Berlin  Wenn der Partner dement wird: Wie man Liebe und Intimität bewahren kann

Hannah Baumann
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Von Hannah Baumann
| 27.01.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine Demenzerkrankung kann eine Beziehung auf die Probe stellen. Foto: IMAGO/HalfPoint Images
Eine Demenzerkrankung kann eine Beziehung auf die Probe stellen. Foto: IMAGO/HalfPoint Images
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Nachdem ein Paar ein ganzes Leben miteinander geteilt hat, erfolgt die Zäsur – die Diagnose Demenz. Ein Demenzberater erklärt, wie der Partner mit der Krankheit in einer Beziehung umgehen können und wo sie Hilfe bekommen.

Sexualität und eine Demenzerkrankung lassen sich schwer vereinbaren, denn die Erkrankung stellt die Angehörigen auf eine Probe. „Mitunter ist es so, dass die Betroffenen das Problem nicht in dem Umfang erkennen. Sie leben in ihrer eigenen Welt und sind vielleicht sogar ganz zufrieden“, sagt Olaf Rosendahl, Berater der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Rosendahl berichtet, dass rund 20 Prozent der Anrufer die Ehepartner der erkrankten Personen sind. Mehr als zwei Drittel (rund 85 Prozent) seien direkte Angehörige wie Kinder und Enkel. Ein Großteil davon sind Frauen. Das hänge mit der erhöhten Fürsorge-Arbeit zusammen, die die Frauen im Vergleich zu Männern in Deutschland laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes leisten.

Der Experte spricht von einem „Zusammenbruch des Selbstverständnisses“, den eine Demenzerkrankung auf eine Partnerschaft auslösen kann. Der Ehepartner kann sich nicht mehr auf den Demenzerkrankten verlassen – die Rollen der Partner innerhalb der Beziehung ändern sich.

„Das kann damit losgehen, dass ein Partner zwei Dutzend Kohlköpfe kauft, nur weil sie im Angebot waren“, sagt Rosendahl. Nach mehreren solcher Aktionen schwindet das Vertrauen in den Partner und eine ungewohnte Situation tritt ein:

Dabei sei ihm wichtig zu betonen, dass die Person sich verändert und ein anderer Mensch wird – ähnlich wie in der Pubertät. „Man verzeiht vielleicht Kindern und Jugendlichen eine Auffälligkeit. Bei älteren Personen wird konstantes Benehmen erwartet.“ Durch das ungewohnte Verhalten ändert sich der Alltag der Personen komplett.

Irritation und Überforderung in der Partnerschaft seien dabei ganz normal. Unter anderem die Angst von dem gesunden Partner zu wenig zu geben, erklärt Rosendahl. Er sehe vor allem das Problem in dem Überangebot an Informationen, das über die Krankheit herrsche. Dadurch kommt es zu vielen Missinterpretationen und Ängsten.

Die Krankheit ist so individuell, mit unterschiedlichen Verläufen, dass exakte Prognosen über die Veränderungen der Person kaum möglich sind. „Kennst du einen Menschen mit Demenz, kennst du einen Menschen mit Demenz“, lautet seine Devise.

Da es unterschiedliche Demenzformen gibt und Demenz bereits mit 40 Jahren einsetzen kann, lässt sich nicht pauschalisieren, wie sich die Sexualität bei Demenzerkrankten verändert. Sexuelle Bedürfnisse können sich mit dem Alter entwickeln und verändern. In jedem Lebensalter ist laut Rosendahl allerdings ein Austausch über die Bedürfnisse und ihre Befriedigung notwendig. Symptome wie Eifersuchtswahn, eine reduzierte Impulskontrolle oder auch nachlassende Lust können die gesamte Beziehung auf eine Probe stellen.

„Einige Menschen, oft Männer, entdecken die Untiefen des Internets für sich und schauen sich Pornos an. Von dem Angebot der Partnerin, sich diese zusammen anzusehen, sind allerdings viele überrascht“, sagt Rosendahl. Außerdem können andere Verhaltensmuster, wie beispielsweise Flirten oder offen kommunizierte sexuelle Gelüste wieder in den Vordergrund treten, die beinahe vergessen oder den Angehörigen unbekannt sind. Rosendahl fasst das so zusammen: „Das ist vor allem für die Kinder schwierig, ihren Vater oder ihre Mutter flirtend zu erleben. Sie kennen sie nicht in dieser Lebensphase.“

Gehen die Bedürfnisse der Partner zu weit auseinander, ist es laut der Deutschen Alzheimerhilfe durchaus legitim darüber nachzudenken, ob die Paarkonstellation verändert oder erweitert werden kann. Beispielsweise eine Sexualassistenz oder Sexualbegleitung der erkrankten Person kann auch zur Entlastung der Situation beitragen.

Man müsse sich andere Wege überlegen, wie Sexualität ausgelebt werden kann. Die Intimität zu einem Menschen könne schon alleine über den Geruch hergestellt werden. „Auch das sehe ich als sexuelle Interaktion an“, sagt Rosendahl. Je nach Situationen können auch intime Angebote wie Händchen halten oder eine Umarmung gemacht werden.

Aber es sei auch wichtig ein klares Nein zu äußern, wenn der Partner eine sexuelle Handlung fordert, die das Gegenüber nicht möchte. „Man muss eine gewisse Gelassenheit entwickeln. Die Demenzerkrankten meinen es nicht böse“, sagt Rosendahl. Außerdem ist es ratsam, sich Hilfe von Experten bei einer belastenden Situation zu holen.

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