Berlin Tacheles: Katharina Thalbach lacht über die Eitelkeit eines Hollywood-Kollegen
Vor dem Start ihrer Agentenkomödie „Kundschafter des Friedens 2“ haben wir mit Katharina Thalbach gesprochen – über Schauspieler-Eitelkeit, Kartoffelpuffer und am Ende auch noch ein bisschen über Sex.
Katharina Thalbach ist entspannt. Beim Pressetermin zur Spionage-Komödie „Kundschafter des Friedens 2“ schlägt sie behaglich ein Bein über die Sessellehne und wartet vergnügt auf die Fragen. So sieht sie aus, die Lässigkeit eines Menschen, der wie kaum ein zweiter für nun schon sieben Jahrzehnte deutscher Schauspielgeschichte steht. Und ob sie man auf die Merkel-Memoiren anspricht, auf Claudia Roths möglichen Nachfolger oder das ferkeligste Zitat aus ihrem Film: Katharina Thalbach wird mit jeder Antwort nur lustiger.
Frage: Frau Thalbach, in „Kundschafter des Friedens“ kommen Sie als alte Ost-Spionin nach Kuba und jubeln, weil immer noch alles wie früher ist. Gibt es Dinge, von denen Sie sich das auch wünschen?
Antwort: Davon wird ja trotzdem nichts mehr wie früher. Das ist Quatsch. Warum soll ich jammern, dass ich noch mal 20 sein will. Die Welt besteht aus Veränderungen. Mit einem Trick kann man seine Kindheit aber wirklich zurückholen: Meine Kartoffelpuffer schmecken wie bei Mama.
Hier sehen Sie den Trailer zu Katharina Thalbachs Komödie „Kundschafter des Friedens 2“:
Frage: Hatten Sie jugendliche Ideale, die Ihnen heute naiv vorkommen?
Antwort: Da bin ich sicher nicht die Einzige. In meiner Jugend konnte ich glücklicherweise noch glauben, dass die Welt veränderbar ist. Heute ist es schwieriger, das zu glauben. Wäre ich noch einmal jung, würde ich mich ohnmächtig fühlen. Der ganze Planet ist in Gefahr. Und der Kapitalismus tut so, als ob keine andere Möglichkeit des Zusammenlebens existiert. Immer muss alles wachsen, wachsen, wachsen, wachsen. Alles hat mit Kaufen und Verkaufen zu tun. Träumen wird einem schwergemacht. Umso mehr muss man es tun.
Frage: Wird der Generationenkonflikt gerade besonders scharf ausgetragen? Oder lächeln Sie über den Streit zwischen Boomern und Gen-Zlern?
Antwort: Worüber lächle ich? Über das Gendern?
Frage: Ich meinte die Generation Z. Aber wir könne auch gern übers Gendern sprechen. Im Generationenkrieg ist das ja ein großes Thema.
Antwort: Das Gendern halte ich für einen Nebenschauplatz. Solange es für uns Frauen nicht gleiches Geld für gleiche Arbeit gibt, sind Diskussionen über Wörter müßig. Es geht ums Geld. Ob da ein Sternchen steht, ist mir wurscht. Aber ich muss zugeben, dass ich diese Probleme nie hatte. Ich kam emanzipiert aus der DDR. Ich habe mich immer wehren können. Wenn die jungen Leute gendern wollen, sollen sie es tun. Wir haben ja auch mal „frau“ statt „man“ gesagt. Das ist auch wieder verschwunden. Ich bin zu alt, um mir meine Redegewohnheiten abzugewöhnen.
Frage: Angela Merkel hat dem „Spiegel“ zum Ampel-Aus kürzlich nur ein Wort gesagt: „Männer“. Sind Männer in Konflikten wirklich nachtragender und unflexibel?
Antwort: Ich glaube schon, dass Frauen großzügiger sind. Das mussten sie sein. Weibliche Anpassungsbereitschaft stützt sich auf ein Jahrtausende altes Training.
