Kindeswohlgefährdung Ist das Wohl von Kindern und Jugendlichen in Ostfriesland gefährdet?
Bundesweit fehlt in vielen Jugendämtern Personal. Zudem sind die Plätze für die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen knapp. Das hat auch in Ostfriesland dramatische Folgen.
Leer - Bundesweit werden immer mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung bekannt – zugleich fehlt in vielen Jugendämtern Personal. Zudem reichen die Unterbringungsmöglichkeiten für schutzbedürftige Minderjährige nicht. Das ist auch in Ostfriesland nicht anders. Die Jugendämter suchen inzwischen auch bundesweit nach Unterbringungsmöglichkeiten – und arbeiten selbst am Limit.
„Die Arbeitsbelastung im Jugendamt Wittmund ist seit jeher sehr hoch. Gerade in jüngster Zeit zeigt sich aber, dass sich die Situation immer weiter verschärft“, teilt der Leiter des zuständigen Fachbereiches für Soziales und Jugend, Marco Börgmann, auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Dafür gebe es verschieden Faktoren: „Während die Fallzahlen bei uns in den letzten Jahren weitgehend konstant sind, werden die Problemlagen, mit denen die sozialpädagogischen Fachkräfte konfrontiert sind, immer komplexer. Gleichzeitig nimmt die Suche nach den passenden Hilfen einen immer größeren Raum ein, da die Nachfrage nach Plätzen in Jugendhilfeeinrichtungen das Angebot deutlich übersteigt.“ Derzeit betreut das Jugendamt im Landkreis Wittmund 385 Kinder und Jugendliche – davon 163 Fälle stationär und 222 Fälle ambulant. Die Anzahl der laufenden Inobhutnahmen liegt bei zwölf.
„Jugendliche müssen häufig weit entfernt untergebracht werden“
Weil Plätze für die Inobhutnahme fehlen, „führt das dazu, dass Jugendliche häufig weit entfernt untergebracht werden müssen, was den Zeitaufwand für Krisen- und Hilfeplangespräche deutlich erhöht. Gespräche im Videoformat sind hierbei manchmal hilfreich, aber häufig auch nicht möglich“, erklärt Börgmann die Misere.
Sozialpädagogin Gabriele Flößer vom Kinderschutzbund betont: „Ganz deutlich muss darauf hingewiesen werden, dass angesichts des Personal-, Fachkräfte- und Platzmangels die den Kindern und Jugendlichen zugesicherten Rechte auf Schutz, Förderung und Beteiligung nicht vollumfänglich gewährleistet werden können.“ Flößer zufolge ist die Lage der Unterbringungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen unübersichtlich, „weil diese nicht nur von der öffentlichen Jugendhilfe, sondern überwiegend von freien Trägern bereitgestellt werden.“ Fakt sei, „dass die Anzahl der Anfragen nach geeigneten Plätzen die vorhandenen deutlich übersteigt und es auch hier zu dramatischen Entscheidungen kommt.“ Die Suche nach freien Plätzen laufe bundesweit, sodass Kontakte zur Herkunftsfamilie oder wohnortnahe Aktivitäten nahezu ausgeschlossen seien.
„Der personeller Aufwand wird immer größer“
Beim Jugendamt der Stadt Emden sind die Erfahrungen ähnlich. „Es stehen aktuell vier Plätze zur Verfügung, die zur Zeit alle belegt sind. Bei allen anderen Inobhutnahmen erfolgt die Unterbringung in dafür zugelassenen, stationären Angeboten, von freien Trägern der Jugendhilfe. Angebote hierzu sind in der Stadt Emden nicht vorhanden“, teilt die Stadt mit. Auch dort weiß man: „Bundesweit besteht ein Mangel an Inobhutnahmeplätzen.“ Der personelle Aufwand, einen geeigneten Platz zu finden, werde immer größer.
Im Jahr 2024 sind durch das Jugendamt Emden 50 Einschätzungen einer möglichen Kindeswohlgefährdung vorgenommen worden. 42 Kinder und Jugendliche – inklusive Selbstmelder und unbegleitete Minderjährige – wurden in Obhut genommen. Aktuell sind außerdem 127 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien und 111 in Wohngruppen oder in der Heimerziehung untergebracht, teilt die Stadt mit. Eine Vielzahl weiterer Kinder und Jugendlicher oder ihre Familien werden durch eine ambulante Hilfe im häuslichen Umfeld unterstützt, oder sind in einer Begleitung durch den Sozialen Dienst.
„Das Angebot an Plätzen ist knapp“
Im Landkreis Leer ist die Lage ebenfalls eng. „Wie auch andere Jugendämter stellen wir fest: Das Angebot ist knapp, es gibt wenig freie Plätze, manchmal kommt es – in Abstimmung mit dem Landesjugendamt – vorübergehend zu Überbelegungen“, teilt der Landkreis mit. „Ein Umstand, der die Ausweitung von Unterbringungsmöglichkeiten erschwert, ist der Fachkräftemangel.“
Alternativ werde inzwischen häufiger versucht, familieninterne Lösungen für betroffene Kinder und Jugendliche zu finden – zum Beispiel eine Unterbringung bei Verwandten. „Dies ist auch im Kinder- und Jugend-Schutzgesetz vorgesehen“, so der Landkreis.
Im Kreisgebiet gibt es 14 Einrichtungen, die zusammen 187 Plätze anbieten. Hinzu kommen 33 Bereitschaftspflegefamilien mit 47 Plätzen für kleine Kinder und 14 Plätze für reine Inobhutnahmen. Bei Bedarf werden auch Plätze außerhalb des Landkreises Leer in Anspruch genommen. Die Inobhutnahmen sind im Landkreis Leer von 82 Fällen im Jahr 2019 auf 118 im Jahr 2024 gestiegen.
Entspannter scheint die Lage im Landkreis Aurich zu sein. „Grundsätzlich zeigt sich das Angebot an Unterbringungsmöglichkeiten vor Ort ausreichend. Wünschenswert wären jedoch weitere Platzkapazitäten für unbegleitete minderjährige Ausländer“, teilt der Landkreis mit. In Obhut genommen wurden im vergangenen Jahr 155 Kinder und Jugendliche – 2019 waren es noch 136.
Zahl der Kindeswohlgefährdungen schon 2023 auf Rekordhoch
Mit insgesamt 63.700 bestätigten Fällen erreichte die Zahl der Kindeswohlgefährdungen bereits im Jahr 2023 laut Statistischem Bundesamt einen neuen Höchststand. Kindeswohlgefährdung kann Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt sein. Tatsächlich dürften die Zahlen aber deutlich höher liegen, da laut Bundesamt nicht alle Jugendämter Daten für 2023 melden konnten – zum Teil auch, weil das Personal dort überlastet war.
Die Gewerkschaft Verdi moniert: „Familien, Kinder und Jugendliche bekommen nicht die bedarfsgerechte Unterstützung, die sie dringend brauchen.“ Der Alltag in den Jugendämtern sei auch von „überbordender Bürokratie geprägt“. Für präventive Arbeit bleibe keine Zeit mehr. Die Arbeitsfähigkeit der Jugendämter sei massiv gefährdet, warnt Gewerkschaftssekretär Philipp Stewart.
Mit Material von DPA