Hannover  So will die Salzgitter AG Friedrich Merz eines Besseren belehren

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 27.01.2025 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Stahlwerk Salzgitter umfasst eine Fläche von knapp 1000 Fußballfeldern. Foto: Jonas E. Koch
Das Stahlwerk Salzgitter umfasst eine Fläche von knapp 1000 Fußballfeldern. Foto: Jonas E. Koch
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Friedrich Merz „glaubt“ nicht an Grünen Stahl – und stellt Milliarden-Förderungen des Staates für die Transformation der Branche infrage. Salzgitter-Chef Gunnar Groebler will dem CDU-Kanzlerkandidaten nun zeigen, dass er Unrecht hat.

Mit nur einem Satz stellte Friedrich Merz Milliarden-Förderungen und Tausende Arbeitsplätze infrage. „Ich glaube persönlich nicht daran, dass der schnelle Wechsel hin zum Wasserstoff-betriebenen Stahlwerk erfolgreich sein wird“, sagte der CDU-Kanzlerkandidat vor Kurzem ausgerechnet in der Bergbaustadt Bochum.

Nicht nur Gewerkschaften waren empört. Denn klar ist: Ohne staatliche Subventionen werden die deutschen Stahlproduzenten die Transformation hin zur Produktion vom klimaneutralem Stahl wohl nicht schaffen. Gunnar Groebler wurde bereits eine Milliarde Euro an Fördergeldern von Bund und dem Land Niedersachsen genehmigt. Der Chef der Salzgitter AG muss den MDAX-Konzern mit mehr als 25.000 Beschäftigten mittelfristig klimaneutral bekommen. Und will Friedrich Merz eines Besseren belehren.

Erz wird in Salzgitter schon lange nicht mehr gefördert, sondern aus Skandinavien und Südamerika importiert. Stahl, der daraus in Salzgitter „gekocht“ wird, ist auf den Weltmärkten preislich längst nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber die deutschen Stahlhütten, das gilt auch für ThyssenKrupp oder Georgsmarienhütte, produzieren besonders qualitativen Stahl für besondere Anforderungen. Für Knautschzonen in der Automobilindustrie zum Beispiel. „Dafür bezahlen unsere Kunden gerne mehr“, erklärt Groebler.

Zu seinen Kunden gehören neben der Automobilindustrie auch Windanlagenbauer oder Haushaltsgerätehersteller – sie alle setzen auch auf den Stahl aus Salzgitter. Weil auch sie Klimaziele erfüllen wollen oder müssen, „warten die Kunden“ auf den grünen Stahl aus Niedersachsen. Den bietet aktuell unter anderem die Georgsmarienhütte an, die aber auf Schrottstahl setzt. Der ist, weil er bereits verwendet wurde, sozusagen klimaneutral. „Echten“ grünen Stahl gibt es am Markt aber aktuell noch nicht.

Und den hält Friedrich Merz auch nicht für realistisch, jedenfalls nicht in Deutschland. Denn um die Hochöfen klimaneutral beheizen zu können, braucht es grünen Wasserstoff. Und der sei eben noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Nach gescheiterten Förderungen für Intel und Northvolt ist Friedrich Merz deshalb skeptisch, ob die Milliarden Euro Steuergelder gut angelegtes Geld sind.

Warum der Staat eine Industrie durchfüttern sollte, ist also eine berechtigte Frage, die Groebler gerne beantwortet: „Stahl ist ein Startpunkt der Wertschöpfungskette.“ Dass sich wichtige Industrien dort ansiedeln, wo diese „Grundstoffindustrie“ ist, sieht man gleich gegenüber. Volkswagen, Bosch und MAN betreiben in Salzgitter große Werke. „Wenn die Stahlproduktion abwandert, wandern auch die Wertschöpfungsketten ab“, warnt Groebler. „Wir müssen den Stahl hier produzieren!“

„Herr Merz fragt immer, wo der Wasserstoff ist“, sagte Landesumweltminister Christian Meyer (Grüne) bei einem Besuch des Stahlwerks und gab selbst die Antwort: „Hier in Niedersachsen.“

Das ist nicht ganz richtig, denn aktuell ist auch in Niedersachsen die Wasserstoffproduktion noch überschaubar. Doch das soll sich dank der günstigen Windenergie in Zukunft ändern. Das Land deckt seinen Strombedarf bereits jetzt komplett aus erneuerbaren Energien. Ein Wasserstoffkernnetz soll entstehen, in Salzgitter produziert man gerade den speziellen Stahl für die Röhren.

Außerdem entsteht auf dem etwa 1000 Fußballfelder großen Konzerngelände gerade eine Elektrolyseanlage. Die soll vor Ort aus Windenergie Wasserstoff produzieren – der dann für die Stahlproduktion genutzt werden kann. 2,3 Milliarden Euro investiert die Salzgitter AG dazu in den Bau einer sogenannten Direktreduktionsanlage, die ab 2026 grünen Stahl produzieren soll.

Doch erst die Förderung von einer Milliarde Euro macht das Projekt möglich. Zum Vergleich: Die gesamte Salzgitter AG ist aktuell rund 1,1 Milliarden Euro wert. „Ohne die Subventionen wäre es wohl schwierig geworden“, formuliert Groebler diplomatisch, dass sein Konzern die Transformation allein wohl nicht stemmen könnte. Rund vier Millionen Euro kostet Norddeutschlands größte Baustelle am Tag.

Umweltminister Meyer würde deshalb auch noch weitere „dreistellige Millionenbeträge“ geben, um die Produktion von grünem Stahl anschließend hochzufahren. Mit seiner Skepsis zu den Förderungen werde „Friedrich Merz zum Investitionsrisiko für 10.000 Arbeitsplätze in Niedersachsen.“ Auch im Konzern ist man über Merz‘ Kritik nicht begeistert. Aber man gestehe „allen Beteiligten eine gewisse Lernkurve zu“, hieß es vom Konzernsprecher trocken.

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