Osnabrück  Weg vom Verlierer-Image? Chemnitz startet in das Jahr als Kulturhauptstadt

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 16.01.2025 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Andrea Pier, kaufmännische Geschäftsführerin Chemnitz 2025, und Stefan Schmidtke, Geschäftsführer Chemnitz 2025, halten die druckfrischen Programme zur Programmvorstellung der Kulturhauptstadt 2025 in Chemnitz in ihren Händen. Foto: dpa/picture-alliance
Andrea Pier, kaufmännische Geschäftsführerin Chemnitz 2025, und Stefan Schmidtke, Geschäftsführer Chemnitz 2025, halten die druckfrischen Programme zur Programmvorstellung der Kulturhauptstadt 2025 in Chemnitz in ihren Händen. Foto: dpa/picture-alliance
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Endlich wahrgenommen werden? Davon träumen viele Chemnitzer. Es sind allerdings Aufmärsche Rechtsradikaler, die das Image bestimmen. Mit dem Jahr als Kulturhauptstadt Europas soll sich das ändern. Chemnitz 2025-Geschäftsführer Stefan Schmidtke im Gespräch.

Bunt und fröhlich wird es werden, aber wohl nicht nur harmonisch – das Fest, mit dem Chemnitz am Samstag, 18. Januar 2025 in sein Jahr als Kulturhauptstadt Europas startet. Wenn sich die Menschen dann am Marx-Monument, dem „Nischel“, drängen, ziehen auch Rechtsextreme los. Die „Freien Sachsen“ wollen auf dem Innenstadtring demonstrieren, während in der City gefeiert wird. Kulturhauptstadt Chemnitz – ein Streitfall?

„Bei Initiativen wie Pro Chemnitz sind alle Schotten dicht. Die Gruppe hat mit Aufmärschen wie 2018 gedroht. Ein Gespräch ist da nicht möglich“, sagt Stefan Schmidtke, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 GmbH.

Im August 2018 hatten Asylbewerber mehrere Männer mit Messern angegriffen. Einer starb. In den darauffolgenden Tagen zogen Rechtsextreme durch Chemnitz, machten Jagd auf Ausländer. Die AfD rief zu einem Schweigemarsch auf.

Eine ungute Blaupause für das Jahr der Kulturhauptstadt? Stefan Schmidtke sieht das anders. „Ich sehe Meinungsäußerungen, auch von rechts, gelassen entgegen. Die Chemnitzerinnen und Chemnitzer setzen auf ihre lebendige zivilgesellschaftliche Szene. Respekt und demokratisches Handeln, so ist jede und jeder Teil der Kulturhauptstadt“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Sein wichtigster Punkt: Die Aufmärsche von Rechtsradikalen haben dem Projekt der Kulturhauptstadt erst recht Rückenwind gegeben. „Die Aufmärsche von 2018 haben uns gezeigt, dass das Projekt der Kulturhauptstadt vor allem die Zivilgesellschaft stärken soll“, beschreibt Schmidtke die Mission des Projekts. Entsprechend prägt vor allem Alltags- und Breitenkultur das Angebot, das in dem 508 Seiten starken Programmbuch dokumentiert ist.

„Die Kulturhauptstadt ist die größte und weiteste Initiative für Zivilgesellschaft, Respekt und Demokratie. Möglichst viele gerade der Menschen, die unsicher und nicht so meinungsstark sind, werden so Zugang zu kulturellem Austausch bekommen“, macht Stefan Schmidtke klar, wie die Projekte der Kulturhauptstadt gemeint sind – als Intensitätszonen eines neuen Stadtgesprächs.

Paradebeispiel dieser Philosophie ist das Kernprojekt „3000 Garagen“. „Garagen sind Kulturgut“: Die Programmmacher verweisen auf die Garagen als Orte tätiger Nachbarschaft. In Kulturprojekten sollen die Geschichten, die diese Garagen bergen, zutage gefördert werden. Dabei geht es auch um Objekte. Der Künstler trägt Fundstücke aus Chemnitzer Garagen zu einer Installation kollektiver Erinnerungen zusammen. Der sprechende Titel: „Ersatzteillager“.

Was entspannt klingt, war im Vorfeld oftmals Gegenstand kontroverser Diskussionen. Schmidtke sieht diese Arbeitsphase bereits als einen Teil des Kulturhauptstadtjahres – und sieht auch im Streitgespräch einen Sinn. „Die Eröffnung ist ein wichtiger Abschluss der Konzeptionsphase. Vieles war stark umstritten, ist hinterfragt worden. Und genau das war positiv“, sagt der Geschäftsführer heute.

Dabei geht es nicht nur um Chemnitz allein. Auch die Region sei in das Programm mit einbezogen, betont Stefan Schmidtke. „Es geht nicht nur um Chemnitz, sondern auch um eine extrem starke Region, aus der unglaublich viel gekommen ist. Die Menschen verstehen, dass es um sie geht. Sie hatten und haben Lust anzupacken, etwas zu tun“, gibt sich Schmidtke betont optimistisch und attestiert dem Konzept der Kulturhauptstadt schon jetzt einen wichtigen Etappenerfolg – mit der Aktivierung vieler Menschen.

Durch das Chemnitzer Umland wird sich vor allem der Skulpturenpfad „Purple Path“ ziehen. Kunststars wie Alicja Kwade, Michael Sailstorfer und Jeppe Hein haben in 38, meist kleineren Orten des Umlandes ihre Kunstwerke installiert.

Das Projekt wird am 25. April 2025 eröffnet, ebenso wie die Ausstellung „European Realities“ in den Chemnitzer Kunstsammlungen. Der europäische Bilderreigen thematisiert die Kunst der vor 100 Jahren erfundenen Kunstströmung der Neuen Sachlichkeit als Krisenbarometer ihrer Zeit.

Für das Eröffnungswochenende ist angerichtet. Eröffnungsshow am Marx-Monument, „Küche der Nationen“, Festakt im Opernhaus und Party ohne Ende in den Clubs der Stadt. Das liest sich überwiegend, wie Kulturmacher gern sagen, unbedingt niedrigschwellig.

Stefan Schmidtke hat dafür übrigens auch in Osnabrück Erfahrungen gesammelt. „Mit der Aktivierung der Zivilgesellschaft für das Friedensjahr 2023 ist in Osnabrück ist ein richtig guter Job gemacht worden“, sagt er. Beteiligung sei nun auch die Grundidee der Kulturhauptstadt Chemnitz.

Das Resultat kann allerdings auch ein agiler Macher wie Stefan Schmidtke nicht vorwegnehmen. Er kämpft für die Stadt Chemnitz und ihren nicht immer einfachen Ruf: „Ich verstehe, dass Chemnitz überregional nicht so gut bekannt ist. Es regiert eine Macht des Eindrucks, gegen die mit guten Veranstaltungen schwer anzukommen ist“.

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