Maul- und Klauenseuche Ostfriesische Bauern fürchten tödliche Seuche
In Brandenburg wurde die Maul- und Klauenseuche nachgewiesen. Sie bedeutet den Tod für ganze Tierbestände. Ostfriesische Landwirte wappnen sich schon mal gegen das hoch ansteckende Virus.
Petkum - Vorsicht ist besser als Nachsicht, so lautet derzeit das Motto von Deichschäfer Dennis Bonsemeyer aus Petkum. Den Besuch der Redaktion für die Landwirtschaftsserie sagte er ab, auch Schulklassen und Kindergarten-Gruppen sollen derzeit nicht mehr auf den Hof kommen. Je weniger „Externe“ Stall und Hof betreten, desto geringer ist die Chance, dass gefährliche Viren seine Tiere bedrohen. Der Grund für die Vorsicht: In Brandenburg wurde bei Wasserbüffeln die gefürchtete Maul- und Klauenseuche (MKS) nachgewiesen.
Die tödliche Tierseuche befällt ausschließlich Paarhufer – wie Rinder, Schafe, Schweine, Ziegen, Alpakas, Rehe und Wildschweine – und wird über ein hoch ansteckendes Virus übertragen, auch über den Menschen. Kleinste Partikel auf Fahrzeugen, an Kleidung oder Schuhen genügen, um es von einem Betrieb in den nächsten zu tragen. Selbst über die Atemluft kann MKS verbreitet werden.
Ostfriesische Landwirte in Alarmbereitschaft
Dennis Bonsemeyer, dessen Betrieb mit circa 500 Mutterschafen sich wie viele andere in der Region noch immer nicht ganz vom Ausbruch der Blauzungenkrankheit im vergangenen Jahr erholt hat, ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Vor dem Stall hat er vorsichtshalber eine Desinfektionsmatte aufgestellt, an der betriebsfremde Personen wie etwa Tierärzte ihre Schuhe desinfizieren können. Eine Desinfektionsschleuse für Fahrzeuge hat er schon bestellt.
Mit seiner Besorgnis ist Dennis Bonsemeyer nicht allein. Maren Osterbuhr aus Strackholt hält auf ihrem Hof etwa 300 Rinder, dazu einige Schafe und ein Schwein. Alle Tiere würden bei einer Infektion mit MKS gekeult – also: getötet. Auch ihre Rinder haben noch immer mit der Blauzungenkrankheit zu kämpfen. „Es ist beängstigend“, sagt sie. „MKS ist nun mal hoch infektiös.“
Ein Ausbruch in Ostfriesland wäre fatal
Seit 1988 gab es die Seuche nicht mehr in Deutschland. „Die Maul- und Klauenseuche ist der „Worst Case“, sagt Ursula Gerdes, Geschäftsführerin bei der Niedersächsischen Tierseuchenkasse. „Sie ist sozusagen der Voldemort unter den Seuchen“ (Voldemort ist ein fiktiver Bösewicht in den Geschichten von Harry Potter, der so grausam ist, dass seinen Namen niemand nennen darf, Anm. d. Redaktion).
Komme das Virus nach Ostfriesland, wäre das fatal, sagt sie. Tiere im Umkreis von 1000 Metern um den infizierten Betrieb werden getötet, in Brandenburg waren es zum Glück, wie sie sagt, nicht so viele. Nach Medienberichten handelte es sich um 170 Schweine sowie 55 Schafe und andere Paarhufer.
Nach Zählungen des Statistischen Landesamts gibt es in Ostfriesland circa 2000 Rinderbetriebe mit insgesamt etwa 300.000 Tieren und etwa 200 Schäfereien mit gut 16.000 Schafen, wie Heinz-Hermann Hertz-Kleptow, Geschäftsführer vom Kreisverband Aurich im Landwirtschaftlichen Hauptverein für Ostfriesland, zusammenrechnet.
„Niedersächsische Jäger sollten jetzt nicht in Brandenburg jagen“
Um Betriebe schon jetzt vor einer möglichen Virenübertragung zu schützen, empfiehlt Ursula Gerdes, am besten Ersatzstiefel für hoffremde Personen bereitzustellen, zum Beispiel für Tierärzte. Die Wirkung einer Desinfektionsmatte werde durch verschmutzte Stiefel eingeschränkt. „Besser wäre ein Tauchbad, in die man die sauberen Stiefel komplett eintauchen kann“, sagt sie. Eine Möglichkeit seien auch Überschuhe für Hofbesucher, sowie saubere Einwegkleidung. Und: Bei einem Verdacht oder Unsicherheit solle lieber eine Probe mehr als eine Probe zu wenig eingeschickt werden. „Die Niedersächsische Tierseuchenkasse zahlt den Test, es entstehen den Landwirten dadurch keine Kosten“, sagt sie.
Das letzte Mal kam die Maul- und Klauenseuche bei einem Ausbruch 2001 in den Niederlanden so nah. Da war die einzige Verbindung zwischen Ausbruchsorten im Süden und im Norden des Landes eine Hochzeit, erzählt Ursula Gerdes. „Daran sieht man, wie leicht sich die Seuche verbreitet.“ Der Mensch nehme das Virus auf und könne es weitergeben. „Wir können nur hoffen, dass es jetzt keine solcher Kontakte gibt und dass niedersächsische Jäger nicht in Brandenburg zur Jagd gehen“, sagt sie.
Keine Trecker auf Agrar-Demo in Berlin
Übertrieben sind die Sorgen nicht. In Ostfriesland sind schon internationale Maßnahmen spürbar, denn der Kälberhandel mit den benachbarten Niederlanden wurde zunächst ausgesetzt.
In Berlin ist der Zoo geschlossen, da er sich innerhalb des Sperrgebiets befindet. Die Landwirtschafsmesse „Grüne Woche“ änderte kurzfristig das Programm und schloss gefährdete Tiergruppen aus. Stattdessen soll es mehr Pferde zu sehen geben, heißt es auf der Webseite.
Laut einer Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) vom 13. Januar 2025 wird die diesjährige „Wir haben es satt!“-Agrardemonstration am 18. Januar in Berlin ohne die übliche Treckerbegleitung stattfinden. Man wolle „das Risiko einer Ausweitung der Maul- und Klauenseuche in Brandenburg und über die Ländergrenzen hinaus durch eine eventuelle Übertragung durchfahrender Trecker vermeiden“, äußerte dazu die Vorsitzende Claudia Gerster.
Impfstoff wird schon produziert
Ein Grund, warum die Maul- und Klauenseuche so gefürchtet ist, ist auch ihre Letalität, also „Tödlichkeit“. Anders als bei etwa der Blauzungenkrankheit führt eine Impfung zwar zum Schutz der geimpften Tiere, doch sie kann nur eingesetzt werden, um einen Ring um einen Ausbruchsherd zu bilden, wie Ursula Gerdes erläutert. Aus EU-rechtlichen Gründen können die Tiere jedoch nicht mehr genutzt werden, sondern müssen getötet werden, teilt sie mit. Der Impfstoff werde bereits produziert, um im Ernstfall ausgestattet zu sein. Doch für sie steht fest: „Die Maul- und Klauenseuche darf nicht herkommen.“