Osnabrück  Chinesische Autowerke in Europa? Sind bereits da

Maik Nolte
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Von Maik Nolte
| 18.01.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Werk von Leapmotor in Jinhua: Bald produziert der chinesische Autobauer auch in Polen. Foto: imago/VCG
Werk von Leapmotor in Jinhua: Bald produziert der chinesische Autobauer auch in Polen. Foto: imago/VCG
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Chinas Autobauer sind in Europa bislang kaum präsent – das wollen sie ändern. Auch durch eigene Standorte. Das VW-Werk in Osnabrück wäre nicht das erste, das in ihren Fokus rückt.

Wie groß ist das Interesse chinesischer Autobauer an Produktionsstandorten in Deutschland? Berichten zufolge werfen Unternehmen aus dem Reich der Mitte begehrliche Blicke auf hiesige VW-Werke. Vor allem dürfte Osnabrück, wo die Produktion nach aktuellem Stand nur noch bis 2027 läuft, im Fokus der fernöstlichen Konkurrenz stehen. Allerdings wäre es weder das erste noch das einzige.

Tatsächlich sei das Interesse an langfristigen, strategischen Investitionen durchaus groß, teilte Chinas Handelskammer in Berlin auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters mit. Und das Außenministerium in Peking fügt hinzu: Nachdem China sich gegenüber ausländischen Unternehmen geöffnet habe, hoffe man, dass auch Deutschland ein „faires und diskriminierungsfreies Geschäftsumfeld schaffe“. 

Das dürfte zum einen als Seitenhieb auf politische Überlegungen zu sehen sein, Abwehrinstrumente gegen chinesische Einkaufspläne einzuführen. Zum anderen ist die Aussage wohl auch so zu lesen, dass Peking das Auto-Geschäft zwischen beiden Ländern nicht länger als Einbahnstraße hinzunehmen bereit ist. Was es bislang in weiten Teilen war. Deutsche Hersteller bauten ihre Präsenz in China über Jahrzehnte kontinuierlich aus, VW, das bereits 1978 ins China-Business einstieg, war lange unangefochtener Marktführer.  Die Deutschen hatten wesentlichen Anteil am steilen Aufstieg eines Marktes, der bis in die 90er hinein so gut wie keine Rolle spielte.

Noch im Jahr 2010 gab es in dem Riesenreich weniger Autos als in Deutschland. Heute geht jedes vierte weltweit verkaufte Auto an einen Kunden in China. Und jedes dritte Auto wird mittlerweile dort produziert. 

Allein die VW-Gruppe betreibt mit ihren Joint-Venture-Partnern mehr als 30 Werke in China. Mercedes produziert in Peking, BMW in Shenyang, Tesla in Shanghai. Die Liste ließe sich fortführen. Die drei großen deutschen Autokonzerne verkauften in China im vergangenen Jahr rund 4,5 Millionen Fahrzeuge aller Marken. 

Und in der Gegenrichtung? Chinesische Hersteller kamen hierzulande auf keine 30.000 verkauften Autos, und zwei Drittel davon entfallen allein auf die ehemals britische Marke MG. Nun aber tritt die Konkurrenz aus Fernost zunehmend aufs Gaspedal, gerade erst kündigte mit dem Staatsunternehmen GAC ein weiterer Autobauer an, noch in diesem Jahr seine E-Fahrzeuge der Marke Aion auf den europäischen Markt bringen zu wollen.

Und auch in der Produktion vor Ort sind die ersten Schritte längst gemacht. Unter anderem vom hier weithin noch unbekannten Autobauer Chery, der vor wenigen Wochen die Produktion in einem ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona aufgenommen hat. Leapmotor will in diesem Jahr mit seinem Stromer T03 in einem polnischen Werk der Opel-Mutter Stellantis loslegen, die sich in das chinesische Unternehmen eingekauft hat. Der Elektro-Auto-Gigant BYD will schon bald im ungarischen Szeged Stromer bauen und plant zudem ein Werk in der Türkei. 

Weitere Werke sind bereits zuvor in den Blick chinesischer Hersteller gerückt – auch deutsche. Sowohl Chery als auch BYD zeigten Interesse am Ford-Werk in Saarlouis, wo Ende des Jahres die Produktion eingestellt wird. Stellantis und sein neuer Partner Leapmotor überlegen Berichten zufolge, ein weiteres E-Modell künftig im – nicht ausgelasteten – Eisenacher Opel-Werk zu montieren. Und am vor der Schließung stehenden Audi-Werk soll unbestätigten Berichten zufolge der Elektroautobauer Nio Interesse haben.

Für chinesische Hersteller bietet die Produktion innerhalb der EU mehrere Vorteile: Nicht nur in strategischer Hinsicht, sondern vor allem mit Blick auf die geltenden Importzölle auf E-Autos. Die würden bei einer Produktion im EU-Raum nicht anfallen. Und da Konzerne wie etwa BYD zudem durch ihre eigene Produktionskette Kostenvorteile haben, könnten sie ihre Stromer zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten – selbst bei einer Montage im hochpreisigen Deutschland, wie Experten der Großbank UBS errechneten.

Und Chinas innovative Autobauer wären vielerorts wohl auch nicht unwillkommen. Für das Ford-Werk in Saarlouis galten BYD und Chery zeitweise als Hoffnungsträger zur Rettung des Standorts, auch wenn sich die Pläne letztlich zerschlugen. Und in Barcelona waren mit der Schließung des Nissan-Werks 2021 immerhin 3000 Arbeitsplätze verloren gegangen – Chery bringt nun zumindest 1250 von ihnen zurück.

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