstoff. Polio-Viren, die man im Abwasser findet, sind möglicherweise Reste der Schluckimpfungen, die früher in Deutschland genutzt wurden und auch heute noch weltweit in Gebrauch sind. Der Schluckimpfstoff ist nämlich ein Lebend-Virus. Nachteil dieses „Oralen Polio-Impfstoffes“ ist, dass das eigentlich abgeschwächte Impf-Virus in ungefähr 1 von 100.000 Fällen rück-mutiert.

Es gab vor 50 oder 60 Jahren tatsächlich nachgewiesene Fälle von Polio infolge der Impfung. Und das hat bei uns dazu geführt, dass der Impfstoff ausgetauscht wurde, weil es diese Nebenwirkungen bei einem Totimpfstoff nicht gibt.

Wenn der Rotary-Club Overledingerland also von einer wohl steigenden Bedrohungslage wegen Polio spricht, dann ist damit der erhöhte Wert im Abwasser gemeint?

Schubert: Es sind in erster Linie steigende Infektionszahlen weltweit gemeint. Das Abwasser spiegelt lokal nur wieder, dass es Polio- Ausscheider gibt. Ich weiss, dass Abwasser in Deutschland gut überwacht und sehr gut geklärt wird. Über unser Leitungswasser werden keine Polio-Viren verteilt.

Eine Bevölkerung, die keinen funktionstüchtigen Polio-Schutz hat, ist aber infizierbar und kann unbewusst dafür sorgen, dass sich das Virus vermehrt und weiterverbreitet, im ungünstigsten Fall andere Personen ansteckt und lebenslang krank werden lässt. Gerade in Kombination mit der vermehrten Reisetätigkeit in der heutigen Zeit ist das eine Bedrohung.

Was können wir dagegen tun?

Schubert: Das Wichtigste, was wir tun können, ist uns zu schützen. Wir müssen unseren Schutz aufbauen und regelmäßig auffrischen. Wer alle fünf bis zehn Jahre zur Impfung gegen Tetanus und Diphtherie zu seinem Hausarzt geht, kann sich mit der gleichen Injektion auch gegen Polio schützen. Und sind wir mal ehrlich: Wer schaut denn in den Impfpass, wenn er Last Minute irgendwo hinfliegt? Und zum Teil fliegen wir damit nach Fernost.

Das heißt, wir sollten alle stärker auf die Vorgaben achten, die für unser jeweiliges Urlaubsland gelten?

Schubert: Das halte ich für sehr wichtig, sozusagen unverzichtbar. Es macht auch einen großen Unterschied, ob ich in einem internationalen Urlaubs-Hotel weile oder als Backpacker irgendwo durch die Wildnis laufe. Ich habe in der Praxis immer alle aktuellen Informationen vorrätig und kann den Patienten jahresaktuell sagen, welche Impfungen und Schutzempfehlungen für ein bestimmtes Land und Region empfohlen werden. Das erfordert aber unter Umständen für alle Urlauber etwas Vorbereitung.

Viele Menschen haben die Krankheit Poliomyelitis in Deutschland nicht miterlebt. Wirkt sich das auf die Zustimmungen zur Impfung aus?

Schubert: Vermutlich ja. Wer eine Krankheit nicht kennt, sieht möglicherweise keine Notwendigkeit, sich zu schützen. Die sogenannte Impflücke, das Fehlen eines Schutzes, ist erheblich. Die Infektiologen unter den Kinderärzten – also die Ärzte, die sich hauptberuflich mit Infektionskrankheiten beschäftigen – sehen diesen Rückstand. Sie ermahnen uns bei jeder Fortbildung: „Kollegen, ihr müsst impfen, impfen, impfen. Wir haben zu wenig“. Aber solange sich in einer entwickelten Gesellschaft wie in Deutschland ein Großteil der Menschen, sagen wir ca. 90 Prozent, impfen lassen, haben wir – trotz der Reisetätigkeit, die weltweit stattfindet – eine Herdenimmunität, die diejenigen schützt, die nicht geimpft werden dürfen oder sich nicht impfen lassen.

Je weniger Geimpfte wir haben, umso weniger sicher ist diese Herdenimmunität. Dann steigt das Risiko für Durchbruchserkrankungen.

