Demo in Emden gegen rechts  Stinkefinger halten diese Omas nicht auf

Stephanie Schuurman
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Von Stephanie Schuurman
| 30.01.2025 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Sie halten ihre Parole hoch: Anne Appel und Hilde Pitters von den Emder Omas gegen Rechts. Foto: Ortgies
Sie halten ihre Parole hoch: Anne Appel und Hilde Pitters von den Emder Omas gegen Rechts. Foto: Ortgies
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Gegen Rechtsruck, gegen die AfD, für Vielfalt und Menschenrechte haben sich die Omas gegen rechts auf die Schilder geschrieben. Zwei Emder Omas sagen, warum.

Emden - Als an diesem Nachmittag zwei „Omas gegen rechts“ in der Redaktion sitzen und über ihre bevorstehende Groß-Kundgebung in Emden sprechen, gibt es zeitgleich einen heftigen Schlagabtausch im Deutschen Bundestag. Kurz zuvor erst wurde dort feierlich des 80. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau und der Opfer des Holocausts gedacht. Dann kommt der umstrittene Fünf-Punkte-Antrag der CDU zur Verschärfung der Migrationspolitik zur Abstimmung. Und erstmals findet ein Antrag der politischen Mitte nur mit den Stimmen einer rechten Partei eine Mehrheit. Ein Dammbruch der Demokratie in Deutschland?

Für Hilde Pitters (71) und Anne Appel (70) ist es das mit ziemlicher Sicherheit. Beide gehören der Initiative OMAS GEGEN RECHTS an (diese wird auf Demonstrations-Schildern stets in Großbuchstaben geschrieben). Hilde Pitters hat die Emder Gruppe im November 2019 gegründet, nachdem sie erstmals bei einer Tagesschau-Sendung solche Schilder in einem Bericht über eine Demo zu den rechten Entwicklungen in Österreich gesehen hatte.

20 aktive Omas

Auch in Deutschland werden seinerzeit rechte Tendenzen lauter. Hilde Pitters erinnert an „Frau Pauly, an die rechte Musikszene, an Herrn Meuthen – aber die waren ja noch harmlos gegenüber der Meute heute“.

Hilde Pitters stellt sich 2019 bei der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht am 9. November in der Bollwerkstraße auch mit einem solchen Schild in Position. Nur einen Monat später ist auch Anne Appel dabei. Inzwischen sind sie 20 aktive Omas in Emden, um die 40 sind mit ihnen solidarisch. Noch sind einige berufstätig und nicht bei allen Treffen dabei.

Zivilcourage statt Populismus

Seit einigen Wochen und noch mindestens bis zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 stehen die Omas jeden Samstag in Emden in der Innenstadt und halten ihre Schilder gegen rechts hoch. Ihr Platz ist unter den Arkaden an der Ecke zur Fußgängerzone. Da ist viel Lauf, außerdem werden sie von Autofahrern gesehen, die mit Tempo 20 durch die Neutorstraße fahren. Manche halten den Daumen hoch, andere entblöden sich nicht, zu hupen, damit die Omas ihren Vogelzeig oder gar Stinkefinger registrieren. Die demonstrierenden Frauen werden beschimpft, auch belächelt.

Die Omas gegen rechts aus Emden waren bei der Demo gegen Rechtsextremismus im Januar 2024 vorne mit dabei. Foto: Ortgies/Archiv
Die Omas gegen rechts aus Emden waren bei der Demo gegen Rechtsextremismus im Januar 2024 vorne mit dabei. Foto: Ortgies/Archiv

„Das macht uns nichts aus“, sagt Anne Appel. „Was mich aber sehr wohl tangiert und mich sogar wütend macht, ist der Wettstreit der Parteien, welche populistischer daherkommt. Abstimmungen mit Hilfe der AfD gewinnen – kein Problem! Einwanderung stoppen ohne Bundes- und EU-Recht zu berücksichtigen – so what!“ Wenn Anne Appel die aktuellen Handlungsweisen der demokratischen Parteien betrachtet, kommt selbst ihr manchmal die Kraft abhanden, weiter auf die Straße zu gehen, wie sie sagt. „Sie verlangen von uns Bürgerinnen und Bürgern etwas, was sie selbst nicht leisten: Zivilcourage zeigen!“

Parteiunabhängig, nur nicht die AfD

Aufgeben ist aber keine Option für die beiden. Ebenso wenig wie für alle Omas der bundesweiten Initiative. „Wir sind viele“, sagt Hilde Pitters. Das sehen die beiden auch bei Besuchen ihrer Kinder in anderen Städten, wo sie auf Gleichgesinnte treffen. Man müsse sich dann nicht mehr erklären. Die Initiative ist ausdrücklich parteiunabhängig. Und auch unter ihnen wird je nach Couleur manches schon mal heftiger diskutiert. „Ich liebe auch nicht alle Omas“, sagt Anne Appel. „Aber unser gemeinsames Ziel ist es, nicht die AfD zu wählen.“ In Emden haben sich einige Omas eng angefreundet. Sie singen zusammen, sie planen Aktionen. Sie fühlen sich nicht allein in ihrer Sorge um die Demokratie.

