Hamburg Digital naiv statt Digital Natives: Warum Kinder nicht mit Computern umgehen können
Obwohl Kinder immer mehr Zeit am Bildschirm verbringen, können sie immer schlechter mit den Geräten umgehen. Christine Regnitz von der Gesellschaft für Informatik erklärt, wie das sein kann.
Von wegen Digital Natives: 40 Prozent der Achtklässler in Deutschland können kaum mit Computern umgehen. Sie seien nur in der Lage, zu „klicken und zu wischen“, wie es die Autoren der ICILS-Studie ausdrücken, die diese Erkenntnisse zu Tage gefördert haben. Das ist ein deutlich schlechterer Wert als 2018, als das nur auf ein Drittel der Schüler zutraf. Nur ein Prozent der Achtklässler ist demnach in der Lage, sich eigenständig Informationen zu beschaffen und sie einzuordnen. Erschreckende Zahlen, findet Christine Regitz von der Gesellschaft für Informatik. Im Interview erklärt sie, wie Schulen diesem Trend entgegensteuern können.
Frage: Frau Regitz, digitale Kompetenzen werden im Berufsleben immer wichtiger. Gleichzeitig nehmen die Computerkenntnisse von Schülern ab. Ist das so besorgniserregend, wie es sich anhört?
Antwort: Definitiv. Informatik und andere digitale Kompetenzen sind eine Kulturtechnik, die einfach zu kurz kommt. Die Welt ist nicht nur von Informatik und digitalen Geräten durchdrungen, sondern auch von neuen Denk- und Geschäftsmodellen, die damit einhergehen. Kinder müssen in der Schule lernen, damit umzugehen. Wenn das in Deutschland nicht geschieht, setzen wir unsere Innovationskraft aufs Spiel.
Frage: Laut der ICILS-Studie, die die technischen Kompetenzen von Achtklässlern untersucht, können 40 Prozent von ihnen nur „klicken und wischen“, wie es die Studienautoren nennen. Dabei hat man lange gedacht, dass Kinder, die mit Technik aufwachsen, den Umgang von selbst lernen. Was ist schiefgelaufen?
Antwort: Wir haben diese Kompetenzen nicht ausreichend in den Schulen vermittelt. Das sollte flächendeckend und möglichst früh geschehen. Am besten als verpflichtendes Unterrichtsfach für alle Schülerinnen und Schüler. Das sollte schon in der Grundschule anfangen. Je früher man anfängt, digitale Kompetenzen zu vermitteln, desto leichter ist es. Wir haben immer gedacht, dass die Kinder der Zukunft „Digital Natives“ werden, aber stattdessen sind sie digital naiv geworden.
Frage: Was meinen Sie konkret?
Antwort: Ich halte öfter Vorträge vor Studierenden und frage dabei zum Beispiel häufig, was mit den Rechten an einem Bild geschieht, das man auf Instagram hochlädt. Kaum jemand in meinen Veranstaltungen weiß, dass man beim Hochladen eines Bilds der Plattform eine zeitlich begrenzte und weltweit gültige Lizenz gewährt, die Bilder zu verwenden. Instagram kann mit diesen Bildern dann machen, was es will. Solche Dinge muss man einfach erklären und das geht am besten an der Schule.
Frage: Mit Mitteln aus dem Digitalpakt sollen immerhin die nötigen Geräte angeschafft werden, um digitale Kompetenzen zu üben.
Antwort: Einfach nur iPads zu kaufen, reicht nicht aus. Man muss die Nutzung auch einordnen und Anwendungsfälle verstehen lernen und sie sinnvoll im Unterricht anwenden. Wenn die Kinder nicht verstehen, wie diese Geräte funktionieren, bringt es wenig, sie einfach nur zu haben. Abgesehen davon muss genau geklärt werden, wie mit Folgekosten umgegangen wird. Wer repariert die Geräte, wenn sie kaputtgehen? Wer ersetzt sie, wenn sie gestohlen werden? Und wer modernisiert sie, wenn die Technik veraltet ist? Nach drei, vier Jahren nimmt die Leistungsfähigkeit von Tablets und Smartphones nun mal einfach stark ab. All diese Fragen müssen noch geklärt werden. Da ist also noch einiges zu tun.
