Rio de Janeiro „Königin“ Viviane Araujo ist der Karneval-Star in Rio – und könnte dennoch bald ersetzt werden
Sie sind die Stars des Karnevals in Rio de Janeiro: Doch Viviane Araujo (49) steht noch einmal eine Stufe über allen. Sie ist seit 17 Jahren die Königin der Sambaschule Salgueiro. Doch in Zukunft soll in der Welthauptstadt des Karnevals alles noch prominenter werden.
Gut zwei Stunden dauerte die Busfahrt aus Belford Roxo bis zum Sambodromo in Rio de Janeiro. Dann stürmen Felipe und Sandra so schnell es geht bis ganz hinunter ans Gitter. „Wir wollen ganz nah dran sein und das ist der beste Platz“, sagen sie stolz, als sie es bis ganz nach vorne geschafft haben. Wenn sie ganz viel Glück haben, dann werden gleich die Stars des Sambodromo vielleicht sogar für ein kurzes Selfie anhalten.
Im Gepäck haben sie eine handbemalte Pappe, auf der steht: „Viviane Araujo – Königin Note 10“. Die Bestmarke, die die Karnevalsjury vergeben kann. Gleich daneben stehen Mayarah und Tochter Gaby. Sie haben sich eigens ein Fan-Shirt der Sambaschule Salgueiro mit der Aufschrift „Viviane Araujo“ gekauft und wollen dabei sein, wenn das Spektakel auf der wohl berühmtesten Straße Brasiliens beginnt.
Und dann kommt an diesem brütend heißen Februartag „a rainha das rainhas“, wie die brasilianischen Medien Viviane Araujo (49) nennen: die Königin der Königinnen. Sie schwebt über den Asphalt des Sambodromos. TV-Schauspielerin, Model, Unternehmerin und seit 2008 die Königin der Sambaschule „Academico Salgueiro“.
Es ist der Tag des „Ensaio Tecnico“ an dem die Schulen ihren Probelauf organisieren. Alles ist dann so wie bei den großen weltweit beachteten Umzügen an den Karnevalstagen, nur ohne die offiziellen Kostüme und Mottowagen. Denn die darf jetzt noch niemand sehen. Es sind rund 50.000 Menschen gekommen, die meisten aus den Favelas.
Der Eintritt ist frei. Es sind die wahren Fans da. Beim offiziellen Karneval kaufen hingegen vor allem gut betuchte Touristen und die, die es sich leisten können, die Tickets für umgerechnet mehrere hundert Euro. Dann ist das Publikum in den VIP-Logen auf den teuren Plätzen meist weiß. Beim „Ensaio Tecnicos“ aber ist es überwiegend afrobrasilianisch; arm, dafür aber ehrlich begeistert, fachkundig und textsicher.
Die „Rainhas“ sind die Stars der Umzüge. Allein Viviane Araujo hat über 15 Millionen Follower auf Instagram. Der Prozess ihrer Transformation – das Schminken, das Anprobieren des Kostüms, jeder Auftritt wird von den Medien begleitet. Designer, Hairstylisten, Make-up – wer die Königinnen vorbereiten darf, ist selbst ein Star der Branche.
Viviane Araujo war für einige Schulen aktiv, seit 2008 aber hat sie eine feste Heimat: Salgueiro. „Es ist, als ob ich im Karneval meinen Seelenverwandten gefunden hätte. Ich war an mehreren Schulen und wurde sehr gut aufgenommen, sehr geliebt. Aber das hier ist mein Zuhause, das ist Salgueiro“, sagt Araujo pathetisch.
Karneval in Rio de Janeiro ist aber vor allem ein knallharter Wettbewerb. Die Auftritte der Sambaschulen erhalten für alles Punkte: Für die „Harmonie“ der Gruppen, das jeweilige Sambalied, der Auftritt des Fahnenpaares, die inhaltliche Vorführung ganz am Anfang, bei der es auch mal politisch wird – und natürlich für die Königin.
Eine Jury bewertet jede Facette der Choreografie. Am Aschermittwoch werden die Ergebnisse live im Fernsehen vorgelesen. Im vergangenen Jahr erreichte der Clip von Lorena Improta Kultstatus, als sie den Moment festhielt, als ihre Sambaschule Viradouro von der Jury die letzten noch fehlenden zehn Punkte zur Meisterschaft einsammelte: Eine Explosion der Freude.
Es ist wie beim Fußball, mit Titel und Abstieg. Die Trainer heißen bei den Sambaschulen „Carnevalescos“. Sie sind die Regisseure der Karnevalsumzüge. Die erfolgreichen sind besonders begehrt, wer absteigt wird auch mal entlassen.
