Osnabrück  Mit den Schätzen der Wikinger: So spannend wird das Kunstjahr 2025 im Norden

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 05.01.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Schleswig zeigt ihn in Reproduktion: Der weltberühmte mittelalterliche Bildteppich von Bayeux. Foto: IMAGO/Zoonar
Schleswig zeigt ihn in Reproduktion: Der weltberühmte mittelalterliche Bildteppich von Bayeux. Foto: IMAGO/Zoonar
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Von den Wikingern in Schleswig bis zum eigenwilligen Kunstgenie Harry Kramer in Lingen: Das Kunstjahr 2025 im Norden wird denkbar abwechslungsreich. Ein Ausblick - auch auf einen ganz besonderen Höhepunkt.

Wo liegt der Trend der Kunst? Wer auf das Programm der Museen in Norddeutschland im neuen Jahr blickt, wird feststellen: Den einen Trend gibt es nicht. Dafür bieten die Häuser vielfältige Perspektiven von Geschichte bis Gegenwart. Sie zeigen klassische Kunstausstellungen und Mitmach-Angebote, sie vermitteln lebendige Geschichte und besondere Coups der Kunst. 2025 wird ein Jahr bester Kunsterlebnisse, auch zwischen Osnabrück und Schleswig.

Wer waren sie, die Wikinger? Helden und Heiden, Erbauer und Eroberer? Ihr Bild bleibt von Mythen umrankt. Jetzt verspricht eine Ausstellung Aufklärung. Unter dem Titel „Wikingerdämmerung. Zeitenwende im Norden“ faltet das Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig vom 16. April bis zum 2. November 2025 die Aspekte des Themas denkbar weit auf. Die Kuratoren versprechen ein Panorama der neuesten Forschungsergebnisse und die Präsentation kostbarer Exponate wie des Schatzfundes von Morsum auf Sylt. Im Zentrum der Schau steht der sagenhaft schöne Bildteppich von Bayeux. Das rund 70 Meter lange Bildwerk von der Eroberung Englands durch die Normannen im 11. Jahrhundert soll in einer exklusiven Reproduktion zu sehen sein. Das Landesmuseum verfügt selbst über beste Exponate zum Thema. Da gibt es das Nydam-Boot und dann, permanent im Außenraum, den Nachbau des Wikingerdorfes Haitabu unweit des Landesmuseums.

Er wird als Jahrhundertkünstler bejubelt, als Großmeister des Kitsches geschmäht. Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) lässt niemanden gleichgültig. Seine ornamentalen Spiralen und knallbunten Hausfassaden sind Markenzeichen, die jeder erkennt. Jetzt wirft das Osnabrücker Museumsquartier einen neuen Blick auf den legendären Künstler. „Paradiese kann man nur selber machen“: Unter diesem Titel werden vom 6. April bis zum 24. August 2025 rund 80 Werke in einer Familienausstellung präsentiert. Mitmachstationen und eine Hundertwasser-Rallye sollen dafür sorgen, dass Werk und Anliegen des Künstlers lebendig werden. Der Fokus liegt auf der Frage nach Umwelt und Gesellschaft. Hundertwasser – ein Öko? Sein Werk hat allemal vielfältige Facetten. Das Osnabrücker Museum trägt Grafiken, Architekturmodelle, Fotografien und Filme zusammen. Über Hundertwasser wird weiter gestritten werden. Wetten? In Osnabrück soll sein Werk für die ganze Familie erlebbar sein. Versprochen.

Ihr Name scheint ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei lohnt das Werk von Grethe Jürgens (1899-1981) allemal die Wiederentdeckung. Das Sprengel-Museum in Hannover nimmt sich das Werk der Malerin wieder vor. Geboren in Osnabrück, aufgewachsen in Wilhelmshaven und schließlich beheimatet in Hannover, leistete Jürgens einen wichtigen Beitrag zur Neuen Sachlichkeit, die in diesem Jahr 100. Geburtstag feiert. Diesem Stil der kühlen Wiedergabe des sozialen Lebens, der Landschaften und Stillleben-Motive entspricht die Malerei von Jürgens vollkommen. Ab 1928 avanciert sie zu einer zentralen Figur dieses für die Zeit der Weimarer Republik prägenden Kunststils. Später tritt Jürgens in die Reichskammer der bildenden Künste ein, wird aber kein Mitglied der NSDAP. Nach 1945 setzt sie ihr Werk fort, auch mit abstrakten Kompositionen. Die Ausstellung, die vom 22. Februar bis zum 15. Juni 2025 laufen wird, gibt endlich wieder einen Überblick über dieses wichtige malerische Werk aus Norddeutschland.

