Visquard steht vor Entscheidung Schluss mit der Ehrung eines Nazi-Lehrers?
Ein unscheinbarer Platz in Visquard sorgt für Unmut: Er wurde nach einem Nationalsozialisten benannt. Steht bald eine Umbenennung an?
Visquard - Der kleine Platz mitten in Visquard, gleich neben der Dorfkirche, ist eigentlich nicht weiter auffällig. Wäre da nicht das große Holzschild, welches den Platz als Gerhardus-Jungmann-Platz ausweist. Gerhardus Jungmann, der nun viele Jahre tot ist, war früher Lehrer an der Visquarder Schule. Und Mitglied der NSDAP, der SA, des Volkssturms und der Nationalistischen Volkswohlfahrt.
Dem Visquarder Hans Schulz passt diese Widmung darum gar nicht. Schon seit Jahren engagiert sich der 64-Jährige dafür, dass der Platz umbenannt wird. Er betreibt aufwendige Recherchen zur nationalsozialistischen Vergangenheit des Namensgebers. Nun könnte bald etwas Bewegung in die Sache kommen, denn: Auch Verwaltung und Politik in der Krummhörn sind auf die umstrittene Vergangenheit von Gerhardus Jungmann aufmerksam geworden.
Aus dem All zum Nationalsozialismus
Die Räder setzten sich bereits im vergangenen November in Bewegung, so Schulz. Dabei ging es gar nicht um den Blick zurück in die Geschichte, sondern vielmehr um den Blick nach oben in die Sterne. Das Tiny Observatorium, eine mobile Sternwarte, machte halt in Visquard. Das ließ sich neben Hans Schulz auch der Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (SPD) nicht entgehen. Schulz nutzte die Chance und sprach Saathoff in einer Pause an, erzählte ihm vom Gerhardus-Jungmann-Platz. Saathoff sicherte ihm Unterstützung zu und schlug vor, den SPD-Ortsverein darüber zu informieren, so Schulz. Das tat dieser dann auch, vor allem mit einem Ziel vor Augen: „Ich hoffe, dass es einen Ratsbeschluss gibt zur Umbenennung des Platzes“, so Schulz.
Bei einer Veranstaltung des Krummhörner Bündnisses für Demokratie und Weltoffenheit wurde der Platz vor Kurzem noch mal öffentlich thematisiert. Zum Jahrestag der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 sprach Dr. Heiko Suhr, Leiter der Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft, am 30. Januar 2025 in Pewsum über die Krummhörn zu Zeiten des Nationalsozialismus. Schulz sprach daraufhin den nach Gerhardus Jungmann benannten Platz an und wünschte sich eine Umbenennung. Die Krummhörner Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) merkte an, dass der Platz gar nicht offiziell dem umstrittenen Lehrer gewidmet sei. Dieser Schritt folgte viel mehr einer Privatinitiative aus dem Dorf. Ein völlig unverständlicher Schritt, wie der Visquarder Hans Schulz findet.
Umbenennung in der 80er Jahren „hochbrisant“
Aber immerhin: Dr. Suhr habe daraufhin von der Gemeinde den Auftrag bekommen, die Hintergründe der Person Gerhardus Jungmann zu recherchieren, so Schulz. Das soll bei der Aufklärung des Sachverhaltes helfen. Mit der Konsequenz, dass der Platz hoffentlich bald umbenannt wird, so Schulz.
An die Umbenennung zum Gerhardus-Jungmann-Platz kann sich Schulz sogar noch erinnern. „Der damalige Ortsvorsteher von Visquard hatte das forciert“, so Schulz. Die Umbenennung wurde dann sogar Thema bei einer Ausschusssitzung. „Ich bin damals in die Ausschusssitzung in Greetsiel gegangen, ich fand das alles hochbrisant“, sagt der Visquarder. Das muss Anfang der 80er Jahre gewesen sein, so Schulz. An das genaue Datum oder die Uhrzeit könne er sich nicht mehr erinnern, sagt er. Nur daran, dass es ihn gestört hatte. „Aber ich hatte das dann auf sich beruhen lassen und dachte mir, das ist dann eben, wie es ist.“
Ohne Hitlergruß keine neuen Schuhe
Schulz zog weg aus Visquard, wohnt mittlerweile in Emden. Doch in seiner Familie waren Gerhardus Jungmann und der nach ihm benannte Platz auch weiterhin ein Thema. Mit seiner Mutter, auch mit seinen Großeltern sprach Schulz noch oft über Jungmann und dessen Rolle im Dorf. Besonders eine Geschichte ist ihm dabei in Erinnerung geblieben. Sein Opa war damals im Krieg, erzählt Schulz. Seine Oma in Visquard brauchte neue Schuhe. Dafür war damals ein sogenannter Bezugsschein notwendig, der zum Kauf entsprechender Kleidung oder auch von Lebensmitteln zu Zeiten der Rationierung berechtigte. Für die Ausgabe solcher Berechtigungsscheine war damals zeitweise auch Gerhardus Jungmann zuständig. „Meine Oma ging also zu ihm, um einen Antrag auf neue Schuhe zu stellen“, so Schulz. Als sie hineingekommen sei, habe Jungmann sie aber abgewiesen, mit der Begründung, sie solle ihn bitte ordentlich begrüßen.