Die Impfung gegen Kinderlähmung kann Kindern im Zuge einer 6-fach Impfung im 3., 5. und 11.-12. Lebensmonat verabreicht werden. Weitere Auffrischungen sind erforderlich. Foto: Karmann/dpa
Die Impfung gegen Kinderlähmung kann Kindern im Zuge einer 6-fach Impfung im 3., 5. und 11.-12. Lebensmonat verabreicht werden. Weitere Auffrischungen sind erforderlich. Foto: Karmann/dpa

Für viele Menschen sind Themen wie diese sehr abstrakt, sie wirken wahnsinnig weit weg. Warum sollte der WHO-Austritt und die stetige Bemühung, Poliomyelitis auszurotten, auch die Menschen in Ostfriesland beschäftigen?

Schubert: Ich glaube, das könnten unsere Großeltern sofort beantworten. Weil die nämlich am eigenen Leib gespürt haben, zu was Egoismus und nationale Alleingänge führen und was das für ein Irrweg war. Aber dieser Irrweg, der viel persönliches Leid mit sich gebracht hat, hat auch dazu geführt, dass wir Menschen festgestellt haben, dass wir internationale Zusammenarbeit brauchen. Davon profitieren alle.

Dieses Bewusstsein scheint zur Zeit verloren gegangen. Und dass dieses Bewusstsein wieder erlangt wird, ist auch für Ostfriesland eine entscheidende Sache.

Die Folgen des WHO-Austritts der USA werden also auch regional zu spüren sein?

Schubert: Ja, davon bin ich überzeugt. Wir haben in den letzten 80 Jahren davon profitiert, dass wir Erfahrungen aus anderen Ländern mitbekommen haben. Das kam allen zugute. Es ist ein Irrglaube zu denken, dass Infektionskrankheiten an der Grenze Stopp machen, nur weil wir die Grenzen schließen.

Ich bin überzeugt, dass ein Austritt aus der WHO für jedes Land selbst und die Staatengemeinschaft allgemein negativ und kurzsichtig ist. Die internationale Zusammenarbeit ist das Beste, was unserer und der allgemeinen Gesundheitsvorsorge passiert ist. Nun sind wir ein reiches Land und können für Zusammenarbeit werben und anbieten.

Während Polio bei uns Deutschland kein großes Risiko ist, hört man aus Kriegsgebieten immer wieder von Polio-Gefahren.

Schubert: Die Bedrohungslage in Deutschland ist bestimmt nicht Null. Aber sie ist sehr niedrig. Die verstärkte Sorge ist aktuell tatsächlich, dass es uns nicht gelungen ist, solange wir die meisten Länder der Welt an Bord hatten in der Weltgesundheitsorganisation, in jedem Winkel der Welt die Polio auszurotten.

Je näher die Kriegsereignisse Mitteleuropa kommen und je prekärer die Überlebenssituation der jeweiligen Bevölkerung ist, umso wahrscheinlicher werden solche Erkrankungen wieder auftreten. Wir werden auch Todesfälle an Infektionskrankheiten sehen, die längst vermeidbar sind.

Um das zu verhindern, gibt es aber Organisationen wie Rotary-International, die mit ihrer Impfkampagne weltweit vor Polio schützen wollen.

Schubert: Impfkampagnen werden vor Ort in den Ländern vor allem von landeseigenen Teams durchgeführt, die von der WHO geschult, mit Impfstoff ausgestattet und finanziert werden. Rotary ist hier ein hilfreicher und starker Partner. Regierungen vor Ort können das oft nicht leisten. Die Teams fahren mit Fahrzeugen und Ausrüstung los, die sie als Teil der internationalen Organisation auszeichnen. Und wenn es dafür kein Geld mehr gibt, dann gibt es auch die lokalen Impfteams nicht mehr. Das heißt, diese Arbeit fehlt dann.

Es wird dazu führen, dass bei einer sprunghaft steigenden Bevölkerungszahl wieder Polio-Fälle auftreten, weil viele Menschen ungeimpft bleiben. Dass die Polio-Fälle zunehmen werden, ist also absehbar.

Sie denken als Rotarier aber nicht daran, das Ziel – Polio auszurotten – aufzukündigen?

Schubert: Es wird jetzt vermutlich länger dauern, dieses Ziel zu erreichen. Die Situation ist schwieriger geworden, aber wir Mitglieder von Rotary, lokal wie international, wollen die Polio immer noch ausrotten. So wie es der Weltgemeinschaft gelungen ist, die Pocken zu besiegen. Und an diesem Ziel kann letztendlich jeder mitarbeiten, egal woher er kommt.

Und der Spruch aus dem Werbefernsehen der 70er-Jahre „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ – der stimmt immer noch.

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