Die Kunsthalle Bremen präsentiert am 5. Februar 2025 einen richtigen Coup. Mit der Rauminstallation „Pixelwald Wisera“ hat das Museum mit Unterstützung mehrerer Stiftungen und privater Gönner eine wichtige Arbeit der Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist für die eigene Sammlung gewonnen. Die 1962 geborene Schweizerin gilt als zentrale Figur der Videokunst. Ihr aus 3000 LED-Leuchten gefügter Video-Wald sorgt für völlig neue Raumerlebnisse. Die jeweils unterschiedlich programmierten Lichter zaubern Videoschnipsel in den Raum. Dazu erklingt eine seltsame Musik. Die Arbeit eröffnet dem Betrachter ein Kunsterlebnis ohne Grenzen. Gleicht „Pixelwald Wisera“ einem verwunschenen Wald, in dem sich die Menschen wie in einem Bad aus lauter Licht verlieren können? Wie auch immer: Das Bremer Museum wartet am Februar mit einer einzigartigen Rauminstallation auf. Schon jetzt markiert sie damit einen Höhepunkt des Kunstjahres im Norden.

Seine riesige „Norddeutsche Landschaft“ mit dem niedrigen Horizont und den sich gewaltig auftürmenden Wolken gehört zu den wichtigsten Bildern der Kunsthalle Emden. Jetzt steht das Werk im Mittelpunkt einer neuen Themenausstellung. „Dem Himmel so nah“: Unter diesem Titel versammelt das Museum in der Stadt am Delft vom 24. Mai bis zum 9. November 2025 Gemälde, die dem Betrachter Himmel und Wolken ganz nah vor die Augen führen sollen. Eine Hommage an den Himmel Ostfrieslands werde die Ausstellung sein – so heißt es in der Ankündigung des Museums, das auch mit dieser Ausstellung seinem Stil treu bleiben wird. Hochklassige Kunst und aktuelle Themen: In dieser Kombination liegt zu einem guten Teil das Erfolgsgeheimnis des 1986 von Stern-Chefredakteur Henri Nannen gegründeten Museums. Die Ausstellung soll nicht nur Sehvergnügen bereiten, sondern auch Fragen nach Natur und Klima stellen. Ließen sich heute Himmelsbilder zeigen, ohne auch auf diese Themen zu schauen? Wohl kaum. 

Mit einer fulminanten Werkschau zu Caspar David Friedrich hat die Hamburger Kunsthalle gerade erst beim Publikum so richtig gepunktet. 2025 könnte es nahtlos weitergehen. Mit der Schau „Rendezvous der Träume“ (13. Juni bis 12. Oktober) schließt das Haus an dieses Thema unbedingt an. Die Kuratoren fragen nach den Verbindungen, die die Romantik des 19. Jahrhunderts mit dem 100 später erfundenen Surrealismus verknüpfen. „Man gebe sich doch nur Mühe, die Poesie zu praktizieren“: Mit diesem Auftrag gab der Künstler André Breton 1924 der surrealistischen Bewegung das Motto vor. In Hamburg werden Werke von Max Ernst, Meret Oppenheim, René Magritte, Salvador Dalí, Valentine Hugo, Toyen, André Masson, Paul Klee und anderen gemeinsam mit Bildern der Romantik zu sehen sein. Allein die Namensliste verspricht ein grandioses Panorama hochkarätiger Bilder, die zudem auf höchst interessante Weise miteinander ins Gespräch gebracht werden. Natürlich leitet ein Jubiläum das Projekt. Zugleich ist aber auch klar, dass mit der Frage der Surrealisten nach der Rolle des Unbewussten Fragen aufgeworfen worden sind, die immer noch relevant sind. Hamburg verbindet sich für diese Schau mit Museen in Brüssel, Paris, Madrid und Philadelphia. Ein Bündnis, das schönste Träume rechtfertigt.

Er ist der berühmteste unbekannte Künstler der Kunst nach 1945: Der in Lingen geborene Harry Kramer (1925-1997). Zum hundertsten Geburtstag des Aktions- und Objektkünstlers, der sich selbstironisch als „Frisör aus Lingen“ bezeichnete, wird die Lingener Kunsthalle ab September eine Jubiläumsschau ausrichten. Das genaue Datum steht noch nicht fest. Bereits am 25. Januar 2025, also zum Stichtag, lädt das Kasseler Fridericianum zur Podiumsdiskussion über den Stellenwert des Künstlers, der 1964 auf der Kasseler Documenta vertreten war und in der Stadt über lange Jahre eine Professur für Bildhauerei innehatte. Kramers Werk entzieht sich mit seiner Vielgestaltigkeit jeder rubrizierenden Einordnung. Das Spektrum reicht von den Drahtplastiken bis zu künstlerischen Kurzfilmen, von Performance-Aktionen bis hin zu den riesigen Bildern der Apokalypse-Serie. Wie sehen wir diesen Künstler heute? Auf diese Frage gibt es mehr als eine produktive Antwort. In Lingen und Kassel werden sie gegeben werden.

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