Paris Der Tag, an dem „Charlie Hebdo“ getroffen wurde – und überlebte
Vor zehn Jahren töteten zwei Islamisten bei einem Attentat auf das französische Satiremagazin zwölf Menschen, es folgte eine Attacke auf einen jüdischen Supermarkt mit vier Toten und weitere Attentate. Die Erinnerung an die islamistischen Anschläge, die Frankreich erschütterten, lebt bis heute.
Es waren nur knapp zwei Minuten, aber in der Erinnerung von Philippe Lançon erscheint jede Sekunde davon auf dramatische Weise verlangsamt. Zuerst sah er, wie der Personenschützer Franck Brinsolaro sich brüsk erhob, erst seinen Kopf und dann den gesamten Körper in Richtung der Türe zu seiner Rechten wandte. „In genau diesem Moment, beim Beobachten seiner Gesten von der Seite, wie er seine Waffe zückte und in Richtung dieser sich öffnenden Türe blickte, habe ich verstanden, dass es sich weder um einen Witz noch um spielende Kinder, ja nicht einmal um eine Aggression handelte, sondern um etwas völlig anderes.“
Das schrieb der französische Journalist, Autor und ehemalige Mitarbeiter des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in seinem Buch „Der Fetzen“. Dieses „völlig andere“ war ein Terroranschlag, verübt vor genau zehn Jahren, am 7. Januar 2015. Lançon überlebte ihn schwer verletzt. Mit dem Titel seines Werks spielte er auf das an, was nach einem Schuss ins Gesicht von seiner Wange, seinem Kiefer und seinen Lippen übrig geblieben war und in 13 Operationen mühsam wieder hergestellt werden musste.
Zwei unerträglich lange Minuten reichten für die Brüder Saïd und Chérif Kouachi, um den absoluten Horror in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ zu verbreiten. Um 11.33 Uhr und 50 Sekunden, betraten sie laut Videoüberwachung die Redaktionsräume. Sie schossen nicht in Salven, sondern töteten ruhig und methodisch – so beschrieb es später Sigolène Vinson. Die Anwältin und damalige Gerichtskorrespondentin von „Charlie Hebdo“ hatte sich hinter einem Mauervorsprung versteckt, als einer der Terroristen sie direkt anblickte. „Hab keine Angst, beruhige dich“, sagte der Mann ihr zufolge. Er werde sie verschonen, denn „wir töten keine Frauen“. Doch sie solle den Koran lesen. Tatsächlich brachten Saïd und Chérif Kouachi in ihrem fanatischen Blutrausch nicht nur Männer um, sondern mit der Psychoanalytikerin und Kolumnistin Elsa Cayat auch eine Frau.
Acht der zwölf ermordeten Menschen waren Mitglieder der Redaktion, unter ihnen der Herausgeber Stéphane Charbonnier, kurz Charb, sowie die Zeichner Cabu (Jean Cabut), Tignous (Bernard Verlac), Philippe Honoré und Georges Wolinski, die in Frankreich als wichtige Figuren der satirischen Presse galten. Vor allem Cabu war Millionen Menschen aus dem Jugendfernsehen bekannt, wo er in den 1980er Jahren live Karikaturen anfertigte. Getötet wurden außerdem der Gebäudetechniker Frédéric Boisseau, Charbs Personenschützer Franck Brinsolaro und der Polizist Ahmed Merabet. Groß war die Erschütterung in Frankreich, als sich im vergangenen Oktober auch der frühere Webmaster Simon Fieschi das Leben nahm. Er hatte das Attentat verletzt überlebt, es aber nie verwunden. Als die Täter um 11.35 Uhr und 27 Sekunden das Gebäude verließen, reckte Chérif Kouachi den Daumen nach oben. „Wir haben den Propheten gerächt“, brüllten sie.
Doch Charlie Hebdo brachten sie nicht zum Schweigen. Nur eine Woche später erschien eine „Ausgabe der Überlebenden“. „Alles ist verziehen!“ stand auf der Titelseite über der Abbildung eines weinenden Propheten. Es war der ultimative Stinkefinger gegenüber den Islamisten, die das Magazin auslöschen, ihm die Mohammed-Karikaturen verbieten wollten. Infolge von entsprechenden Veröffentlichungen hatte es schon zuvor immer wieder Drohungen und im Jahr 2011 einen Brandanschlag auf die Redaktion gegeben.
Nun wurde die Zeitschrift, die bis dahin viele Feinde hatte, zu einem Symbol der Meinungsfreiheit. Mehr als acht Millionen Mal verkaufte sich die Spezialausgabe in Frankreich und anderen Ländern. Das Schlagwort „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) als Ausdruck der Solidarität ging um die Welt. Bei einer großen Kundgebung am 11. Januar 2015 beteiligten sich landesweit rund vier Millionen Menschen und ungefähr 50 Staats- und Regierungschefs. In der ersten Reihe ging die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel Arm in Arm neben Präsident François Hollande.
Gedacht wurde nicht nur den zwölf Opfern der Kouachi-Brüder, die zwei Tage nach ihrer Tat in einer Druckerei in der Gemeinde Dammartin-en-Goële rund 40 Kilometer nordöstlich von Paris ausfindig gemacht und von der Polizei getötet wurden. Noch während fieberhaft nach ihnen gefahndet wurde, kam es zu weiteren Bluttaten. Amedy Coulibaly, ein polizeibekannter Kleinkrimineller, Dschihadist und ehemaliger Mithäftling von Chérif Kouachi, tötete am Folgetag, dem 8. Januar, die Verkehrspolizistin Clarissa Jean-Philippe im Pariser Vorort Montrouge und am 9. Januar vier Männer während einer Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in Paris.
Für die jüdische Gemeinschaft in Frankreich war dies ein Schock; bereits im März 2012 hatte der Terrorist Mohamed Merah in Montauban und Toulouse in Südwestfrankreich zunächst drei Soldaten und anschließend vor einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Rabbiner erschossen. Knapp drei Jahre später nannte auch Coulibaly antisemitische Gründe für seine Morde. Er bekannte sich in einem später veröffentlichten Video zur Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Demgegenüber reklamierte die Terrormiliz Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ für sich. Saïd Kouachi soll bei Ausbildungscamps im Jemen gewesen sein.
Die Anschläge gegen „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt galten als grausiger Auftakt einer ganzen Serie von Terrortaten in Frankreich und in Europa. Am 13. November 2015 starben bei Attacken gegen Pariser Bars, die Konzerthalle Bataclan und das Fußballstadion Stade de France insgesamt 130 Menschen, hunderte wurden verletzt. An 2015 erinnert Frankreich sich als das Jahr, in dem es so schwer wie nie vom Terrorismus getroffen wurde. Medienhäuser verschärften seitdem massiv ihre Sicherheitsvorkehrungen, auch weitete Frankreich die Kompetenzen der Polizei und Geheimdienste im Anti-Terror-Kampf kontinuierlich aus. 2019 wurde eine spezialisierte Antiterror-Staatsanwaltschaft gegründet.
„Charlie Hebdo“ provoziert derweil weiter, auch wenn die Mohammed-Karikaturen sehr selten geworden sind. Am Jahrestag des Attentats am Dienstag bringt es eine Sonderausgabe mit 32 Seiten und einer Auflage von 300.000 Exemplaren heraus. Im Dezember veröffentliche die aktuelle Redaktion eine Hommage an ihre getöteten Freunde und Kollegen in einem Buch. Der Titel: „Charlie Liberté“, „Charlie Freiheit“.