Cannabis-Anbau  Erste Ernte für ostfriesischen Cannabis-Verein in Emden

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 20.02.2025 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Marco Sousa Fernandes Inacio kümmert sich um die Cannabis-Pflanzen vom Verein „Grüner Anker“. Foto. Ortgies
Marco Sousa Fernandes Inacio kümmert sich um die Cannabis-Pflanzen vom Verein „Grüner Anker“. Foto. Ortgies
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Im Herzen Emdens wächst Cannabis legal in einem alten Bunker. Der Verein „Grüner Anker“ lässt sich von einer Missernte nicht entmutigen und plant schon für die Zukunft – ohne Angst vor der CDU.

Emden - Es riecht schon deutlich „grün“, wenn man die Räume des ersten ostfriesischen Cannabis-Vereins in einem der Emder Bunker betritt. Doch vor allem ist es erstmal kühl in dem kleinen Vorraum, den der Verein „Grüner Anker“ für die Ausgabe von Haschisch und Marihuana an seine Mitglieder vorgesehen hat. Eine kleine Sitzecke, ein Tresen, die Geschichte des Vereins im künstlerischen Graffiti an den Wänden verewigt: Selbst wenn man hier zufällig hereinkommt, weiß man schnell, worum es geht.

Zufällige Gäste sind allerdings weder vorgesehen noch erwünscht. Das gilt vor allem für die Räume im hinteren Bereich, die der Verein gerade umgebaut hat und in Teilen noch umbaut. Denn dort wächst das heran, was erst seit vergangenem Jahr in Deutschland legal konsumiert werden darf: Cannabis. Auch aufgrund der Raumsicherheit wählte der Verein einen alten Bunker, die Flure sind videoüberwacht, die Türen schwer und dick.

Wo kann ich mich über Cannabis und die aktuellen Regelungen informieren?

Das Land Niedersachsen hat im Internet eine sehr umfangreiche Sammlung zu den wichtigsten Fragen rund um Cannabis, Anbauvereine und das neue Cannabis-Gesetz erstellt.

Zu finden sind die Informationen hier: https://www.niedersachsen.de/cannabis/informationen-zum-cannabisgesetz-231845.html.

Mehltau und Spinnmilben zerstörten erste Ernte

Marco Sousa Fernandes Inacio, Vorstandsmitglied vom „Grünen Anker“, hat einen weißen Overall über seiner normalen Kleidung an. Ohne den darf niemand den Anbaubereich betreten. Der Verein hat hier schon Lehrgeld gezahlt: 72 Hanf-Pflanzen sind durch eingeschleppten Mehltau und Spinnmilben verdorben worden. Es hätte die erste Ernte werden sollen, stattdessen mussten die Pflanzen komplett vernichtet werden. „Wir wissen nicht, wie das Zeug hier reingekommen ist“, sagt Vorsitzender Benjamin Ites im Gespräch mit dieser Zeitung. Eine Ernteausfall-Versicherung gibt es für Cannabis-Vereine noch nicht, sagt er. „Das haben wir über die Satzung geregelt, das muss über die Mitglieder aufgefangen werden.“ Knapp 40 davon hat der Verein mittlerweile – und die halten zum Vorstand. „Wir sind unseren Mitgliedern wirklich dankbar“, sagt Benjamin Ites.

Einmal posieren, bitte: Benjamin Ites im Ausgaberaum des Anbauvereins. Foto: Ortgies
Einmal posieren, bitte: Benjamin Ites im Ausgaberaum des Anbauvereins. Foto: Ortgies

Mittlerweile ist die nächste Runde an Pflanzen geerntet und in der Trocknung. Um die Pflege kümmert sich Marco Sousa Fernandes Inacio. Jede Pflanze wird noch per Hand gegossen, die Menge wird genau berechnet. Auch die Zusätze im Wasser, die den Pflanzen beim Wachsen helfen sollen, werden genau abgewogen. Auf zwei Tischen kann man beim Besuch Cannabis-Pflanzen in unterschiedlichen Stadien des Wachstums sehen. „Schaut euch diese Blüte an“, sagt Marco Sousa Fernandes Inacio. Die Begeisterung ist ihm anzumerken. Der Vorstand schmiedet schon weitere Pläne, will im Bunker einen weiteren Anbaubereich einrichten. Der soll dann für die Hauptproduktion dienen, der bisherige mehr zu Schulungszwecken für Vereinsmitglieder, die helfen wollen. Auch eine Vergrößerung des Vereins ist schon geplant.

