Von der Türkei in die Krummhörn Kurdische Journalisten finden in Uttum Zuflucht
Nihat Kutlu und seine Frau Nevin berichteten viele Jahre lang im Südosten der Türkei für kurdische Medien. Doch ihre Worte brachten sie in Gefahr. Wie sieht ihr neues Leben in der Krummhörn aus?
Uttum - Nihat Kutlu und seine Frau Nevin sind auf dem Weg zum Einkaufen, als sich plötzlich ein Panzer von hinten nähert. Mehrere bewaffnete Männer steigen aus und fragen das kurdische Paar nach seinem Beruf. Die beiden Journalisten erzählen von ihrem Job bei einer Zeitung im türkischen Diyarbakır, der ihnen in letzter Zeit immer mehr Schwierigkeiten bereitet. „Die Männer warfen uns Propaganda vor“, erinnert sich Nihat Kutlu. „Und sie boten uns Geld.“ Im Gegenzug hätten er und seine Frau als Spione für das türkische Paramilitär arbeiten sollen.
„Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass die Gefahr sehr groß ist“, sagt Nihat Kutlu. Andere kurdische Kollegen seien bereits inhaftiert, verletzt oder sogar getötet worden. „Einfach nur, weil sie Journalisten waren.“ Nun wird diese Gefahr auch für den 33-Jährigen und seine Frau greifbar. Wenig später entscheiden sie, ihr Heimatland mit ihrer siebenjährigen Tochter zu verlassen.
Flucht im hinteren Teil eines Pritschenwagens
Weil für die Familie in der Türkei ein Ausreiseverbot gilt, kann sie nicht einfach in ein Flugzeug steigen und in ein anderes Land reisen. Stattdessen zahlt das Paar einen hohen Geldbetrag, um mithilfe von Schleppern zunächst mit dem Bus nach Istanbul und dann mit einem Flugzeug nach Sarajewo gebracht zu werden. Von dort aus führt der Weg für die Familie, die sich im hinteren Bereich eines Transporters versteckt, quer durch Europa. Mit dabei hat sie nur die Kleidung am Körper sowie einen Koffer. Alles andere lässt sie im Südosten der Türkei zurück. Welche Länder die Familie auf der Flucht passiert, kann sie nicht genau sagen.
Als sie in Deutschland ankommt, nimmt sie Kontakt zu einem Bekannten auf, der sie abholt und nach Oldenburg bringt. Der weitere Weg führt in die Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung in Laatzen bei Hannover, wo die Familie einen Asylantrag stellt. „Dort habe ich zufällig auch ehemalige Kollegen aus Diyarbakır getroffen“, sagt Nihat Kutlu. Mit Blick auf die Statistik verwundert dies nicht: Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben 2023 mehr als 60.000 Menschen aus der Türkei, die deutliche Mehrheit davon Kurden, einen Antrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Damit sind sie nach Syrern inzwischen die zweitgrößte Gruppe.
Von Diyarbakır ins beschauliche Uttum
Die Flucht liegt nun etwa acht Monate zurück. Inzwischen haben die Kutlus eine kleine Wohnung in einem Neubaugebiet im beschaulichen Uttum bezogen. Die Angst vor dem Paramilitär ist in weite Ferne gerückt. Die Sorge ist nun eine andere: „Werden wir unsere Familie und Freunde jemals wiedersehen und sind sie sicher?“, fragt Nihat Kutlu. Sein Blick schweift durch das kleine Wohnzimmer im Dachgeschoss. Dort stehen ein Tisch mit vier Stühlen, ein kleines Sofa und ein Fernseher – die Wohnung ist einfach, aber gemütlich eingerichtet. Beinahe jeder Gegenstand ist etikettiert mit seinem deutschen Begriff. Die Familie hofft so, möglichst schnell das nötige Vokabular für den Alltag zu lernen. Derzeit wartet sie noch auf einen Platz im Integrationskurs.
An diesem Vormittag Mitte Februar 2025 liegt noch Schnee auf den Dächern der Häuser, es friert. „Es ist eine andere Welt hier“, sagt Nihat Kutlu. Zu Besuch sind nicht nur eine befreundeter Landsmann aus Hamburg, der den beiden als Dolmetscher aushilft, sondern auch Jutta Lerche-Schaudinn, die nur zwei Häuser weiter wohnt und die Familie schon seit mehreren Monaten unterstützt. Die ehemalige Lehrerin der Grundschule Jennelt fährt mit den Kutlus einkaufen, sie lernt mit ihnen Deutsch oder leistet manchmal auch einfach nur Gesellschaft.
Hoffnung auf eine angstfreie Zukunft
Das Leben im Dorf hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist es nicht so anonym wie in einer großen Stadt, andererseits sind die Wege aber oft weiter. Einen Führerschein haben die beiden zwar, allerdings hat er in Deutschland inzwischen keine Gültigkeit mehr. Vor allem die siebenjährige Tochter habe sich jedoch schnell eingelebt, sagt Jutta Lerche-Schaudinn. Sie besuche die erste Klasse der Jennelter Grundschule und habe bereits viele Freunde gefunden.
Sprachlich macht die Grundschülerin große Fortschritte. Ihre Eltern beobachten dies mit Freude. „Wir haben Hoffnung. Wir haben das alles auch deshalb auf uns aufgenommen, um für unsere Tochter eine andere Zukunft aufzubauen. Damit sie das, was wir erlebt haben, nicht selbst erleben muss“, sagt Nevin Alkan Kutlu. Für sie und ihren Mann hat nun ein Deutschkurs oberste Priorität. „Das ist der Schlüssel“, sagt die 36-Jährige. Sie und ihr Mann hoffen, schon bald wieder arbeiten zu können – vielleicht auch wieder als Journalisten.