Frage: Haben Sie die Merkel-Memoiren gekauft?
Antwort: Ich hatte das Buch bei Amazon sogar vorbestellt. Das lese ich aber sicher nicht am Stück. Sowas liest man etappenweise.
Frage: Sind Sie als Hauptdarstellerin der Miss-Merkel-Krimis enttäuscht, dass die Altkanzlerin auf 720 Seiten keinen einzigen Mordfall löst?
Antwort: Ich bin überhaupt nicht traurig. Das ist ja die echte Merkel. Kriminalfälle löst nur die unechte. Und die ist eine Märchentante, die mehr mit Agatha Christie und mit Miss Marple verwandt ist als mit Merkel. Damit ist sie mir auch wesentlich näher. Das ist ja klar.
Frage: Hat die echte Merkel schon mal auf die unechte reagiert?
Antwort: Nein, nein, das wird sie auch nie tun. Sie hat mir gesagt, dass sie gar keine Zeit dafür hätte. Und ehrlich gesagt: Ich glaube es ihr.
Frage: Auf der Bühne spielen Sie Agatha Christies Hercule Poirot. Miss Marple haben Sie noch nie gespielt, oder?
Antwort: Nee, die würde ich mich auch nicht trauen. Die ist für mich untrennbar mit Margaret Rutherford verbunden. Agatha Christie hat auf diese Schauspielerin sehr unwillig reagiert. Zu Unrecht. Vier Marple-Filme hat Margret Rutherford gedreht und die kann man jederzeit und immer wieder gucken. Schon die Musik ist für mich ein komplettes Weltbild. Rutherford ist die ultimative Miss Marple. Die kann danach kein anderer mehr spielen. Deshalb spiele ich Poirot.
Frage: Der hatte auch berühmte Darsteller. Der beste ist doch sicher – Peter Ustinov?
Antwort: Poirot hatte viele gute Darsteller. Mein Favorit ist vielleicht David Suchet, der die Krimis für die BBC gespielt hat. Meine Herangehensweise unterscheidet sich natürlich, weil ich es im Theater mache und sogar mit Musikeinlagen. Und dann bin eine Frau. Das war sogar Agatha Christies Erben in London aufgefallen. Deswegen gab es am Anfang ein paar Probleme. Später haben sie mich aber gefragt, ob ich nach „Mord im Orientexpress“ als nächsten Poirot-Fall auch „Tod auf dem Nil“ mache. Ich habe mich gefreut – und Ja gesagt.
Frage: Die neuen Poirot-Filme im Kino macht Kenneth Branagh, als Hauptdarsteller und als Regisseur. Gefällt Ihnen das?
Antwort: Nein. Ich finde Kenneth Branagh zu eitel. Mir missfällt schon der riesige Schnauzbart. Die ersten 20 Minuten sind bei ihm meistens toll. Danach wird es langweilig.
Frage: Erklären Sie mal, wieso Schauspieler-Eitelkeit – und zwar besonders die von Kenneth Branagh – einem Film so schadet.
Antwort: Am Anfang fand ich Branagh toll, in seinen Shakespeare-Filmen. Als Heinrich V. war er gut. Danach kamen zwei Shakespeare-Komödien, auch gut. Bei seinem Hamlet kamen mir Zweifel. Und nach Frankenstein wollte ich nichts mehr von ihm sehen. Als Poirot macht er mir viel zu viel: Er ist Liebhaber, Action-Darsteller und er bringt beim „Mord im Orient-Express“ auch noch das jüdische Thema rein. Gerade in dem Film hat er ein Ensemble erster Güte: Judi Dench, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Michelle Pfeiffer. Schauspieler, bei denen ich niederknie. Aber mit Ausnahme von Johnny Depp sieht man sie gar nicht. Man sieht nur: Kenneth Branagh. Inzwischen hat er insofern daraus gelernt, als er neben sich nur noch unbekannte Schauspieler besetzt.
