Kriminalität in Aurich Die dreisten Tricks der Ladendiebe
Die Polizei in Aurich und Wittmund bekommt es immer öfter mit Ladendiebstahl zu tun. Die Täter sind zum einen Bedürftige, zum anderen Banden. Sie kennen dreiste Tricks.
Aurich/Wittmund - Die Täter betreten in weiten, ausladenden Mänteln ein Fachgeschäft in Wittmund. Sie bezahlen nur kleine, kostengünstige Elektroartikel an der Kasse, lassen aber weitaus teurere Produkte wie Handys mitgehen. Unentdeckt, wie sie meinen. Aber da haben sie die Rechnung ohne andere aufmerksame Kunden und die Polizei gemacht.
Bagatelldelikte – darunter verstehen Polizei und Justiz vornehmlich den „Diebstahl geringwertiger Sachen“, also den alltäglichen Ladendiebstahl. Oft sind es Geringverdiener, alte Leute mit wenig Rente, Bezieher von Sozialleistungen – Menschen in finanzieller Not, die sich in Geschäften bedienen, ohne zu bezahlen. Straftaten, mit denen auch die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund nahezu täglich zu tun hat.
Gut ein Drittel mehr Ladendiebstähle
Die Zahl der Ladendiebstähle ist in den Landkreisen Aurich und Wittmund von 580 (2022) auf 786 (2024) gestiegen. Das ist ein Plus von 36 Prozent, von der Dunkelziffer einmal abgesehen. „Wir merken, dass zunehmend Lebensmittel des täglichen Bedarfs gestohlen werden, weil die Menschen nicht mehr über die Runden kommen“, berichtet Polizeichef Stephan Zwerg im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber es sind nicht immer Bagatelldelikte – immer mehr haben wir auch mit Bandenkriminalität zu tun“, setzt er hinzu.
Wie trickreich solche Tätergruppen mitunter vorgehen, zeigt das erwähnte Beispiel aus der vorvergangenen Woche in Wittmund. Kriminelle ließen hochwertige Elektronikartikel kurzerhand in ihren weiten Mänteln verschwinden. Ihr Trick: Die Jacken hatten zusätzlich angenähte, große Taschen, die innen mit Aluminiumfolie ausstaffiert waren. „Auf diese Weise sind die Geräte abgeschirmt, die Sicherheitsschleusen an den Kassen schlagen nicht mehr an“, erläutert Zwerg. Die Täter gelangten ohne Alarmierung durch die Türsicherung. Doch in diesem Fall hatten andere Kunden vorher den Diebstahl beobachtet und die Polizei alarmiert.
Organisierte Bandenkriminalität
Nach dem Verlassen des Ladens verfolgten die Polizisten die Diebe. Mit Erfolg: Am Stadtrand von Wittmund hatten die Täter ein Auto abgestellt, in dem das Diebesgut – auch aus anderen Geschäften – gesammelt und anschließend abtransportiert und vermutlich weiterverkauft werden sollte. Was zunächst nach einem alltäglichen Ladendiebstahl aussah, entpuppte sich in diesem Fall als organisierte Bandenkriminalität. Polizeibeamte vereitelten den Abtransport und beendeten das Unwesen der Bande, die in diesem Fall aus Rumänien stammte.
Von solcher Bandenkriminalität abgesehen, beschäftigen die alltäglichen kleinen Diebstähle die Polizei immer stärker. Fast täglich melden Geschäfte solche Taten. Zwerg: „Wir merken, dass gerade der Diebstahl von Lebensmitteln, von Dingen des täglichen Bedarfs wie Fleisch, Obst, auch Alkohol immer mehr zunimmt. Viele Menschen kommen einfach nicht mehr über die Runden.“ Aber zur Wahrheit gehöre auch, dass sich bestimmte Gruppierungen auf das Klauen teurer Artikel wie Rasierklingen, hochwertige Parfüms oder eben Elektroartikel spezialisiert hätten, um diese dann als Hehlerware zu veräußern.
42 Prozent der Verdächtigen sind unter 21
In der Diskussion darüber müsse man auch an die Geschäftsinhaber denken, die bundesweit Millionenverluste durch vermeintlich kleine Diebstähle hinnehmen müssten. Ein typisches Beispiel aus der Region: „Die Polizei wurde zu einem Ladendiebstahl in eine Drogerie gerufen. Der Tatverdächtige flüchtete zu Fuß, konnte jedoch kurz darauf von der Polizei gestellt werden. Im Rucksack befanden sich diverse neuwertige Gegenstände, die vermutlich aus Diebstählen stammen. Dazu zählen neun hochwertige Geldbörsen, mehrere Kameras, Kopfhörer von Bose und LinkBuds, eine Jacke der Marke Globetrotter sowie Sportbekleidung von Adidas und Asics.“
Nach Auskunft von Zwerg waren 42 Prozent der Tatverdächtigen in Aurich/Wittmund unter 21 Jahre alt; davon zwölf Prozent Kinder unter 14; 24 Prozent Jugendliche bis 18 und acht Prozent Heranwachsende bis 21 Jahre. Zwerg: „Bei den über 60-Jährigen haben wir nur sechs Prozent Tatverdächtige. Im Ergebnis ist der Ladendiebstahl also insbesondere ein Delikt der Adoleszenzphase.“
Aber es gibt auch diese Beispiele: Ein Rentner ist angeklagt, weil er in einem Lebensmittelmarkt eine Packung Reis und ein Glas löslichen Kaffee gestohlen hat. Gesamtwert: 11,98 Euro. Vor Gericht sieht er seinen Fehler ein und berichtet, dass er unter Geldnot leide. Er bekommt 732 Euro Rente, 600 Euro kostet seine Wohnung. Nur dank staatlicher Grundsicherung kommt er über die Runden. Er wird zu 50 Tagessätzen à zehn Euro verurteilt. Ein Mann, der so wenig Geld hat, dass er eine Packung Reis stiehlt, muss nun 500 Euro Strafe zahlen – oder ersatzweise 50 Tage in Haft. Jeder Häftling kostet den Staat und damit den Steuerzahler pro Tag rund 150 bis 200 Euro.