Berlin  Geldsegen durch Finanzberatung 2.0: Mach mich reich, ChatGPT!

Hannah Petersohn
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Von Hannah Petersohn
| 28.01.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Kann ChatGPT den traditionellen Anlageberater ersetzen? Wo die KI bei Fragen zur Geldanlage punkten kann und an welchen Stellen Experten Schwächen sehen. Foto: IMAGO / SOPA Images
Kann ChatGPT den traditionellen Anlageberater ersetzen? Wo die KI bei Fragen zur Geldanlage punkten kann und an welchen Stellen Experten Schwächen sehen. Foto: IMAGO / SOPA Images
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Künstliche Intelligenz hat das Zeug, die Finanzwelt zu revolutionieren, denn auch Privatanleger könnten von der KI profitieren. Was taugt die Vermögensberatung durch ChatGPT? Und wo liegen die Schwächen?

Wer reich werden will oder zumindest sein Geld peu à peu vermehren und vor der Inflation schützen möchte, kann einen Finanzanlageberater aufsuchen. Das war lange Zeit für viele Menschen die einzige Möglichkeit, um der Geldentwertung ein Schnippchen zu schlagen und das Vermögen gezielt zu investieren. 

Heute ist die Situation eine gänzlich andere: Die Fachliteratur zum Thema Finanzen boomt; Finfluencer, also Influencer, die ihr Publikum mal seriös, mal weniger zur Geldanlage informieren, tummeln sich auf einschlägigen Webportalen. Digitale Anlagehelfer, sogenannte Robo-Advisor, investieren und verwalten das Ersparte im Sinne ihrer Kunden automatisiert – gegen eine geringe Gebühr.

Seit 2022 ist eine weitere Option hinzugekommen: der Chatbot ChatGPT. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Informationsmenge, auf die das Programm zurückgreifen kann, ist im Vergleich zu einem „echten“ Berater unvergleichlich höher. Jede noch so simple Frage beantwortet die künstliche Intelligenz geduldig, ohne auf das Wissensdefizit unangenehm hinzuweisen. Bei der KI gibt es außerdem keinen Interessenskonflikt, sie muss also nicht bestimmte Finanzprodukte verkaufen, um eine Provision einstreichen zu können.

Bereits vor zwei Jahren hat der Wissenschaftler Lars Hornuf, Experte für Finanztechnologie an der TU Dresden, verglichen, wie der Chatbot im Vergleich zu herkömmlichen Robo-Advisern abschneidet – mit einer erstaunlichen Schlussfolgerung. Demnach haben sich die Ergebnisse nicht von den Renditen eines führenden Robo-Advisors unterschieden.

Seitdem haben Entwickler ChatGPT kontinuierlich verbessert. Kann die Software jetzt sogar die Finanzberatung durch einen Menschen schlagen? Wie gut sind die Vorschläge der KI wirklich? Um das herauszufinden, wurden drei Szenarien durchgespielt und mit den Einschätzungen von drei Experten verglichen. 

Die Antwort von ChatGPT (zusammengefasst):

ChatGPT schlägt eine klassische 70:30-Aufteilung in Aktien- und Schwellenländer-ETFs vor: „Diese Aufteilung ermöglicht eine breite Streuung über Industrie- und Schwellenländer und nutzt‬‭ das Wachstumspotenzial beider Märkte.“ Die KI gibt sogar spezifische Produktempfehlungen wie den Aktienindex „iShares Core MSCI World UCITS ETF“ und den „Xtrackers MSCI Emerging Markets UCITS ETF“. 

Außerdem rät ChatGPT zu kostenlosen Online-Brokern, weist auf die Abgeltungssteuer („25 Prozent zzgl. Solizuschlag und ggf. Kirchensteuer“) und den jährlichen Freibetrag von 1.000 Euro hin. Die KI prognostiziert eine durchschnittliche Rendite von jährlich sechs bis acht Prozent bei einem solchen breit diversifizierten Aktienportfolio. Das Endkapital nach Kosten und Steuern bewege sich zwischen 75.000 Euro (zwölf Jahre) und 100.000 Euro (15 Jahre).

Vorab: Interessant ist, dass ChatGPT konkrete Aktienfonds nennt, denn die Erlaubnis haben normalerweise nur Finanzanlageberater mit entsprechender Ausbildung. Dieser Umstand sei der Finanzaufsichtsbehörde BaFin bekannt und werde aufmerksam beobachtet, heißt es auf Nachfrage. Eine Erlaubnis sei dann notwendig, wenn eine konkrete Empfehlung und eine persönliche Beratung vorliegen. „Das heißt, die persönlichen Umstände der Kundin oder des Kunden (z.B. Alter, Familienstand, Wohnort, Einkommen usw.) müssen für die Anlage geprüft werden“, erklärt die Behörde. Das sei bei ChatGPT jedoch nicht der Fall. „Bei den Produktnennungen der KI handelt es sich also um Finanztipps, wie sie etwa auch Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichen. Diese unterliegen keiner Erlaubnispflicht.“