Frage: Gibt es auch eine produktive Form von Eitelkeit?
Antwort: Als Schauspieler muss man eitel sein. Es ist nur die Frage, ob man das Werk gut aussehen lässt oder sich selbst. Bei Branagh sehe ich einen Regisseur und Hauptdarsteller, der sich selber alle Großaufnahmen gibt und dann auch noch so ein wahnsinniges Licht auf seine Augen. Eitelkeit überträgt sich. Man spürt ob jemand etwas aus Liebe tut oder aus Gefallsucht.
Frage: Sie haben auch früher schon Männerrollen gespielt. In den 90ern waren Sie in Ihrer Inszenierung vom „Hauptmann von Köpenick“ die zweite Besetzung von Harald Juhnke.
Antwort: Es war anders. Ich habe das mit Harald inszeniert und wie meistens selbst eine kleine Rolle gespielt. Deshalb war ich jeden Abend da. Wir spielten en suite im Gorki Theater – also jeden Abend. Alle Vorstellungen waren bumsdicke ausverkauft. Und als Harald wieder mal abgestürzt war, gab es außer mir keinen, der einspringen konnte. Ich kannte jedes Wort, jeden Gang und jede innere Haltung – es war ja meine Regie. Als Harald das mitbekam, hat er schnell gesagt: Ich kann wieder selbst spielen. Ihn hat das wahrscheinlich geärgert. Damit hatte ich ihn gesundgemacht. Aber nur einmal.
Frage: Und dann?
Antwort: Ist er wieder abgestürzt. Danach hat er es nie mehr zurückgeschafft. Er hat nie mehr Theater gespielt.
Frage: Hatte Juhnke als „Hauptmann von Köpenick“ noch einmal ein Zeichen als Charakterdarsteller gesetzt, als der er vorher unterschätzt war?
Antwort: Er hatte viel mehr klassisches Theater gespielt, als die Leute wussten. Man kannte ihn vom Boulevard. Und er hatte eine Sehnsucht, zu den Klassikern zurückzukehren. Am liebsten hätte er King Lear gespielt. Dazu kam es nicht. Er stand sich selber im Weg, mit seiner Alkoholkrankheit. Trotzdem: Er war auch eine großer Tragöde. Er konnte einen hervorragend zu Tränen rühren. Sogar als Hauptmann von Köpenick, auch wenn das eigentlich eine komische Figur ist.
Frage: Ich erinnere mich, dass Juhnkes Alkoholismus damals weniger als Krankheit gesehen wurde, sondern fast wie ein Markenzeichen.
Antwort: Das war noch anders als heute, ja. Nicht nur in Deutschland. Man sieht das auch in alten Filmen: Überall nehmen die Leute erstmal einen Drink. Überall steht eine Hausbar und man kippt sich einen dicken Whisky ein.
Frage: Frau Thalbach, ich bin 50 und zum ersten Mal fühle ich mich alt: Ich kann mir nicht mehr merken, wie der „Tatort“ von gestern ausgegangen ist, und im Kino bin ich sogar schon mal eingeschlafen. Kriegt man dafür zum Ausgleich was zurück? Kommen irgendwann die verschütteten Kindheitserinnerungen wieder hoch?
Antwort: Nee, das kriegen Sie nicht. Nicht, wenn Sie damit nicht jetzt schon anfangen. Sie müssen sich nämlich erstmal richtig am Leben erfreuen. Und das jetzt. Das hat nichts mit einer Zahl zu tun. Mir haben sie immer erzählt: Oh Gott, wenn man erst mal 20 wird, oder 30, 40, 50, 60 … dann wird alles anders. Bei mir hat das nie was verändert. Änderungen kommen, aber langsam. Das hat die Natur ganz gut eingerichtet. Was ich dabei als so absolut angenehm empfinde: Ich werde entspannter. Ich nehme alles nicht mehr so wichtig, mich selbst eingeschlossen. Die Zipperlein werden trotzdem mehr. Tut mir leid.
