Deichsicherheit in Gefahr  Warum Nutrias eine so große Gefahr fürs Rheiderland sind

Tatjana Gettkowski
|
Von Tatjana Gettkowski
| 27.01.2025 08:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Wasser ist die Nutria in ihrem Element. Sie hat im Rheiderland keine natürlichen Feinde. Foto: Schulte
Im Wasser ist die Nutria in ihrem Element. Sie hat im Rheiderland keine natürlichen Feinde. Foto: Schulte
Artikel teilen:

Niedersachsens Landwirtschaftsministerin wollte Nutrias aus dem Jagdrecht herausnehmen. Jäger und Vertreter der Deich- und Sielacht schlagen Alarm. Sie fürchten katastrophale Folgen fürs Rheiderland.

Rheiderland - Die Sturmfluten im Herbst und Winter stellen die Deiche an Ems und Nordsee jedes Jahr erneut auf eine harte Probe. Im Verborgenen gibt es aber noch eine ganz andere Bedrohung für den Deichschutz – eine tierische: Nutrias. „Wenn diese Tiere nicht massiv bejagt werden, sehe ich schwarz für die Deichsicherheit“, sagt Meint Hensmann, Oberdeichrichter der Rheider Deichacht. Die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Bündnis 90/Die Grünen) hatte mit ihren Plänen, Nutrias aus dem Jagdrecht herauszunehmen, für Empörung gesorgt. „Für uns hätte das katastrophale Folgen“, warnt Hensmann. Die Menschen im Rheiderland könnten im wahrsten Sinne des Wortes nasse Füße bekommen.

Was sind Nutrias?

Nutrias sind eine invasive Art. Sie kommen ursprünglich aus Südamerika und sind auch als Biberratten bekannt. Die Tiere erreichen eine Länge von etwa 60 Zentimetern und können über zehn Kilogramm schwer werden. „Sie bringen mehrmals im Jahr fünf bis sechs Junge zur Welt und haben bei uns keine natürlichen Feinde“, nennt Hero Schulte, Jäger und Landwirt aus St. Georgiwold, den Grund, warum sich die Tiere so stark vermehren. Der 52-Jährige kennt sich gut mit dieser Art aus. Er ist seit 30 Jahren Jäger in seinem eigenen Revier.

Hero Schulte aus St. Georgiwold zeigt eine Lebendfalle, in der er Nutrias fängt. Getötet werden die Tiere durch einen gezielten Schuss in den Kopf. Foto: Schulte
Hero Schulte aus St. Georgiwold zeigt eine Lebendfalle, in der er Nutrias fängt. Getötet werden die Tiere durch einen gezielten Schuss in den Kopf. Foto: Schulte

Warum sind Nutrias eine Gefahr?

„Nutrias untergraben die Deiche und die Böschungen von Gewässern“, sagt Willem Berlin, Obersielrichter der Sielacht Rheiderland. Von außen könne man die großen Bauten nicht erkennen. Das kann fatale Folgen haben. „Wenn man mit einer Landmaschine am Ufer entlang fährt, kann der Boden so unter einem wegbrechen“, berichtet er. Durch die riesigen Löcher könnten auch Deiche ihre Standfestigkeit verlieren. Am Binnendeich eines Hochkanals in Bunderneuland zwischen Wymeer und Pogum sei das schon vorgekommen. „Dort war durch einen Nutriabau ein Loch im Deich entstanden, durch das Wasser austrat“, erzählt Willem Berlin.

Willem Berlin, Obersielrichter der Sielacht Rheiderland, hat auf diesem Bild festgehalten, was durch Nutriaschäden passieren kann: „Beim Mulchen der Böschung sackte Plötzlich ein Rad des Fahrzeugs unter dem untergrabenen Ufer weg." Foto: Berlin
Willem Berlin, Obersielrichter der Sielacht Rheiderland, hat auf diesem Bild festgehalten, was durch Nutriaschäden passieren kann: „Beim Mulchen der Böschung sackte Plötzlich ein Rad des Fahrzeugs unter dem untergrabenen Ufer weg." Foto: Berlin

Wie werden Nutrias gejagt?