Frage: Regierende Bildungspolitiker würden mit Ihren Forderungen konfrontiert wahrscheinlich auf einen ganzen Strauß an Maßnahmen verweisen, bei dem durchaus viel Geld locker gemacht wurde.
Antwort: Natürlich ist die ganze Sache nicht ganz billig. Bisher wurde aber vor allem in die Hardware investiert und zu wenig in die Infrastruktur. Es bräuchte zum Beispiel einen IT-Service, bei dem man einfach ein Ticket aufmachen kann. Das ist nichts, was eine Informatiklehrerin oder ein Informatiklehrer mal eben nebenher machen kann. Und auch wenn Bildungspolitik Ländersache ist: Hier bräuchte es einen gemeinsamen Weg und eine gemeinsame Lösung.
Frage: Wenn Sie mehr Informatikunterricht fordern, braucht es auch mehr Informatiklehrer. Doch Computerexperten fehlen überall, auch in der freien Wirtschaft. Wo sollen die Lehrer herkommen?
Antwort: Das ist ein beliebtes Argument gegen mehr Informatikunterricht, das auch Landesregierungen gerne anbringen. Und ja, es gibt zu wenig Lehrkräfte, die Informatik kompetent unterrichten können. Jedes Jahr macht eine ungefähr dreistellige Zahl von Informatiklehrerinnen und -lehrern ihr Examen. Das reicht natürlich nicht. Der Informatikunterricht wird vielerorts von Mathematik- und Physiklehrkräften gemacht, die sich fortgebildet haben. Das ist auch nichts Schlimmes, schließlich sollen sie keine Raketenwissenschaft unterrichten. Diese Möglichkeiten könnte man ausbauen, ebenso, wie die Möglichkeiten für den Quer- und Seiteneinstieg. Auch Frauen könnte man gezielter ansprechen.
Frage: Das ist ein interessanter Punkt. Laut der eingangs erwähnten Studie haben Mädchen nicht weniger digitale Kompetenzen als Jungs. Informatik studieren aber mit Abstand mehr Männer als Frauen. Warum?
Antwort: Das merken wir auch bei unseren Schülerwettbewerben. Je älter die Teilnehmenden, desto weniger Frauen und Mädchen sind dabei. Das Problem ist aber vielschichtig. Ein wichtiger Faktor: Der stereotype Informatiker ist nun mal ein Mann. Da fehlt es an Vorbildern für Mädchen. Auch wird Informatik meistens von Männern unterrichtet. Auch hier könnte das Pflichtfach Informatik helfen, weil es Mädchen zumindest einmal in Kontakt mit diesen Bereichen bringt. Wenn sich mehr junge Frauen für eine Informatikkarriere entscheiden, könnte das auch den Fachkräftemangel in diesem Bereich lindern.
Frage: Was wären die Inhalte eines solchen Pflichtfaches?
Antwort: Es geht uns gar nicht unbedingt ums Programmieren, sondern um grundlegende Verständnisfragen. Was ist ein Algorithmus? Wie funktioniert ein Computer? Was ist ein Byte? Technische Grundlagen also. Der andere Bereich ist das Verständnis von Anwendungen. Wie funktioniert die Cloud? Was passiert, wenn ich etwas auf Tiktok oder Instagram poste? Warum ist Datenschutz so wichtig? Diese Kenntnisse sind nötig, um mündige Entscheidungen zu treffen und die Auswirkungen dieser Technologien aufgeklärt zu diskutieren. Von daher wäre der Name “Informatische Grundbildung” besser als Informatik.