New Orleans  Anschlag in New Orleans: Was über den Terror-Fahrer und die Opfer bekannt ist

Svana Kühn, afp
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Von Svana Kühn, afp
| 02.01.2025 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
15 Menschen starben bei dem Anschlag in der Neujahrsnacht. Am Tatort herrscht Trauer. Foto: dpa/AP/Gerald Herbert
15 Menschen starben bei dem Anschlag in der Neujahrsnacht. Am Tatort herrscht Trauer. Foto: dpa/AP/Gerald Herbert
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Nach dem Anschlag in New Orleans mit 14 Toten und dutzenden Verletzten gehen die Ermittler von einem islamistischen Hintergrund aus. Der Täter sei US-Soldat gewesen und bereits in jungen Jahren zum Islam konvertiert. Was über ihn und seine Opfer bekannt ist.

Ein Auto fuhr am Neujahrsmorgen im French Quarter, einem beliebten Ausgehviertel in New Orleans, in die feiernde Menschenmenge. 14 Menschen starben, mehr als 35 wurden verletzt. Der Todesfahrer selbst wurde von der Polizei erschossen. Was ist über ihn und sein Motiv bekannt? Und wer waren die Opfer?

Der mutmaßliche Attentäter von New Orleans wurde vom FBI als der 42-jährige US-Bürger Shamsud-Din J. identifiziert. Er stammte aus Texas und war dort offenbar als Immobilienmakler tätig. Früher war er Soldat der US-Armee, in der er jahrelang als IT-Spezialist diente. In einem vor vier Jahren auf Youtube veröffentlichten Video, in dem er seine Maklerdienste anbot, rühmte sich J. selbst als "harter Verhandlungspartner". Durch diese Erfahrung habe er ein Verständnis für guten Service entwickelt und dafür, auf alles zu achten, "um sicherzustellen, dass alles reibungslos abläuft", sagt der Ex-Armeeangehörige mit einem Südstaatenakzent.

Die US-Bundespolizei FBI bestätigte in ihrer Pressekonferenz nach der tödlichen Auto-Attacke, dass J. US-Soldat war und offenbar ehrenhaft entlassen wurde. Laut Pentagon hatte er von 2007 bis 2015 für die US-Armee gearbeitet und ihr danach bis 2020 als Reservist angehört. Ein Armeesprecher sagte, J. habe von Februar 2009 bis Januar 2010 in Afghanistan gedient und am Ende seines Dienstes den Rang eines Feldwebels gehabt.

Die Georgia State University bestätigte der Nachrichtenagentur AFP, dass ein Mann namens Shamsud-Din J. dort von 2015 bis 2017 studiert und einen Bachelor-Abschluss im Fach Computersysteme gemacht habe.

Aus von der „New York Times“ veröffentlichten Strafregistern geht hervor, dass J. zweimal wegen kleinerer Delikte angeklagt wurde: 2002 wegen Diebstahls und 2005 wegen Fahrens ohne gültigen Führerschein.

Recherchen der „New York Times“ zufolge war J. zweimal verheiratet, wobei seine zweite Ehe im Jahr 2022 geschieden wurde. Im Scheidungsverfahren schilderte er dem Anwalt seiner Frau in einer E-Mail seine finanziellen Probleme. "Ich kann mir die Raten für das Haus nicht leisten", schrieb er laut "NYT". Seine Immobilienfirma habe im Jahr zuvor mehr als 28.000 Dollar Verlust gemacht. Auch habe er wegen der Anwaltskosten tausende Dollar an Kreditkartenschulden.

In seinem Wagen fanden die Ermittler eine Flagge der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). US-Präsident Joe Biden sagte unter Berufung auf die Ermittler, einige Stunden vor dem Angriff in New Orleans habe J. in Online-Netzwerken Videos veröffentlicht, die darauf hinwiesen, dass er "vom IS inspiriert" gewesen sei.

Laut der Polizeichefin von New Orleans, Anne Kirkpatrick, hatte J. das Ziel verfolgt, "so viele Menschen wie möglich zu überfahren" und ein "Blutbad" anzurichten. Nach seiner Todesfahrt hatte der Angreifer das Feuer eröffnet. Er starb in einem Schusswechsel mit der Polizei.

Die Polizei entdeckte in seinem Pick-up nicht nur Waffen, sondern auch mutmaßliche selbstgebaute Sprengsätze. Auch im French Quarter selbst waren zwei Sprengsätze deponiert worden, die entschärft wurden.

