Weltraumschrott  Viele Ostfriesen haben den Raketen-Absturz gesehen

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 19.02.2025 12:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Christian Cordes aus Großwolde hat auf dem Weg mit dem Rad zur Arbeit um 4.42 Uhr dieses Foto von der verglühenden Raketenstufe gemacht. Foto: Christian Cordes
Christian Cordes aus Großwolde hat auf dem Weg mit dem Rad zur Arbeit um 4.42 Uhr dieses Foto von der verglühenden Raketenstufe gemacht. Foto: Christian Cordes
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Gegen 4.40 Uhr am Mittwochmorgen war der Absturz einer Raketenstufe von SpaceX auch in Ostfriesland zu sehen. Christian Cordes hatte beim Anblick erst einmal ein mulmiges Gefühl.

Ostfriesland - Christian Cordes war am frühen Mittwochmorgen wie immer mit dem Rad zur Arbeit unterwegs. Zu so früher Stunde – er radelte gegen 4.40 Uhr – ist sonst kaum jemand auf den Straßen in Großwolde (Westoverledingen), es ist ruhig. Umso mehr fiel es ihm dann auf, als ein leichtes Grummeln vom Himmel zu hören war. „Das war der Vorbote“, sagt der Ortsbrandmeister der Feuerwehr Großwolde im Gespräch mit dieser Zeitung. Dann sah er das leuchtende Flugobjekt, das zur Erde stürzte.

Marie Esen hat zu Arbeitsbeginn um 4.45Uhr auch in Wiesmoor/Hinrichsfehn den Weltraumschrott verglühen sehen. Foto: Marie Esen
Marie Esen hat zu Arbeitsbeginn um 4.45Uhr auch in Wiesmoor/Hinrichsfehn den Weltraumschrott verglühen sehen. Foto: Marie Esen

„Das sah aus, als wäre es in greifbarer Nähe“, sagt Cordes. Geistesgegenwärtig sprang er vom Fahrrad und machte ein Foto mit dem Handy. „Vielleicht bin in der Einzige, der das gesehen hat, habe ich gedacht.“ Um die Uhrzeit liegen die meisten Menschen im warmen Bett. Ein mulmiges Gefühl beschreibt er bei der kurzen Sichtung. Was war das bloß? Bei der Arbeit recherchiert er schnell im Internet. Erleichterung. Es soll sich um Weltraumschrott handeln, der in die Erdatmosphäre eingedrungen war.

Raketenteil von Elon Musk verglühte über Deutschland

Wie ein Sprecher des Weltraumkommandos der Bundeswehr im nordrhein-westfälischen Uedem gegenüber dem NDR mitteilte, handelte es sich um einen unkontrollierten Wiedereintritt eines Teils einer Falcon-9-Rakete in die Atmosphäre. Die Rakete gehörte zum Raumfahrt-Unternehmen SpaceX von Tech-Milliardär Elon Musk. Das Unternehmen teilte auf seiner Website mit, dass eine Falcon 9 um 0.21 Uhr deutscher Zeit 23 Starlink-Satelliten in die erdnahe Umlaufbahn gebracht habe. Während der sogenannte Booster der Rakete wieder auf der Erde landet, verglüht die zweite Raketenstufe in der Atmosphäre.

"Dieses Bild habe ich heute Morgen um 4.50 Uhr in Beningafehn aufgenommen", schreibt Kai Fuhlhage. Foto: Kai Fuhlhage
"Dieses Bild habe ich heute Morgen um 4.50 Uhr in Beningafehn aufgenommen", schreibt Kai Fuhlhage. Foto: Kai Fuhlhage

Zunächst hieß es in vielen Medien, es habe sich bei der Leuchterscheinung um einen abgestürzten amerikanischen Satelliten gehandelt. Gegenüber dem NDR hatte ein Sprechers des Weltraumlagezentrums mitgeteilt, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden habe. Solche Wiedereintritte würden demnach regelmäßig beobachtet. Sie seien je nach Größe des Objekts bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre mehr oder weniger gut zu sehen, hieß es gegenüber dem NDR. Viele Menschen hätten besorgt bei der Polizei in Hamburg angerufen. Das kann von der Polizeiinspektion Leer/Emden für ihren Bereich nicht bestätigt werden. Es habe keine Anrufe deswegen gegeben, sagte eine Sprecherin. Auch von der PI Aurich/Wittmund heißt es: „Es war für uns kein Thema.“

Gegen 4.45 Uhr hat Bernd van Ellen in Emden beobachtet, wie der glühende Weltraumschrott quer Richtung Westen über die Stadt flog. Foto: Bernd van Ellen
Gegen 4.45 Uhr hat Bernd van Ellen in Emden beobachtet, wie der glühende Weltraumschrott quer Richtung Westen über die Stadt flog. Foto: Bernd van Ellen

