Für Vielfalt und Demokratie Weit über 1000 Menschen demonstrieren in Emden
Die Omas gegen rechts luden zur Kundgebung in den Stadtgarten von Emden. Und nicht nur sie hatten dort viel zu sagen.
Emden - Der Protest gegen einen Rechtsruck in Deutschland ebbt nicht ab. Nach einer Spontandemo am vorausgegangenen Samstag in Emden anlässlich des CDU-AfD-Votums zur Einschränkung der Migration haben sich auch an diesem Samstag, 8. Februar 2025, wieder über 1000 Menschen im Stadtgarten versammelt und hörten den Omas gegen rechts und ihren Rede-Gästen zu. Sie hatten anlässlich eines bundesweiten Aktionstags für Vielfalt und Demokratie aufgerufen.
Dabei war dieser Aktionstag lange geplant. Noch längst vor der für viele als Tabubruch empfundenen gemeinsamen Abstimmung der CDU mit der in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei AfD. Doch die Ereignisse hatten sich seit besagter Abstimmung am 29. Januar 2025 im Bundestag überholt. Aus dem allgemeinen Aufruf entwickelt sich jetzt ganz offensichtlich ein noch lauterer Kampf um Werte wie Menschenrechte und Vielfalt im Land, und das mit der tatkräftigen Hilfe der Omas gegen rechts.
Ein Banner mit Appell
„Die Demokratie hat bisher für Frieden und Freiheit gesorgt“, sagte Hilde Pitters von den Emder Omas. „Wir wissen das zu schätzen und zu schützen.“ Für die Omas sei es ganz klar, dass sie im aktuellen Wahlkampf die Stimme erheben und dazu aufrufen, wählen zu gehen. Und so ist der Spruch, den die Initiatorinnen der Kundgebung auf einem Banner am Rathausturm platziert haben, nur folgerichtig: „Die Demokratie ist in Gefahr. Geht wählen.“ Das Banner entrollten sie an diesem Samstag kurz vor Beginn der Kundgebung.
Von der Bühne eines von der Spedition Jakob Weets zur Verfügung gestellten Lkw führte Hilde Pitters durch die Veranstaltung. Und sie sparte dabei nicht mit Appellen. Zwischen den Redebeiträgen beschwor sie immer wieder die Menge, auch demokratisch zu wählen: „Die AfD ist keine Alternative.“
Klimaschutz und Menschenrechte
Diesem Appell schloss sich jeder Redner und jede Rednerin an. Und doch waren die Beiträge durchaus unterschiedlich gewichtet. Martin Dirks von der Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft Ostfriesland legte den Schwerpunkt auf den Umweltschutz und setzte ihn in direkten Zusammenhang zum Umgang mit Migration. In Anlehnung an den umstrittenen Fünf-Punkte-Plan des Kanzlerkandidaten der CDU zur Migrationspolitik forderte er einen Fünf-Punkte-Plan zum Klimaschutz. „Je mehr Menschen flüchten müssen, weil ihre Heimat untergeht oder in der Sonne verbrennt, desto mehr werden sich die Herzen der Menschen hier verhärten. Desto rechter und egoistischer wird unsere Gesellschaft“, sagte Dirks und erhielt dafür viel Zustimmung.
Dass das nicht zwangsläufig so laufen muss, betonte Dirks auch. Er machte Mut zum Widerstand, für den Kampf für Vielfalt und Menschenrechte anhand des Beispiels der BI, die auch schon erstaunlich viel erreicht habe. „Klimaschutz ist Menschenschutz.“
Nie wieder, wirklich?