Ein Mann namens Abdur Jabbar aus dem texanischen Beaumont, der nach eigenen Angaben der Bruder von Shamsud-Din J. ist, sagte der "New York Times", sein Bruder sei "wirklich ein Schatz, ein netter Kerl, ein Freund, wirklich klug, fürsorglich" gewesen. Er sei bereits in jungen Jahren zum Islam konvertiert. Seine nun verübte Tat in New Orleans repräsentiere hingegen nicht den Islam, sagte Abdur Jabbar. "Das ist mehr eine Form der Radikalisierung, keine Religion."

Chris Pousson, ein Jugendfreund von J., sagte der "NYT", dieser sei ein Mensch gewesen, der "keine Probleme machte" und "gute Noten hatte". Demnach hätten die beiden 2017 über Onlinenetzwerke wieder Kontakt aufgenommen. J. sei "nie bedrohlich gewesen, aber man konnte sehen, dass er wirklich intensiv geworden ist, was seinen Glauben angeht", zitierte die Zeitung Pousson.

Mindestens 14 Menschen sind bei dem Anschlag ums Leben gekommen. Bisher wurden die Identitäten der Opfer noch nicht von offizieller Stelle bestätigt, in einigen Fällen sind jedoch Freunde und Angehörige an die Öffentlichkeit gegangen, wie die „BBC“ berichtet. Diese Namen sind bereits bekannt:

Martin B. trug den Spitznamen „Tiger“. Er war ein ehemaliger Footballspieler der Princeton University. Sein Tod wurde von der Universität bestätigt. „Es gab keinen passenderen Spitznamen für einen Princeton-Spieler, den ich trainiert habe“, sagte Princeton-Football-Trainer Bob Surace in einer Erklärung. „Er war in jeder Hinsicht ein ‚Tiger‘ – ein wilder Wettkämpfer mit unendlicher Energie, ein geliebter Mannschaftskamerad und ein fürsorglicher Freund.“ Sein Bruder veröffentlichte eine Würdigung auf X zusammen mit einem Artikel über seinen Tod. „Ich werde dich immer lieben, Bruder!“, schrieb er. „Du hast mich jeden Tag inspiriert und jetzt darfst du in jedem Moment bei mir sein.“

Die 18-jährige Nikyra Cheyenne D. war angehende Krankenschwester. Ihr Tod wurde von ihrer Mutter in den sozialen Medien bestätigt, berichtet „BBC“. „Ich habe mein Baby verloren, bitte betet für mich und meine Familie!!! Gott, ich brauche dich jetzt!“, schrieb die Mutter. D. habe sich in der Silvesternacht mit einem Cousin und einem Freund davongeschlichen, die die Tat beide überlebten, erzählte die Mutter dem lokalen Medienunternehmen „Nola“. Dante Reed, ein Schulfreund von D., sagte der „New York Times“, er habe einen verzweifelten Anruf von ihrem Cousin erhalten, der ihm sagte, dass sie weggelaufen seien, als sie Schüsse hörten, und dass D. vermisst würde.

Der Tod des zweifachen Familienvaters Reggie H. wurde „CBS News“ von seiner Cousine Shirell Robinson Jackson bestätigt. Jackson beschrieb ihren Cousin als „voller Leben“ und sagte, der 37-Jährige habe der Familie Minuten nach Mitternacht eine Nachricht geschickt, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen.

Nicole P. arbeitete in einem Feinkostladen. Ihre Chefin und Freundin, Kimberly Usher Fall, nannte sie laut „CBS“ eine engagierte, kluge und „gutherzige Person“. In den Ferien habe die 27-Jährige ihren vierjährigen Sohn mit zur Arbeit gebracht. In ihren Pausen habe sie dann mit ihm Zahlen und das Alphabet geübt, erzählt die Chefin der „Washington Post“. „Sie war wirklich ein gutes Kind, Mann, das war sie wirklich“, sagte sie und fügte hinzu: “Sie hat einfach alles in Gang gebracht, und jetzt ist sie weg, einfach weg.“

Der 25-jährige Techniker Matthew T. hatte einen „entspannten Geist und ein ansteckendes Lachen“, das den Menschen in seiner Umgebung Freude bereitete, heißt es in einer Mitteilung, die in Zusammenhang mit einer Spendenaktion veröffentlicht wurde, die seine Familie in seinem Namen eingerichtet hat. Seine Mutter Cathy Tenedorio sagte dem US-Sender „NBC News“, sie habe ihren Sohn am Silvesterabend um 21 Uhr Ortszeit zum letzten Mal lebend gesehen und sich daran erinnert, ihn umarmt und geküsst zu haben.