Schon Stunden vorher Sichtungen in Leer und Emden

Die meisten Sichtungen gab es deutschlandweit gegen 4.40 Uhr. Uns wurden mehrere Videos zugeschickt unter anderem aus Emden, Aurich-Popens und Münkeboe, in denen der leuchtende Weltraumschrott sehr gut zu sehen ist. In einschlägigen Foren, in denen Leuchterscheinungen am Himmel von vielen Nutzern eingetragen werden, sind aber auch schon frühere Beobachtungen in der Nacht gelistet. Auch Norbert Fiks aus Leer berichtet dieser Zeitung von einer Erscheinung kurz nach 1 Uhr. Vielleicht eine Sekunde habe er den Leuchtschweif am Himmel gesehen. Heller als eine Sternschnuppe und nicht vom Boden gen Himmel fliegend wie eine Silvesterrakete. Es liegt nahe, dass es sich auch hier schon um erste Teile der Raketenstufe gehandelt haben.

Kerstin Stomberg aus Emden hat bereits um etwa 20 Uhr eine Leuchterscheinung gesehen. Foto: Kerstin Stomberg
Kerstin Stomberg aus Emden hat bereits um etwa 20 Uhr eine Leuchterscheinung gesehen. Foto: Kerstin Stomberg

Kurioserweise hatte uns Kerstin Stomberg aus Emden schon gegen 20 Uhr ein Foto von einer Leuchtkugel am Himmel geschickt. Auch haben wir ein Video erhalten, dass den leuchtenden Ball am noch halbwegs hellen Abend gegen 18 Uhr in Moordorf zeigt. In den einschlägigen Foren sind auch von anderen Menschen deutschlandweit einige Sichtungen eingetragen worden. Wie kann das sein, wenn erst nach 0.20 Uhr deutscher Zeit die 23 Satelliten in die Umlaufbahn gebracht wurden und später die Raketenstufe verglühte? Denkbar wäre ein ungewöhnlicher Zufall. Immer wieder werden Feuerbälle am Nachthimmel beobachtet – im April 2024 beispielsweise eine große Leuchterscheinung über Emden.

Karin Hoffmann hat um 4.45 Uhr ein Foto von dem Himmelsspektakel gemacht. Dazu schreibt sie, dass es ihr sehr lange vorgekommen ist, bis das Leuchten nicht mehr zu sehen war. Foto: Karin Hoffmann
Karin Hoffmann hat um 4.45 Uhr ein Foto von dem Himmelsspektakel gemacht. Dazu schreibt sie, dass es ihr sehr lange vorgekommen ist, bis das Leuchten nicht mehr zu sehen war. Foto: Karin Hoffmann

Oder waren es doch Aliens? Social Media begeistert

Ein Feuerball ist eine große Sternschnuppe. Genauer: ein besonders heller Meteor. Dringt dieser in die Erdatmosphäre ein, dann verglüht er und ist – jetzt als Meteoroid – gut sichtbar durch das Aufleuchten. Handelt es sich um einen größeren Brocken, dann können sogar Teile davon, genannt Meteoriten, auf die Erde fallen. Das aber ist sehr selten. In Niedersachsen sind bislang insgesamt nur acht Fundorte von Meteoriten dokumentiert, unter anderem einer im Emsland.

Nils Noormann hat uns dieses Foto aus Norden geschickt. Foto: Nils Noormann
Nils Noormann hat uns dieses Foto aus Norden geschickt. Foto: Nils Noormann

In den sozialen Medien wurde und wird natürlich bei Leuchterscheinungen am Himmel auch gleich die Theorie aufgestellt, dass es sich um Alien-Landungen handeln könnte. Bei Hansjürgen Köhler von der UFO-Meldestelle CENAP in Südhessen stand ab 4.48 Uhr das Telefon nicht mehr still, weil viele Leute ihm das Phänomen schilderten. Als die Anruferinnen und Anrufer ihm erklärten, die Himmelserscheinung sei teils fast zwei Minuten lang zu sehen gewesen, war ihm klar: Sternschnuppen waren es nicht. Die sind nach ein paar Sekunden vorbei. „Aber beim Wiedereintritt von Weltraumschrott in die Atmosphäre dauert es länger, der bröselt dann auseinander und löst sich in Teile auf. Das sieht klasse aus, keine Frage“, so Köhler. Von Hessen bis an die Nordsee gingen bei ihm Sichtungen ein.

Derzeit lässt Elon Musk alle paar Tage Falcon-9-Raketen starten. Sehen wir jetzt fast jede Nacht Weltraumschrott zur Erde stürzen? Wohl eher nicht. Die in der Nacht sichtbare Raketenstufe sei irgendwo über Nordirland oder Großbritannien in die Atmosphäre eingetreten, und deswegen auch von Deutschland aus sichtbar gewesen, hieß es vom Weltraumkommando der Bundeswehr. Meistens verglühen die Raketenteile anderswo, oft auch über dem Meer. Dort beobachtet das Spektakel dann meist niemand.

Mit Material von dpa.

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