Frage: Sie haben schon als Kind auf der Bühne gestanden, unter lauter Erwachsenen. Gab es je eine Phase, in der Sie sich so alt gefühlt haben, wie Sie waren?
Antwort: Also eigentlich fühle ich mich jetzt wieder so wie mit 15. Nicht in dem Sinne, dass ich mich so jung fühle. Aber ich war mit 15, glaube ich, schon einmal so wie jetzt: auf eine Weise mit mir im Reinen, die später vorbeiging – durch das Erwachsenwerden, durch die vielen Verpflichtungen. Jetzt kommt das wieder zurück.
Frage: Sie sind ein Urgestein der Berliner Kultur. Und die wird gerade massiv zusammengespart. Was sagen Sie dazu?
Antwort: Das finde ich unmöglich. Mein Hauptargument ist der Flughafen. Der BER hat eine Zeit lang jeden Tag eine Million gekostet. Jeden Tag. Das haben wir Steuerzahler bezahlt. Jetzt haben wir offensichtlich ein riesiges Haushaltsloch – und kürzen ausgerechnet den Kulturetat, den kleinsten Posten im ganzen Haushalt. Mich ärgert diese enorme Unfähigkeit. Wir haben einen Kultursenator, der sagt: Das ist leider über meinen Kopf hinweg entschieden worden. Und er hat nicht mal protestiert. Stattdessen sagt er: Zieht euch warm an – wir müssen jetzt mal Kunst nach kapitalistischen Maßstäben machen. Bettelt doch irgendwelche Hotels als Sponsoren an, aber nicht mehr den Staat.
Frage: Welche Antwort wünschen Sie sich von der Politik?
Antwort: Richard von Weizsäckers. Der hat schon vor über dreißig Jahren gesagt: Im Zusammenhang mit Kultur kann man nicht von Subventionen sprechen. Weil das eine Selbstverständlichkeit für unsere Gesellschaft ist, dass Kultur finanziert wird.
Frage: Berlins Kultursenator Joe Chialo wird als Nachfolger von Kulturstaatsministerin Claudia Roth gehandelt. Was passiert, wenn das passiert?
Antwort: Dann wird alles noch schlimmer. Und nicht nur Berlin. Dann wird Deutschland provinziell.
Frage: Könnte die Politik nicht gerade Ihnen sagen: Sie spielen Ihren Poirot am Privattheater – es geht also auch ohne den Staat.
Antwort: Ja, bei uns könnte er das sagen. Aber das ist nicht die Regel. Und es müssen auch Dinge gefördert werden, zu denen nicht die Massen strömen. Wir brauchen auch den unbekannten Autor, der, was weiß ich, einen schrägen Monolog über Ameisen schreibt.
Frage: Ich habe zwei letzte Fragen notiert. Suchen Sie aus, welche wir nehmen? Die erste wäre: Darf man Ihre Spionage-Rolle in „Kundschafter des Friedens“ als Bewerbung auf die James-Bond-Nachfolge verstehen?
Antwort: Das beantworte ich schon mal gern. Was wäre die zweite Frage?
Frage: Ihre „Kundschafter“-Figur prägt ein Motto, das die Zuschauer durchs Leben begleiten wird: „Erst bumsen, dann küssen!“ Hat sie recht?
Antwort: Das werde ich beides sehr gern beantworten. Erstens: Ich möchte auf jeden Fall der nächste James Bond werden. Oder der übernächste. Es wäre mir eine Riesenfreude, wenn 007 zu 0085 mutiert. Wenn das für mich Fitness-Center und Hantel-Training bedeutet – bitte, gern. Ich stehe bereit. Und was das Bumsen und Küssen angeht, möchte ich es so formulieren: Mal so, mal so. Es ist beides gut. Egal, in welcher Reihenfolge.