Viel Applaus bekam auch Naomi, eine freie Künstlerin. Sie brachte einen Poetry-Slam zur aktuellen Lage, in dem sie Worte wie „Ich habe Angst“, „nie wieder“ und „es wurde mal wieder viel zu lange der Ernst der Lage übersehen“ gekonnt platzierte. Sie sprach davon, dass das jetzt passiere, wo „sogenannte Christen für unchristliche Werte stehen und lesbische Vorsitzende gegen ihre eigenen Rechte wählen“. Das immer wieder und vielzitierte „nie wieder“ komme so gesehen nicht mehr so überzeugend herüber. Die Künstlerin mahnte deshalb: „Eine Wiederholung der Geschichte, das passiert doch nie. Was, wenn doch?“
Und sie stand in ihrem Redebeitrag ein stückweit für die Jugend, die verliere. Die nun „nicht mehr nur noch darauf warten müsse, am Klimawandel zu krepieren“, sondern sich jetzt auch noch einer rechten Regierung ausgesetzt sieht. „Reicht es uns nicht endlich an Beweisen?“ Sie stellte viele Fragen. Etwa, wann man Mensch genug sei, um gleich behandelt zu werden. Oder wann der Punkt erreicht sei, dass Protestwähler verstehen, dass der Protest gegen sie selbst gerichtet sei.
Korrektiv für Parteipolitik
In diesem Tenor trat auch Tom Sprengelmeyer auf die Bühne. Als Vorsitzender des Arbeitskreises Stolpersteine sagte er laut: „Die AfD bekommt von uns nix, gar nix!“ Er mahnte, die Erinnerung an den „faschistischen Wahnsinn“ hochzuhalten, den Leugnern mutig entgegenzutreten und vor allem eines: das Prinzip der Gewaltenteilung zu erhalten.
Sprengelmeyer sprach von einer notwendigen Unterstützung der Parteipolitik, davon, ein Korrektiv zu bilden für die Politik und die Möglichkeit der Mitbestimmung und Partizipation zu nutzen. Themen gebe es reichlich: Kriegsgefahr, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Schere von Arm und Reich, Bildungschancen, Wirtschaft. „Lasst uns das alles in einem fairen Diskurs machen“, forderte Sprengelmeyer. In der Sache hart argumentieren, aber als Demokratinnen und Demokraten doch auf Schläge unter die Gürtellinie zu verzichten. Auch, um Kindern und Enkeln ein Vorbild zu sein. Dazu bedürfe es solcher Veranstaltungen wie dieser, die zeige, dass man stärker sei, als die rechte Gesinnung. Auch er bekam viel Applaus aus der Menge.
Die Partei niemals wählen
Als ein „politisch Interessierter aus der Zivilgesellschaft“ sprach Wolfgang Henkelmann. Auch er warnte vor der AfD, als „eine braune Partei, die unsere Nazi-Vergangenheit verdreht, verharmlost und verklärt“. Er sei verwundert, dass angesichts so vieler Spuren die zwölfjährige Herrschaft vergessen zu sein scheint. Wer durch Emdens Straßen laufe, könne diese Spuren deutlich sehen, nicht nur anhand der Stolpersteine. „Die Partei werde ich niemals wählen, niemals“, betonte er immer wieder und bekam dafür Applaus.
„Die AfD spaltet, sie verbreitet Lügen“, warnte Gabriela Ochoa-Frenz, die von den Omas gegen rechts aus Bremen auf die Bühne kam. Sie nannte das Beispiel des verklärten Frauenbilds, das die AfD zeichnet. „Wir sind keine Statistinnen in einem alten Film, wir sind gleichberechtigt, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen.“ Der Applaus war ihr damit sicher.
Nächste Aktion am kommenden Freitag
„Keiner und keine wählt hier rechts. Für Vielfalt und Menschenrechte“ – mit diesem Abschlusslied beendeten die Omas gegen rechts um 13 Uhr die Kundgebung im Stadtgarten. Natürlich nicht, ohne auf die nächste Aktion hinzuweisen. Schon am kommenden Freitag, 14. Februar 2025, um 18 Uhr geht der Kampf gegen Rechtsradikalismus und für Vielfalt weiter. Dieses Mal auf dem Neuen Markt mit „Lichtermeer für Demokratie meets Klimawandel“.
Ob die Beteiligung wieder so hoch sein wird? Die Organisatoren sprachen im Übrigen an diesem Samstag von 1500 bis zu 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Polizei, die bei dieser friedlichen und ungestörten Kundgebung nichts zu tun hatte, von gerade mal 500. Sie hat sich aber ganz offensichtlich verschätzt.
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