Wahlkampf in Ostfriesland Der Kanzler bei VW Emden – ein Abschiedsbesuch, der keiner sein will
Das war ein Abstecher nach Ostfriesland, der wohl noch einige Zeit in Erinnerung bleiben wird: Olaf Scholz macht Wahlkampf bei VW Emden und wird dafür mit so etwas wie einem Jobangebot belohnt.
Emden - Die Nachricht des Tages lautet wohl: Der Kanzler hat einen neuen Job. Zumindest in Aussicht. Als Olaf Scholz am Dienstag im VW-Werk in Emden an der Linie eigenhändig eine Dämmmatte in einem Auto verlegt, wird er hinterher von VW-Mitarbeiterin Silke Jürgens mit den Worten bedacht: „Perfekt. Sie könnten bei uns anfangen.“
Ob der SPD-Politiker das wirklich wollen würde, falls es nach der Wahl am Sonntag doch nicht für eine zweite Runde im Kanzleramt reichen sollte, kann sicher bezweifelt werden. Schließlich wird er im Juni 67 und hat damit sein Soll eigentlich längst erfüllt. Auch müsste er mit einem monatlichen Durchschnittsbrutto von 4500 Euro in der Montage den Gürtel wohl deutlich enger schnallen als mit den jetzigen etwa 20.000 Euro. Aber natürlich ist das auch nicht der eigentliche Grund für Scholz‘ Abstecher zu VW Emden.
Voller Einsatz auf den letzten Metern
Auf den letzten Metern zum Wahlsonntag wollte die SPD noch einmal Punkte sammeln. Dass sie das bitter nötig hat, wird wohl niemand bestreiten. An den Autostandort Emden zu kommen, ist aber auch nicht ganz ohne Risiko. Der Absatz von E-Autos schwächelt, die vollelektrische Strategie von VW und auch der Sozialdemokratie ist ins Gerede gekommen, die Zeiten sind schwierig im Autoland.
Da tut allen Beteiligten Optimismus gut. Nicht nur meckern, sondern mit anpacken: Das war wohl auch die Botschaft von Olaf Scholz an diesem Dienstag in Halle 20 bei VW Emden, als er eine Dämmmatte verlegte. Er tat das natürlich vor Publikum. Und dieses Publikum könnte man sich größer kaum vorstellen. Knapp 40 Journalisten waren nach Emden geeilt. Darunter natürlich die ostfriesischen Medien, aber eben auch Sender wie der NDR, RTL/Sat.1 und sogar der US-amerikanische Fernsehsender CNN. Die Kollegen aus den Staaten sprachen zwar kein Wort Deutsch, dafür der Kanzler aber Englisch. Also alles gut.
Polizeihund durchschnüffelt Gepäck
Wer als Journalist den Kanzler mal hautnah auf ostfriesischem Boden erleben wollte, musste allerdings einiges an Geduld mitbringen. Zwei bis drei Stunden ließ man die Medienmeute warten, Mäntel, Rucksäcke und Kameras von einem Personenschutzhund nach Sprengstoff durchschnüffeln.
Als Belohnung gab es dann zwar keine echten Nachrichten, dafür aber ein fast schon spektakuläres Sicherheitsaufgebot. Mit vier gepanzerten Mercedes-Limousinen und einem mit Spezialkräften bestückten Mannschaftswagen rückte der Kanzler vor der Montagehalle an. Er selbst saß ausnahmsweise mal am Steuer eines in Emden gefertigten – natürlich knallroten – ID.7 Tourer. Er lobte – wie könnte es auch anders sein – den E-Antrieb als „das bessere Auto“.
Werksleiter mit neuen Zahlen
Technologieoffenheit, wie Unions-Herausforderer Friedrich Merz immer wieder proklamiert, ist nicht des Kanzlers Ding. Er ist damit ganz nah an Enno Fehse, dem neuen Werksleiter von VW Emden, dem naturgemäß nichts anderes übrigbleibt, als die E-Mobilität an einem Tag wie diesem zu lobpreisen.
Laut Fehse sollen in Emden in diesem Jahr 163.000 Fahrzeuge vom Band laufen. Zur einen Hälfte der vollelektrische SUV ID.4, zur anderen Hälfte das aktuelle E-Spitzenmodell ID.7. Den ID.7 gibt es als Limousine und als Kombi; vom Passat Kombi-Nachfolger ID.7 Tourer sind in diesem Jahr 60.000 Fahrzeuge geplant. Tag für Tag sollen so 730 E-Fahrzeuge montiert werden. Immerhin diese Planzahlen sind neu, weil VW solche Daten ansonsten nur ungern herausrückt. Diese Offenheit mag wohl dem Kanzlerbesuch geschuldet sein.
Ambitionierte Pläne aus Wolfsburg
Allerdings gelten die Produktionsvorgaben aus Wolfsburg auch als ambitioniert. Denn die relativ teuren ID-Modelle müssen schließlich auch verkauft werden. Die SPD will, wenn sie denn wieder an einer Regierung beteiligt sein sollte, den Kauf von E-Autos stärker ankurbeln. Während ihrer Regierungszeit ist der Absatz hingegen geradezu eingebrochen.
Nun soll alles besser werden. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff aus Pewsum sagte unserer Redaktion am Rande des Kanzlerbesuchs in Emden, man hoffe in einer neuen Regierung auf eine Förderprämie. Wie die ausgestaltet werde, sei noch offen. Im Wahlprogramm der SPD findet sich dazu ein zeitlich befristeter „Steuerabzug für die Anschaffung eines in Deutschland produzierten E-Autos“ unter „Einbeziehung von jungen Gebrauchten sowie Leasingmodellen“. Das solle einfach und unkompliziert umsetzbar sein: „Kaufen, bei der Steuer angeben, Zuschuss direkt aufs Konto“, heißt es im Wahlprogramm der SPD. Auch die Kfz-Steuerbefreiung für E-Autos soll bis 2035 verlängert werden.
Dienstwagen-Offensive aus Emden
Vor Ort in Emden verwies der Kanzler darauf, bereits viel bei der Dienstwagenbesteuerung erreicht zu haben. Sollten sich E-Autos stärker als bisher als Dienstwagen durchsetzen, wäre das eine gute Nachricht für VW-Emden. Man habe hier am Standort eine Dienstwagen-Quote von 60 Prozent, so Scholz nach seinem Rundgang vor Journalisten. Eine Verkaufsstrategie, die auch schon beim Passat verfangen hatte. Ob sie aber 1:1 auf den ID.7 Tourer übertragbar ist?
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, an diesem Dienstag ebenfalls Teil der Kanzler-Entourage, sagte dem VW-Werk in Emden jedenfalls eine „große Perspektive“ voraus. Ob Emden solche Hoffnungen mit oder ohne die Mitarbeit von Olaf Scholz hat, ist eigentlich gar nicht so zentral. Er, der Kanzler, durfte am Dienstag jedenfalls mal erleben, wie es in Emden an der Linie zugeht. Als Scholz seine Dämmmatte – ehrlicherweise doch etwas umständlich – verlegt hatte, frotzelte ein VW-Mitarbeiter direkt gegen den Kanzler: „Mann, fast hätten wir heute die 800 erreicht.“ Der Angesprochene stutzte kurz und lachte dann ungewöhnlich herzlich. Wie man das bei einem anständigen Abschied halt so macht.
Kanzler Olaf Scholz bei VW in Emden – so lief der Besuch ab