Osnabrück  Im Märchenwald der Videokunst: Pipilotti Rist lässt ihren neuesten Pixelwald leuchten

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 05.02.2025 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Verloren im Märchenwald der Lichtkunst: Pipilotti Rist: Pixelwald Wisera. 2025. Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen. Copyright: Courtesy the Artist, Hauser & Wirth, and Luhring Augustine, VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Tobias Hübel
Verloren im Märchenwald der Lichtkunst: Pipilotti Rist: Pixelwald Wisera. 2025. Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen. Copyright: Courtesy the Artist, Hauser & Wirth, and Luhring Augustine, VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Tobias Hübel
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Heilt Lichtkunst auch gesellschaftlichen Widersprüche? In der Kunsthalle Bremen stellt Videokünstlerin Pipilotti Rist ihren „Pixelwald Wisera“ vor. Mit einem Statement überrascht sie dabei besonders.

Eine Ahnung davon haben, was Glück sein kann – wer möchte das nicht? Pipilotti Rist verwandelt ihren Pixelwald jedenfalls in einen Märchenwald, in dem einen Gefühle puren Glücks überkommen können. Unendlich mild leuchtet es um einen her, ungemein weich klingt der Sound, der jeden umspült, der sich zwischen den blinkenden LED-Tropfen bewegt. Die Schweizer Videokünstlerin bereitet ein Vollbad aus Licht. Kunst als Wellness, gar als Medizin?

„Wir sind ständig von LED-Punkten umgeben, die einem immer etwas sagen wollen. Hier kann man endlich einmal loslassen“, kommentiert Pipilotti Rist ihren „Pixelwald Wisera“. In der Kunsthalle Bremen hat sie einen ganzen Raum mit 3000 Lichtern in einen freundlichen Dschungel aus Licht verwandelt. Hier scheint und schimmert es unablässig in allen Farben von Glutrot über Mintgrün bis Meerblau. Der verspiegelte Boden sorgt dafür, dass der Lichtregen in fernste Tiefen zu fallen scheint.

Pipilotti Rist erscheint in Bonbon-Blau, trägt eine Brille mit sehr großen Gläsern und einen hübsch verrutschten Dutt. Mit dem Video „Ever is over all“ setzte sie 1997 ihr Statement. Eine junge Frau geht an parkenden Autos vorüber und zertrümmert deren Seitenscheiben mit einer langstieligen Fackellilie. Selten ist Aufsässigkeit eleganter ins Bild gesetzt worden als mit diesem Video. Pipilotti Rist hat seitdem ihr Markenzeichen. Aber das ist lange her. Aus der Revoluzzerin ist die Therapeutin geworden.

„Abstraktion ist eine universelle Sprache wie Musik“, erklärt sie ihre aktuelle Philosophie, „es geht darum, das zu fühlen, was der andere womöglich auch fühlt“. Die Welt draußen mag stürmen und bersten, Pipilotti Rist setzt auf eine Hightech-Kunst, die sich wie ein Handschmeichler anfühlt. Während sie spricht, fahren ihre Hände durch den leeren Raum, als wollten sie eine unsichtbare Skulptur knetend formen.

Die als trocken geltenden hanseatischen Kaufleute hat Rist von ihrem Konzept jedenfalls überzeugt. Der Kunstverein, der die Kunsthalle Bremen trägt, leistet sich den „Pixelwald Wisera“. Gleich eine ganze Reihe von Stiftungen teilen sich das Budget. Auf Fragen nach dessen Höhe wird vornehm geschwiegen. Nur eines betont Museumsdirektor Christoph Grunenberg: Zur Finanzierung des Pixelwaldes trug auch ein anonymer Spender bei. Dessen Betrag muss wohl sein, was man namhaft nennt.

Pipilotti Rist pflegt das Bild der widerständigen Künstlerin. In dieser Pippi Langstrumpf des Kreativen wohnt jedoch ein Profi. Gemeinsam mit Produzentin Kaori Kuwabara und mehreren Sound-Spezialisten hat sie den Pixelwald zu einem Werk geformt, dessen technische Perfektion vor lauter Fließen und Gleiten der Lichttropfen nicht weiter auffällt. Was zufällig wirke, sei genau berechnet, lüftet Rist für einen Augenblick den Vorhang vor ihrem Planungsbüro.

Pipilotti Rists Pixelwälder leuchten bereits in Museen in Zürich, Oslo und dem texanischen Houston. Sogar aus dem „National Museum of Quatar“ schimmert Pipilottis Strahl aus lauter Helligkeit herüber. Bremen darf sich nun immerhin rühmen, den ersten Pixelwald in Deutschland zu beherbergen. Dort mag er bestens gedeihen. Die Kunsthalle ist mit Werken von Nam June Paik, James Turrell und anderen längst eine Pflanzstätte der Video- und Medienkunst.

Pipilotti Rist will gleichwohl nicht in solchen räumlichen Begrenzungen denken. „Die Sonne ist der größte Projektor“, ruft sie das Zentralgestirn als Zeugen für ihr Projekt auf. Videokunst als Himmelsmacht? So direkt sagt Pipilotti Rist das nicht. Immerhin soll den Besuchern in ihrem Pixelwald eine Ahnung des besseren Lebens aufscheinen.

Im milden Schein der Versöhnung solle der andere Besucher nicht als Störung, sondern auch als Kunstwerk wahrgenommen werden, sagt Rist und klingt dabei kaum noch nach Pipilotti. Wie war das noch mit der jungen Frau, ihrer Feuerlilie und dem Traum von anarchischer Freiheit? „Es ist eines unserer wichtigsten Themen, das wir einander zuhören und verstehen“, sagt die Versöhnerin in Bremen. Na, dann, ab in den Pixelwald.

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