Hero Schulte jagt nach eigenen Worten seit sechs Jahren Nutrias. Bevor spezielle Lebendfallen eingesetzt werden, um sie zu fangen, müssen die Jäger die Tiere erst einmal aufspüren. Der Jäger aus St. Georgiwold hat inzwischen ein geschultes Auge, wenn er die Gräben und Gewässer in seinem Revier abläuft. „Wo Nutrias ihren Bau haben, sieht die Uferkante aus, als hätte jemand einen nassen Sack aus dem Wasser gezogen“, beschreibt er das typische Bild. Der Bewuchs liege an der Stelle platt am Boden. „Man erwischt auch mal eine im Freien, aber 70 Prozent der Nutrias werden mit Fallen erlegt“, berichtet der Jäger.

Die Fallen würden an Land oder auf einem Floß auf dem Wasser aufgestellt. Die Jagd sei aufwändig. Zwölf Nutriafallen stehen nach seinen Angaben in Schultes Revier. Sei ein Tier in die Falle gegangen, werde es laut Schulte mit einem Schuss in den Kopf getötet. Die Jäger erhalten pro Nutria-Schwanz eine Prämie von acht Euro. Die Hälfte zahlt der Landkreis Leer, die andere die Deich- oder Sielacht. Nach den Worten von Obersielrichter Willem Berlin seien 2024 für etwa 1400 Nutriaschwänze Prämien gezahlt worden. Für Bisams, eine kleinere Art, seien es 5400 gewesen. Im Landkreis sind für die Bisambekämpfung spezielle Bisamjäger im Einsatz. Pro Schwanz erhalten sie eine Prämie von vier Euro.

Was plant die Landwirtschaftsministerin?

Die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Bündnis 90/Die Grünen) wollte ursprünglich eine Überarbeitung des Jagdrechts durchsetzen. Wie Bisams sollten danach Nutrias nicht mehr dem Jagdrecht unterliegen. Auf den öffentlichen Druck ist die Ministerin nun zurückgerudert. Das geht aus einem Eckpunktepapier hervor, das das Landwirtschaftsministerium veröffentlicht hat. Um den Deichschutz sicherzustellen, sollen Nutrias nun doch als zu bejagende Art im Jagdgesetz bleiben. Geplant ist außerdem, Jägern auch die Bisamjagd zu erlauben. Das hatte die Landesjägerschaft gefordert.

Dr. Hansjörg Heeren (rechts) und Hero Schulte, 1. und 2. Vorsitzender des Friesischen Verbands für Naturschutz (FVN), wollen, dass die Fallen den Jägern künftig von den Jagdgenossenschaften zur Verfügung gestellt werden. Bislang würden die Jäger die Fallen, die zwischen 150 und 170 Euro kosten, meist aus eigener Taschen zahlen. Foto: Schulte
Dr. Hansjörg Heeren (rechts) und Hero Schulte, 1. und 2. Vorsitzender des Friesischen Verbands für Naturschutz (FVN), wollen, dass die Fallen den Jägern künftig von den Jagdgenossenschaften zur Verfügung gestellt werden. Bislang würden die Jäger die Fallen, die zwischen 150 und 170 Euro kosten, meist aus eigener Taschen zahlen. Foto: Schulte

Wie geht es weiter?

Die Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) ist von dem Eckpunktepapier noch nicht überzeugt. Es gebe „Widersprüche“ und „Hintertüren“, teilte der Verband am Donnerstag in Hannover mit. Eine für Donnerstag, 30. Januar 2025, geplante Demonstration in Hannover wird stattfinden. Mit dabei ist auch der Friesische Verband für Naturschutz (FVN). Aufgerufen zu diesem Protest gegen die geplanten Änderungen des Jagdgesetzes hatten die Landes- und Kreisjägerschaften. „Wir werden dort mehr mehreren Bussen vertreten sein“, sagt der Leeraner Kreisjägermeister Heinrich Rauert aus Westoverledingen.

Vom Eckpunktepapier ist auch der Deutsche Tierschutzbund nicht überzeugt. Allerdings aus anderen Gründen, wie es am Freitag in einer Pressemitteilung heißt: „In der finalen Verfassung des Eckpunktepapiers wurden alle tierschutzrelevanten Punkte verwässert. Selbst der Abschuss von freilebenden Katzen bleibt erlaubt. Das Papier ist eine Enttäuschung, zumal seitens der Landesjägerschaft keinerlei überzeugenden Argumente vorgelegt wurden, die den zuvor eigentlich geplanten Änderungen entgegenstanden“, wird James Brückner, Leiter des Wildtierreferats beim Deutschen Tierschutzbund, zitiert.

Ähnliche Artikel