Hannover Mehr Lehrer – aber auch mehr Schüler: Unterrichtsversorgung verharrt auf niedrigem Niveau
Trotz neuer Lehrkräfte bleibt die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen unverändert. Die Unterrichtszeit pro Schüler ist nach wie vor unter dem Sollwert für gute Bildung. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte warnt vor einer Verschlechterung der Unterrichtsversorgung.
Rund 530 Lehrkräfte mehr als im Vorjahr sind an den niedersächsischen Schulen beschäftigt. Doch die Unterrichtsversorgung stagniert schulformübergreifend bei 96,9 Prozent. Bei ihrer Bilanz zum Ende des 1. Schulhalbjahrs 2024/2025 am Mittwoch sprach Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) von einer Stabilisierung bei wachsenden Qualitätsansprüchen. Denn die Zahl der Schüler an den allgemein bildenden Schulen ist um 4600 gestiegen – auf insgesamt 881.745 (Schuljahr 2023/2024: 877.152). Die Grundschulen verzeichneten ein Plus von rund 7.000 Schüler. Hamburg sagte, ohne die Einstellung zusätzlicher Lehrkräfte wäre die Unterrichtsversorgung im 1. Schulhalbjahr um einen Prozentpunkt abgesackt. Am besten versorgt sind auch in diesem Schuljahr die Gymnasien, gefolgt von den Grundschulen.
Leicht verbessert hat sich die sogenannte „Lehrer-Schüler-Relation“: Pro Schüler standen rechnerisch 1,69 Lehrstunden zur Verfügung. 2023 lag der Wert noch bei 1,67; im Jahr 2012 gar bei 1,55. Das Ministerium sieht dies als Indikator für Bildungsqualität. Der Soll-Wert beträgt allerdings 1,74 Stunden. Die Summe der „Lehrkräfte-Ist-Stunden“ erreicht mit 1.319.126 Stunden einen neuen Höchststand.
Im Kalenderjahr 2024 wurden insgesamt 2.296 Lehrkräfte neu eingestellt – das sind rund 530 mehr als in Pension gegangen sind. Hinzu kommen laut Hamburg freiwillige kurzfristige Teilzeiterhöhungen und weitere befristete Personalmaßnahmen. Die Mittel für Vertretungskräfte seien auf 55 Millionen Euro gestiegen – ein Höchstwert. Zum Beginn des 2. Schulhalbjahres konnten von den 1.160 ausgeschriebenen Stellen bereits 866 besetzt werden (Stand: 22.01.2025). Das entspricht einer Quote von 74 Prozent. Nach Ministeriumsangaben waren im Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt erst 822 Stellen besetzt. „ Das Einstellungsverfahren bleibt daher über den 1.2.2025 hinaus geöffnet.“ Im Vorjahr wurden im 1. Schulhalbjahr 971 Kräfte eingestellt.
Die Ministerin sprach von einem „Weg der 1.000 Schritte für eine stabile Unterrichtsversorgung“. Jede weitere Lehrkraft helfe, dem Abwärtstrend – also einer sinkenden Unterrichtsversorgung – entgegenzuwirken. Ein „Turnaround im Kultusbereich“ sei daher die Schaffung von 2.460 weiteren Stellen, die mit dem Haushalt 2025 auf den Weg gebracht wurden. Davon würden bis August rund 800 besetzt. Bis zum Jahresende werde das Kontingent vermutlich ausgeschöpft sein. Hamburg betonte, es seien mehr Stellen ausgeschrieben worden als es Referendare im Vorbereitungsdienst gebe.
Neben Lehrkräften setzt das Land immer mehr nicht-lehrendes Personal ein: Seit 2019 ist die Zahl an allgemein bildenden Schulen um mehr als 3.300 Beschäftigte gewachsen. Für das Corona-Aktionsprogramm „Startklar in die Zukunft“ wurden zusätzlich 2.400 nicht-lehrende Kräfte an den Schulen eingesetzt. Das Programm ist Ende 2024 ausgelaufen. Gut ein Sechstel dieser Mini-Jobber hätte jedoch gehalten werden können.
Im Bereich der Berufsbildenden Schulen (BBS) wurden 2024 insgesamt 420 Lehrkräfte neu eingestellt (Vorjahr: 471). Damit wurden erneut mehr Lehrkräfte neu eingestellt als zeitgleich pensioniert. Die Unterrichtsversorgung an den BBS stabilisierte sich bei 92,8 Prozent (Vorjahr: 92,9 Prozent).
Die Unterrichtsversorgung ist nach Ansicht der CDU-Opposition auf einem „alarmierend schlechten Niveau“. „Die Ministerin ist überfordert und handelt halbherzig – das ist kein Zustand, den wir uns länger leisten können,“ so Christian Fühner, bildungspolitischer Sprecher der Union. Torsten Neumann vom Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) sagte, die Stabilisierung der Unterrichtsversorgung sei bei genauerem Hinsehen letztlich doch eine Verschlechterung. Im Vergleich zu den Zahlen des Vorjahres. „Es fehlen wirkungsvolle Maßnahmen zur Entlastung der über Gebühr belasteten Lehrkräfte.“