„Du spürst den Druck, wenn Du als Königin über diese Straße gehst. Denn es ist eine ungeheure Verantwortung für die Gruppe“, sagt Janaina Krauskopf, die in Niteroi im Bundesstaat Rio de Janeiro geboren ist und mittlerweile in Wien lebt. Vor einigen Jahren ging sie selbst als Königin über die heiligen Meter des Sambodromo.
In diesem Jahr kehrt sie zurück. Als Sängerin der „Academicos de Niteroi“. Der Unterschied zwischen beiden Auftritten sei enorm: „Als Rainha musst du in perfekter körperlicher Verfassung sein, denn alle schauen dich an. Du trainierst wie eine Leistungssportlerin für die Augen der Zuschauer und der Jury.“
„Als Sängerin musst du das Lied perfekt performen können. Hier musst du die Ohren der Menschen überzeugen. Fehler führen zu Punktabzügen und dafür will natürlich niemand verantwortlich sein, denn alle geben ihr Bestes“, sagt Janaina im Gespräch mit dieser Redaktion. Und so kommt es in der genau festgelegten Auftrittszeit immer wieder zu dramatischen Szenen, wenn einmal ein Mottowagen mit einem Motorschaden liegen bleibt oder eine Gruppe in Unordnung gerät.
In Zeiten der sozialen Netzwerke ist die mediale Bedeutung der „Rainhas“ noch wichtiger geworden. Denn sie generieren Aufmerksamkeit und damit ein Werbeumfeld. Ihre Auftritte werden von unzähligen Kameras festgehalten, die Clips werden auf Instagram oder TikTok millionenfach abgerufen. Der übertragene Sender „Globo“ – der mediale Platzhirsch des Landes - sorgt inzwischen hinter den Kulissen für Druck und will kleinere Sambaportale aus der Arena drängen.
Wer für die Rechte bezahlt, will Exklusivität. „Globo“ entscheidet mit seinen Kameras auch mit darüber, wer Karriere macht und wer nicht. Wenn Gisele Bündchen in den VIP-Logen auftaucht, dann berichteten die Klatschspalten weltweit darüber. Regelmäßig wird darüber spekuliert, wer eine „Rainha“ sein darf oder wird. Es sind Top-Models, Schauspielerinnen, TV-Moderatorinnen. „Dafür wird der Raum für Tänzerinnen aus der Favela aber immer kleiner. Das finde ich nicht so gut“ sagt Krauskopf.
Vor wenigen Wochen berichteten die brasilianischen Medien, dass der neue Chef der Sambaschule Salgueiro „Adilsinho“ personelle Wechsel vornehmen wolle. Künftig sollten Prominente die begehrten Plätze als „Rainhas“ und „Musas“ bekommen, die dann wieder Medien und noch mehr Publikum anziehen würden. So könnte die Ära von Viviane Araujo, die im März 50 Jahre alt wird, zu Ende gehen, spekulieren die Blätter. Insgesamt könnten acht Frauen ihre Posten verlieren.
Die Kommerzialisierung des Karnevals erinnert an jene des Fußballs. Die besten Sambastars generieren die höchsten Einschaltquoten und füllen das Sambodromo. In der Karnevalszeit gibt es Auftritte in den Straßen von Rio de Janeiro, in den TV-Shows und auf Events. Die „Rainhas“ sind aufgrund ihrer enormen Reichweite und der Verkörperung eines brasilianischen Schönheitsideals ein idealer Werbepartner für die Industrie.
Der Körperkult sei eine Folge der sozialen Ungleichheit, sagen Soziologen. Schöne durchtrainierte Körper erreiche niemand mit Beziehungen oder reichen Eltern, dafür müsse eben diszipliniert trainiert werden. Beim Training seien alle gleich. Wer mehr als andere tue, habe eine Aufstiegschance.
Und der Karneval ist längst ein Wirtschaftsfaktor: Nach einer Schätzung des Nationalen Verbandes für Waren-, Dienstleistungs- und Tourismushandel (CNC) wird der Karneval 2025 voraussichtlich mehr als 12 Milliarden Real (umgerechnet etwa zwei Milliarden Euro) an Einnahmen im Land generieren. Bars und Restaurants dürften mit einem geschätzten Umsatz von umgerechnet etwa 900 Millionen Euro an der Spitze liegen. Es folgen Transportdienstleistungen und Hotels.
Das Epizentrum ist das „Sambodromo da Marques de Sapucai“, das 1084 von Stararchitekt Oscar Niemeyer erbaut wurde. Die weltberühmte Arena ist etwa 700 Meter lang und bietet 88.500 Zuschauern Platz. Außerhalb der Karnevalszeit führt der normale Straßenverkehr durch die Arena. Doch es gibt Überlegungen eine neue Arena zu bauen, sie würde – wie die neuen Fußballarenen, die Möglichkeit einer verbesserten Vermarktung bieten, mit mehreren exklusiven Logen und Verkaufsständen. Der Karneval von Rio ist auf dem Weg zu einem Hochglanz-Produkt.