Warum die KI aber ausgerechnet die ETF von ishares und xtrackers empfiehlt, erschließt sich Kapitalmarktexperte Philipp Vorndran nicht. Zudem erscheint ihm die Aufteilung, 30 Prozent in Schwellenländer zu investieren, willkürlich. „Ich würde eine langfristige Strategie – mit einem globalen Aktienfonds – ETF oder aktiv gemanagt empfehlen, der möglichst breit gestreut ist.“ Dazu muss man aber auch die Kosten für aktiv gemanagte Fonds bedenken und wissen, dass solche Fonds die passive Variante laut Datenerhebungen nur sehr selten bezüglich der Rendite schlagen.

Er weist darauf hin, dass ein Depot auf den Namen des Kindes steuerlich effizienter wäre, da Kindern ein eigener Freibetrag zusteht. „Diese Möglichkeit sollte stärker betont werden, da sie erhebliche steuerliche Vorteile bietet“, so Vorndran. Das macht die KI aber nicht.

Finanzcoach Andree de Boer ergänzt: „Neben dem Sparer-Pauschbetrag könnte eine Nichtveranlagungsbescheinigung beantragt werden. Diese erlaubt es, weit mehr als 1.000 Euro steuerfrei anzulegen, was bei langfristigen Sparzielen essenziell ist.“ Zudem fehle aus seiner Sicht der Hinweis, dass ein regelmäßiges Rebalancing, also ein Umschichten der Vermögenswerte, notwendig sei: Ohne die regelmäßigen Anpassungen würde sich die Aufteilung des Portfolios durch unterschiedliche Renditen der Anlageklassen verschieben. 

Lars Hornuf merkt an, dass die Berechnungen von ChatGPT keine detaillierten Steuerszenarien berücksichtigen. Auch sei die Vorabpauschale, die bei thesaurierenden ETFs, solchen ETFs, die die Dividenden nicht ausschütten, sondern direkt wieder in neue Aktien anlegen, anfällt, sicherlich nicht berücksichtigt. Die Kosten für Gebühren habe die Software ebenfalls nicht transparent dargestellt. „Daher ist das zur Verfügung stehende Endkapital sehr wahrscheinlich nicht richtig.“ Immerhin nutze die KI für die Berechnung der Endwerte die Zinseszinsrechnung, fügt Hornuf hinzu. Was ihm auffällt: Bei gleichlautender Frage weichen die Antworten der KI bei einer erneuten Eingabe mitunter voneinander ab.

Die Antwort von ChatGPT:

In diesem Fall rät ChatGPT zunächst zu einem Notgroschen in Höhe von drei bis sechs Monatsausgaben, die als Reserve auf einem Tagesgeldkonto liegen können. Auch sollten Schulden, wie beispielsweise Konsumkredite, getilgt werden, bevor man sein Geld investiert.

ChatGPT empfiehlt für die Einmalinvestition von 10.000 Euro ein Portfolio mit 80 Prozent Aktien-ETFs und 20 Prozent in risikoärmere Anlagen wie Anleihen oder auf einem Festgeldkonto anzulegen.

Für die monatliche Sparrate von 700 Euro schlägt die KI eine 90:10-Aufteilung zugunsten von Aktien vor: 70 Prozent in globale Aktien-ETFs, 20 Prozent in Schwellenländer-ETFs und 10 Prozent in Anleihen-ETF oder einen konservativen Mischfonds. Über einen Zeitraum von 15 Jahren, so die KI, solle die Aktienquote von 80 Prozent gehalten werden, weil die Renditeerwartung hierbei höher ist als bei risikoärmeren Investments.

Ab einem Alter von 55 bis 60 Jahren solle die Aktienquote schrittweise auf 50 bis 60 Prozent reduziert werden. Die KI gibt einen Hinweis auf die Vorabpauschale, die bei ETFs anfällt und schlägt vor, eine Riester- oder Rürup-Rente in Erwägung zu ziehen.

Andree de Boer hält die prozentuale Aufteilung für zu pauschal. Die Risikobereitschaft eines Anlegers sollte individuell abgefragt und in die Anlagestrategie eingebunden werden. Der Hinweis zu Riester und Rürup für die private Altersvorsorge sei unnötig. „Die Empfehlung für eine ergänzende private Rentenversicherung finde ich sogar falsch, da im Normalfall viel zu teuer“, sagt er.

Philipp Vorndran würde die 10.000 Euro gänzlich in ein breit gestreutes Aktien-ETF-Portfolio investieren – idealerweise mit einem Fokus auf globale Aktien. Da der Musterkunde eine solide monatliche Sparrate von 700 Euro hat, könnte man auf risikoarme Anlagen bei der Einmalinvestition sogar verzichten.