Vereine glauben nicht an Rücknahme des Cannabis-Gesetzes durch die CDU

Aber macht sich der Verein keine Sorgen, dass eine neue Bundesregierung unter der CDU von Friedrich Merz das Cannabis-Gesetz wieder kippen könnte? Angekündigt hat Merz dies bereits. „Das würde die Wirtschaft schwächen und den Schwarzmarkt wieder stärken“, sagt Marco Sousa Fernandes Inacio. Tatsächlich ist der legale Cannabis-Markt, der in Deutschland bislang vor allem von Apotheken und medizinischem Cannabis versorgt wurde, ein großer. Allein im dritten Quartal 2023 setzten Apotheken deutschlandweit rund 4,9 Tonnen medizinisches Cannabis ab, berichtet Statista. „Im Jahr 2020 wurden auf dem legalen Cannabis-Markt in Europa rund 230,7 Millionen Euro umgesetzt. Laut Prognose könnten sich die Umsätze bis zum Jahr 2025 auf über 3,1 Milliarden Euro mehr als verzehnfachen“, berichtete ebenfalls Statista im vergangenen Jahr.

Im Anbaubereich trägt Marco Sousa Fernandes Inacio immer eine Sonnenbrille – das liegt an der besonderen Beleuchtung, die zur Aufzucht der Pflanzen benötigt wird. Foto: Ortgies
Im Anbaubereich trägt Marco Sousa Fernandes Inacio immer eine Sonnenbrille – das liegt an der besonderen Beleuchtung, die zur Aufzucht der Pflanzen benötigt wird. Foto: Ortgies

Der Vorstand vom „Grünen Anker“ geht davon aus, dass die CDU nicht den Rückschritt zu einem unkontrollierten Schwarzmarkt gehen wird. Davon geht auch der „Mariana Cannabis“ Verein aus, ein Gesamtverein für verschiedene Cannabis Social Clubs. Emden gehört diesem zwar nicht an, aber „Mariana Cannabis“ geht auch davon aus, dass das Gesetz als solches nicht gekippt wird. „Eine Rücknahme des Gesetzes würde massiven Schaden verursachen“, sagt der gebürtige Ostfriese Keno Mennenga, Pressesprecher von „Mariana Cannabis“. Eine Rücknahme würde, so Keno Mennenga weiter, beispielsweise auch dazu führen, dass die Qualitätskontrolle wieder weg wäre. Denn die Anbauvereine unterliegen strengen Vorschriften. „Dem Schwarzmarkt ist die Qualität aber völlig egal“, so der Pressesprecher. Er geht aber davon aus, dass das Gesetz nochmal überarbeitet wird. „Es gibt aber auch in der Union Stimmen, mit denen man konstruktiv reden kann“, sagt Keno Mennenga. Oft sei es nur mangelnde Aufklärung, die die Diskussion bestimme. „Da wollen wir auch nach der Wahl Gespräche suchen und anbieten und aufklären.“

Auf Gespräche setzt auch der „Grüne Anker“ in Emden. Man sei im regelmäßigen Austausch unter anderem mit der Stadt, der Polizei und dem Jugendschutz. Dabei gebe es auch durchaus Überraschungsmomente. „Das Durchschnittsalter unserer Mitglieder liegt bei ungefähr 40 Jahre“, sagt Benjamin Ites. „Das ist älter als viele denken. Wir haben auch viele Mitglieder, die älter als 50 Jahre sind.“

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