Ordentlich begrüßen, das hieß in diesen Zeiten, den Hitlergruß zu zeigen, wenn man hineintrat. Also verließ seine Oma den Raum und trat erneut ein, diesmal unter Nennung der von Jungmann geforderten Grußformel. Als sie dann abermals um den Bezugsschein für Schuhe bat, soll Jungmann gesagt haben: „Ihr Mann kämpft an der Front für das Vaterland und Sie wollen hier neue Schuhe haben“, erinnert sich Schulz. „Das fand ich immer unmöglich, dass meine Oma so von ihm heruntergemacht wurde.“ Sein Großvater galt später als vermisst und kehrte nie wieder aus dem Krieg zurück.
„Geboren, um zu lehren und zu prügeln“
Aber auch ein Großvetter von ihm kannte Jungmann noch, so Schulz. So wie viele andere aus dieser Zeit, die noch von Jungmann als Schüler unterrichtet worden waren. „Man sagte damals, der Jungmann war geboren, um zu lehren und zu prügeln“, sagt Schulz. Gerhardus Jungmann wurde im Jahr 1892 in Wirdum geboren, 1916 wurde er Lehrer. An der Volksschule in Visquard unterrichtete er von 1931 bis Kriegsende. Kurzzeitig war er dann noch Lehrer unter den Alliierten, doch am 31. Mai 1946 wurde er aus dem Dienst entlassen.
Dann kam jedoch die Wende: Schon 1947 wurde Jungmann wieder als Lehrer eingesetzt. Und das, obwohl auch damals schon allgemein bekannt war, dass er Nationalsozialist war und dementsprechend die Kinder, die er unterrichtete, auch in seinem Sinne beeinflusste. „Ich finde es schockierend, dass es in den Jahren 1946 und 1947 so viele Fürsprecher gab, die ihn wieder als Lehrer sehen wollten, die ihn gelobt haben“, sagt Schulz. Er hat noch Fotos aus der Zeit, selbst einen Mitgliedsausweis von Jungmann von seinem Eintritt in die NSDAP im Frühjahr 1933.
Neun Nazi-Unterstützer in Visquard
Schulz weiß viel über Gerhardus Jungmann und dessen Geschichte. Über die Jahre hat er schon etliche Archive nach Informationen über den umstrittenen Visquarder durchforstet. Ein altes Schularchiv ist er durchgegangen, das Niedersächsische Landesarchiv in Aurich und selbst das Bundesarchiv hat sich Schulz vorgenommen. Dabei ist er auch fündig geworden: In Visquard hatte es zum Beispiel neun Personen gegeben, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Rahmen der Entnazifizierung von den Alliierten der Kategorie 4 zugeordnet wurden, also als Unterstützer des Regimes galten. Das entschied das Entnazifizierungsgericht in Norden.
Fünf weitere Visquarder gehörten demnach zur Kategorie der Nutznießer und Aktivisten. In Pewsum und Greetsiel seien es noch mehr Menschen gewesen, die laut den Alliierten als enge Freunde des Regimes galten. „Es wäre mir egal, dass es vorher so und so viele Nationalsozialisten in Visquard und den anderen Ortschaften gab“, sagt Schulz. „Aber dass heute noch immer ein Platz in Visquard nach einem von ihnen benannt wird, das ist mir nicht egal.“ Schulz sagt, er freue sich, dass nun etwas in dieser Sache passiert, unter anderem mit Unterstützung von Dr. Suhr von der Landschaftsbibliothek Aurich. Dieser sucht, auch im Zusammenhang mit einer Dissertation zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Geschehens, nach schriftlich niedergelegten Erinnerungen oder anderen Dokumenten aus der Krummhörn zu Zeiten des Nationalsozialismus. Interessierte können sich bei ihm melden, unter der Adresse suhr@ostfriesischelandschaft.de.