Der Tod von Kareem B. wurde der „BBC“ von seinem Vater Belal Badawi bestätigt. „Wir bitten Allah, den Allmächtigen, sich seiner zu erbarmen und uns Geduld und Kraft zu schenken, um dies zu überwinden“, wird er von der britischen Rundfunkanstalt zitiert. Erst im vergangenen Jahr habe Badawi seinem Sohn in einem Facebook-Post zum Schulabschluss gratuliert. Danach habe K. ein Studium an der Universität Alabama aufgenommen. Auch der Universitätspräsident äußerte sich zu dem Anschlag: „Ich trauere mit der Familie und den Freunden von Kareem in ihrem herzzerreißenden Verlust.“ In seiner Botschaft, die von der Fakultät auf Facebook geteilt wurde, forderte Bell die Menschen auf, „sich einen Moment Zeit zu nehmen, um für die von dieser Tragödie Betroffenen zu beten“.

Für Hubert G. läuft bereits eine Spendenaktion, die von seiner ehemaligen Schule, der Archbishop Shaw High School, organisiert wurde und seiner Familie zugutekommen soll. Hubert G. „kam bei dem sinnlosen Gewaltakt am Neujahrstag in New Orleans auf tragische Weise ums Leben. Er war 21 Jahre alt“, heißt es auf der Spendenwebsite. „Wir bitten die gesamte Westbank-Gemeinschaft, die Stadt New Orleans und unsere Nation, für die Ruhe von Huberts Seele zu beten, für seine Familie und Freunde in dieser schweren Zeit und für alle, die von dieser Tragödie betroffen sind.“

Die Auburn University im US-Bundesstaat Alabama teilte am Donnerstag in den sozialen Medien mit, dass Drew D., der 2023 seinen Abschluss an der Hochschule gemacht hatte, zu den Opfern gehört. „Worte können nicht die Trauer ausdrücken, die die Auburn-Familie für Drews Familie und Freunde in dieser unvorstellbar schwierigen Zeit empfindet“, sagte ihr Präsident Christopher B. Roberts in einer Erklärung. Ihre Gedanken seien bei der Familie und den Familien aller Opfer „dieser sinnlosen Tragödie.“

Ein Sprecher der Rundfunkanstalt Audacy, bei der Billy D. als Kundenbetreuer in New York tätig war, bestätigte der „CBS“, dass er unter den Opfern ist. Neben seinen beruflichen Erfolgen werde Billy D. „vor allem wegen seiner unerschütterlichen Arbeitsmoral, seiner positiven Einstellung und seiner Freundlichkeit in Erinnerung bleiben“, heißt es in einer Erklärung. In einem Facebook-Post erklärte das Lacrosse-Team seiner ehemaligen High School: „Unsere Lacrosse Gemeinschaft hat einen unvorstellbaren Verlust erlitten. „Billy war ein bemerkenswerter junger Mann auf und neben dem Feld. Wir alle in der Holmdel-Gemeinschaft sind am Boden zerstört von dieser traurigen Nachricht.“

Auch der aus New Orleans stammende 63-jährige Terrence K. war unter den Toten, wie seine Familie gegenüber „CBS News“ bestätigte. Familienmitglieder berichteten, sie hätten versucht, ihn zu erreichen, als sich die Nachricht von dem Anschlag verbreitete. Als er nicht ans Telefon ging, habe seine Nichte Monisha James versucht, verschiedene Krankenhäuser in der Gegend anzurufen. In einem Facebook-Post nennt James ihren Onkel, der als „Terry“ bekannt war, ein netter, ruhiger Mann, der gerne Sport trieb und seine große Familie in New Orleans liebte.

Der britische König Charles III. trauert Berichten zufolge um den Stiefsohn des früheren Kindermädchens seiner Söhne, der bei dem Anschlag in New Orleans getötet wurde. Der König sei „tieftraurig“ über den Tod des 31-jährigen Edward P., berichtete die britische Nachrichtenagentur PA am Samstag. Er habe Kontakt mit der Familie aufgenommen und ihr persönlich sein Beileid ausgesprochen. Tiggy Legge-Bourke, die Stiefmutter des Opfers, war die Kinderfrau von Prinz William und Prinz Harry. Sein Halbbruder Tom ist ein Patenkind von Kronprinz William und war einer der Pagen bei dessen Hochzeit im Jahr 2011. Die Familie äußerte sich in einer Erklärung „am Boden zerstört“ und würdigte P. als „wunderbaren Sohn, Bruder, Enkel, Neffen und Freund von so vielen“.

Für Elliot W. sei es zuletzt eigentlich bergauf gegangen, berichtet die „New York Times“. Er war aus dem Gefängnis entlassen worden und war obdachlos, aber er hatte mit der Suche nach einer Wohnung begonnen, wie die örtliche Obdachlosenhilfe Unity of Greater New Orleans mitteilte. Seinem Bruder zufolge war er wieder an einem seiner Lieblingsorte. „Dort wollte er hin, als er entlassen wurde, also ist er dorthin gegangen“, sagte der Bruder. „Er liebte diese Stadt.“

(Mit AFP-Material)

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