Viele besondere Momente So arbeitet eine Hebamme auf Borkum
Anna Rohde ist seit vergangenem Jahr auf Borkum als Hebamme unterwegs und begleitet werdende Mütter auf der Insel. Das sind die Herausforderungen auf Borkum und ihre Pläne für die Zukunft.
Borkum - „In diesem Beruf ist jeder Termin etwas Besonderes“, sagt Anna Rohde. Seit Mai 2024 arbeitet sie auf Borkum als Hebamme. Die 33-Jährige begleitet werdende Mütter vor der Geburt und im Wochenbett. Insgesamt sei das etwa ein Zeitraum von 40 Wochen, sagt sie. Der Beruf verbindet alles, was Rohde wichtig ist. „Medizin war für mich immer faszinierend, aber auch die sozialen Aspekte. Als Hebamme darf man seine Patientinnen lange begleiten“, sagt sie.
Dass das ihr Traumberuf ist, wusste sie lange nicht. Nachdem die gebürtige Essenerin mit zwölf Jahren zu ihrem Vater nach Borkum gezogen war, machte sie dort ihren Realschulabschluss. Für das Abitur zog es sie zurück aufs Festland. „Ich bin in meinen Lebensabschnitten immer wieder gependelt“, sagt Rohde mit einem Lächeln. „Ich habe ein Nordrhein-Westfalen-Herz und ein Borkum-Herz in mir schlagen.“ Ihre Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten schloss sie wiederum auf der Insel ab.
Über Südafrika nach Borkum
In ihrem Auslandsjahr in Südafrika machte sie sich Gedanken über die Zukunft. Ein Praktikum bei einer freiberuflichen Hebamme zeigte ihr, wie sehr ihr der Beruf gefällt. In Bochum studierte die 33-Jährige Hebammenwissenschaften. „Nach ein paar Jahren auf dem Festland und in Großstädten wollten wir wieder zurück auf die Insel“, sagt Rohde. Für ihre Kinder sei es ein Segen auf Borkum aufzuwachsen. „Mit unserem zweiten Kind und dem familiären Hintergrund war es nur naheliegend, hierher zurückzuziehen.“
Mit Rohde hat Borkum jetzt eine Hebamme, die auf der Insel wohnt und arbeitet. In den vergangenen paar Jahren war eine Familienhebamme, Marina Brinkmann, einmal monatlich auf der Insel, um Familien zu unterstützen. „Die medizinische Struktur ist hier ein wenig begrenzt“, sagt Anna Rohde. Aber die Zusammenarbeit mit den Ärzten und anderen medizinischen Einrichtungen klappe gut auf der Insel. Dr. med. Bettina von Stuckrad etwa bietet nach eigenen Angaben Patientinnen „eine komplette gynäkologische Ambulanz mit sämtlichen Leistungen einer üblichen Niederlassung an“, darunter das gesamte ärztliche geburtshilfliche Angebot inklusive Ultraschalluntersuchungen. Sie ist als Gynäkologin in der Knappschaftsklinik angestellt und betreut dort die stationären Rehapatientinnen in der gynäkologischen Onkologie. Sie hat zwar keine Vollzeitpraxis, aber feste Sprechzeiten, zu denen man bei ihr einen Termin vereinbaren kann – in dringenden Fällen möglichst auch kurzfristig. „Mir liegt die Versorgung der Borkumerinnen im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe sehr am Herzen, weswegen ich dies zusätzlich zu meiner Tätigkeit in der Klinik anbiete“, sagt Dr. med. Bettina von Stuckrad.
Bei schlechtem Wetter kann es brenzlig werden
Aus versicherungstechnischen Gründen darf Anna Rohde selbst keine Geburt betreuen. Dafür müssen werdende Mütter aufs Festland. Bei medizinischen Notfällen sind die Insulaner und Touristen auf Fähre, Hubschrauber oder Seenotrettungskreuzer angewiesen. Bei schlechtem Wetter könne es brenzlig werden, meint Anna Rohde. Auch vermisse sie den Austausch mit anderen Hebammen, der auf dem Festland einfacher zu finden ist.
Auf der Insel zu arbeiten, habe aber auch seine Vorteile. Die Nähe zueinander, dass sie Patientinnen oft auch nach dem Wochenbett trifft, zufällig im Alltag, und die Kinder mit aufwachsen sieht. Anna Rohde beschreibt sich selbst als emotionalen Menschen. „In dem Beruf ist das ein Balanceakt. Emotionen zu zeigen, ist ja nicht schlimm. Aber für mich steht als Hebamme die Professionalität im Vordergrund.“
Besondere Erinnerungen
Eine ihrer Patientinnen, die sie in ihrer Ausbildung begleitet hat, kommt hin und wieder nach Borkum. „Es ist schön, sie und das Kind wiederzusehen.“ Inzwischen geht das Kind auf eine weiterführende Schule. „Das ist schon verrückt“, beschreibt Anna Rohde.
Ein Moment, der Rohde in Erinnerung geblieben ist, war nach einer Hausgeburt. Die Mutter hatte schon zwei Jungen. Die waren während der Geburt bei einem Nachbarn. Als die beiden dann nach Hause kamen, wollten sie ihre neugeborene, kleine Schwester sofort in Augenschein nehmen. „Ich habe selten Tränen in den Augen. Aber als die zwei Brüder sich zu der kleinen Schwester gelegt haben, war das so harmonisch und ruhig“, sagt die 33-Jährige.
Eigene Schwangerschaft und Pläne für die Zukunft
Bei ihrer zweiten Schwangerschaft auf Borkum hätte sich Anna Rohde selbst eine Hebamme gewünscht. „Der persönliche Kontakt wäre schön gewesen. Aber auch jemand, der mir Kontext gibt und meinen Sohn beurteilt“, erklärt die 33-Jährige. Mit einer Hebamme hätte sie sich weniger den Kopf zerbrochen.
Auf Borkum betreut Anna Rohde ihre Patientinnen ab der frühen Schwangerschaft bis zwölf Wochen nach der Geburt mit Vorsorgeuntersuchungen und Bedarfsterminen. Dabei lernt sie auch die Familie besser kennen und weiß mit der Zeit, wie sie die Frauen am besten unterstützen kann. Im Wochenbett kommt sie jeden Tag vorbei. Was der 33- Jährigen auch an ihrem Beruf gefällt, ist die Entwicklung bei den Eltern zu sehen. Oft zweifeln die Mütter und Familien am Anfang, ob sie alles richtig machen und machen werden. „Viele sagen am Anfang: ,Das schaff ich nie‘, aber mit der Zeit wächst das Selbstvertrauen.“
Geschäft soll ausgebaut werden
Ihr Plan für die Zukunft ist, ihr Geschäft noch weiter auszubauen. Nicht nur für Frauen auf Borkum. „Wir haben auch eine Ferienwohnung, wie so viele Borkumer“, sagt Anna Rohde und lächelt. Für Frauen auf dem Festland, die gerne vor der Geburt oder auch im Wochenbett auf die Insel fahren wollen, sei eine Hebamme in der Nähe wichtig. „Sonst trauen sich viele nicht hierherzukommen“, sagt Rohde. Sie will mehr Familien ermöglichen, die besonderen Moment in der Schwangerschaft und nach der Geburt auf Borkum zu erleben.