Positiv hervor hebt der Experte die Frage nach den Schulden, nur würde ein relevantes Thema in der KI-Antwort fehlen: die Frage nach Immobilien. „Gerade in Deutschland wäre zu klären, ob der Kunde bereits Eigentum besitzt oder plant, eines zu erwerben. Immobilien sind ein wichtiger Baustein der Vermögensbildung“, so der Kapitalmarktstratege. Trotz dieser Schwäche habe die KI verstanden, dass es um einen langfristigen Vermögensaufbau gehe, gleichwohl ein Anlagehorizont in dem Prompt fehlt. Auch, dass nicht das Land angegeben wurde, in dem sich der Anleger aufhält, sei kein Problem. Die KI könne selbst leicht herausfinden, von wo die Anfrage gestellt wird. Deswegen sind die fehlenden Nachfragen bezüglich Anlagehorizont und Standort unerheblich.

Vorndran hinterfragt jedoch die – durchaus gängige – Empfehlung, die Aktienquote im Alter zu reduzieren: „Die Regel ‚100 minus Alter‘ ist veraltet. Es geht vielmehr um den Anlagehorizont und die finanziellen Ziele des Anlegers. Ein 70-Jähriger mit einer verbleibenden Lebenserwartung von 20 Jahren kann durchaus in Aktien investieren, insbesondere wenn er keine kurzfristigen Liquiditätsbedarfe hat.“

Im Gegensatz dazu lobt Hornuf die grundlegende Berücksichtigung von Umschichtungen im Alter: „Die KI hat verstanden, dass sich die Anlagestrategie über die Zeit ändern sollte – das ist ein wichtiger Punkt in der Finanzplanung.“

Allerdings warnt der Finanztechnologieexperte, dass die Angaben zu ISIN und WKN nicht zu den Produktnamen passen. Das heißt: Die KI halluziniert, sie denkt sich also „Fakten“ aus, die schlichtweg falsch sind. Und das kann zum Problem werden: Solche ‚Halluzinationen‘ könnten nämlich dazu führen, dass Anleger falsche Produkte auswählen.

Die Antwort von ChatGPT:

Auf die wohl spannendste Frage an die KI, wie man möglichst schnell reich wird, warnt ChatGPT: Die Frage berge erhebliche Risiken. „Eine solche‬‭ Strategie erfordert fast immer ein hohes Maß an Risiko, und es gibt keine Garantie auf Erfolg.‬“ Dennoch schlägt die KI spekulative Ansätze wie Kryptowährungen, hochriskante Hebelprodukte wie Optionen und Einzelaktien vor. Gleichzeitig betont die KI jedoch die erheblichen Risiken und warnt vor Totalverlusten. Darüber hinaus verweist der Chatbot auch darauf, dass ein eigenes Unternehmen, also Geld in eine Geschäftsidee zu investieren, zu Reichtum führen kann. Doch letztlich rät das Programm: „Wenn Sie ernsthaft investieren möchten, empfehle ich, sich von einem Finanzberater beraten‬‭ zu lassen, um fundierte Entscheidungen zu treffen.‬“

Philipp Vorndran sieht diese Empfehlungen kritisch: „Schnell reich werden ist ein Mythos. Wer auf hohe Renditen spekuliert, muss bereit sein, hohe Risiken einzugehen – oft mit der Gefahr eines Totalverlusts.“ Er würde deswegen Hebelprodukte nicht empfehlen.

Die realistischere Strategie bestehe darin, Vermögen über viele Jahre hinweg langsam aufzubauen. Unternehmerische Aktivitäten wie von der KI vorgeschlagen könnten eine sinnvollere Alternative sein: „Ein eigenes Unternehmen zu gründen bietet oft bessere Chancen auf Wohlstand als reine Spekulationen.“ In der heutigen Zeit sei es nahezu unmöglich, durch reine Geldanlage schnell reich zu werden. „Mit einer Inflation von 2 bis 3 Prozent und Kapitalertragssteuern bleibt von hohen Renditen nicht mehr viel übrig.“

Lars Hornuf bezweifelt ebenfalls, dass man mit Kryptowährungen und Hebelprodukten tatsächlich schnell reich wird. „Andererseits ist die Frage, mit welcher Anlage man überhaupt schnell reich wird“, räumt der Experte ein. 

Die KI liefert eine gute Basis für Selbstentscheider, ersetzt jedoch keine individuelle Beratung, glaubt Andree de Boer. Kapitalmarktexperte Philipp Vorndran ergänzt: „Disziplin und Geduld sind entscheidend für den langfristigen Erfolg.“ Die KI könne helfen, den Einstieg zu erleichtern, aber der menschliche Faktor bleibe essenziell. Die Zukunft der Finanzberatung könnte in einer Kombination aus Mensch und Maschine liegen: Die KI könnte Beratern helfen, effizienter zu arbeiten, doch sie wird kaum alle Aspekte der individuellen Finanzplanung abdecken. Sie kann also ein Werkzeug sein, aber kein Ersatz für fundierte Entscheidungen und menschliche Beratung.

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