Rund 4000 Menschen kamen im Januar 2024 für eine Demonstration gegen Rechtsextremismus in Emden zusammen. Foto: Ortgies/Archiv
Rund 4000 Menschen kamen im Januar 2024 für eine Demonstration gegen Rechtsextremismus in Emden zusammen. Foto: Ortgies/Archiv

Bei ihrem Emder Straßenkampf sind die älteren Frauen auch tatsächlich nicht mehr allein. Eine Gruppe Studierender aus der Hochschule Emden/Leer steht inzwischen samstags an ihrer Seite. „Sie beschützen uns vor den Idioten“, sagt Anne Appel. „Das hat meinen Mann richtig berührt.“ Er ist wie andere „Opas“ auch öfter dabei – und auch immer in Sorge um die Kämpferinnen.

Mit viel Zunder dabei

Dieses Engagement ist dabei nicht nur eines gegen etwas, sondern soll auch Positives vermitteln. Das zeigen sie mit ihren umgedichteten Liedern. Aber auch mit der Glücksrad-Aktion, mit der sie Glückskärtchen verteilen. Das Glücksgefühl weitergeben, keinen Krieg erlebt zu haben, nennt es Hilde Pitters. „Wir sind alt, wir sind nicht stumm und wir sind fröhlich.“ Und tatsächlich stoßen sie auch auf Zustimmung.

Viele Schilder mit klaren Ansagen bei der Demo gegen Rechtsextremismus in Emden im Januar 2024. Foto: Ortgies/Archiv
Viele Schilder mit klaren Ansagen bei der Demo gegen Rechtsextremismus in Emden im Januar 2024. Foto: Ortgies/Archiv

Für die beiden wäre es unerträglich, still zu sein. Sie finden es großartig, dass auch andere ältere Frauen es zu Hause auf dem Sofa nicht mehr aushalten und nicht bloß zugucken. Unter den Emder Omas ist die älteste 84 Jahre und holt sich wie alle anderen kalte Füße auf der Straße. Es sei toll zu sehen, mit wie viel „Zunder“ alle dabei sind. Einige sind von Haus aus so eingestellt, andere sind in stramm rechts geprägten Familien aufgewachsen und haben sich davon befreit, wie Anne Appel und Hilde Pitters sagen.

Von Haus aus geprägt

Umorientieren mussten sich diese beiden Frauen dagegen nicht. Im Alter von 13 Jahren hat Anne Appel das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Sie war in den 1970er Jahren in dem Haus in Amsterdam, in dem sich das jüdische Mädchen mit ihrer Familie vor den Nazis versteckt hatte. „Das hat mich mein Leben lang beschäftigt und nachhaltig berührt“, sagt sie. Das Ungeheuerliche, das damals passierte, sei immer Familienthema gewesen. Auch für ihre Töchter, die sie als Oma gegen Rechts unterstützen.

Hilde Pitters kommt aus einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus. Sie trat als Lehrerin in die Fußstapfen ihres Vaters, der als Siebenbürger-Sachse erst Junglehrer in Rumänien lebte und dann als Soldat der SS Panzer fahren musste. Seine schrecklichen Erlebnisse wurden in der Familie nur bruchstückhaft übermittelt, um sie überhaupt auszuhalten, wie Hilde Pitters sagt. Als 17-Jährige hat sie für „Brot für die Welt“ gesammelt. Im Studium war die Paragraph-218-Bewegung ihr Thema. „Auch da dürfen wir uns jetzt von der AfD nicht zurückdrängen lassen.“

Selbstbewusst und glaubwürdig

Beide Frauen sind keine Politikerinnen, sagen sie. Sie sprechen von einem Inselwissen, das sie sich im Laufe ihres Kampfes gegn rechts angeeignet haben. Nicht bescheiden, weil ihr Schatz an Lebenserfahrung dabei viel größer ist. Und er macht sie so selbstbewusst, um auch in Schulklassen aufzuklären. „Wir können dieses Wissen gut rüberbringen, weil wir die Dinge erlebt und nicht nur angelesen haben“, sagt Hilde Pitters. „Wir sind glaubwürdig.“

Mit dieser Haltung wollen sie auch am 8. Februar beim bundesweiten Aktionstag der OMAS GEGEN RECHTS überzeugen. Um 11.30 Uhr beginnt die Kundgebung im Emder Stadtgarten. Verschiedene Initiativen werden zu Wort kommen. Sie alle eint das Motto, die Menschen zur Bundestagswahl zu bewegen. „Geht wählen!“ heißt es. Und bitte unbedingt demokratisch.

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