Nach Absage des Trägers Streit um Hundefreilauffläche in Wiesmoor eskaliert
Nachdem der Trägerverein der Freilauffläche für Hunde hingeschmissen hat, stellt auch der Wiesmoorer Bürgermeister das Projekt öffentlich infrage. Ist der Plan trotz einer Alternative Geschichte?
Wiesmoor - Nach vielen Jahren Kampf für eine Freilauffläche für Hunde in der Stadt Wiesmoor hatte der Trägerverein „Freie Pfoten Wiesmoor“ vor Weihnachten alles hingeschmissen. Ursache dafür war das Aus für eine kurz vor der Umsetzung stehenden Fläche. Der Verein hatte am 11. Dezember 2024 aus der Presse erfahren, dass aus der Freilauffläche für Hunde am Ottermeer trotz bestehender Verträge nichts wird. Daraufhin hatten die Mitglieder in einer außerordentlichen Versammlung am Donnerstag, 19. Dezember, den Rückzug aus dem Projekt beschlossen. Diese Entscheidung habe der Verein der Stadtverwaltung nach eigener Aussage umgehend mitgeteilt, hieß es. Am 21. Dezember konterte der parteilose Wiesmoorer Bürgermeister Sven Lübbers auf Facebook und Instagram und stellt jetzt das gesamte Projekt infrage.
„Die Entscheidung des Vereins ‚Freie Pfoten‘, der Stadt Wiesmoor künftig weder als Trägerverein zur Verfügung zu stehen noch Pflege und Unterhaltung der geplanten Hundefreilauffläche zu übernehmen, stellt das gesamte Projekt massiv infrage“, so Lübbers. Dabei hatte es bereits einen Termin für die Eröffnung der Fläche auf der Halbinsel am Ottermeer gegeben. Die war für den 1. April 2025 geplant. Sogar Banner hatte die Stadt auf der Halbinsel aufstellen lassen, die Spaziergänger über diese Maßnahme informierten. Diese waren jedoch ohne eine Erklärung plötzlich verschwunden. Der Stadtverwaltung war klar geworden, dass die Anlage einer Hundewiese auf dieser Fläche mit großen Kosten für Ausgleichsmaßnahmen verbunden sein würde.
Trägerverein hatte keine Ahnung von den neuen Plänen
Darüber hatte Sven Lübbers öffentlich das erste Mal in der Ratssitzung am 12. Dezember 2024 gesprochen. Nach eigenen Angaben hatte er den Verwaltungsausschuss aber bereits Mitte November davon informiert, dass eine neue Fläche gefunden werden müsse. Dass man den Trägerverein so lange unwissend weiterplanen ließ, kam dort nicht gut an: Man sei tief enttäuscht und düpiert über das Verhalten des Bürgermeisters und sehe keine Grundlage mehr für eine weitere Zusammenarbeit, da die Vertrauensbasis nicht mehr gegeben ist – hatte sich der Verein daraufhin in einer Pressemitteilung zu Wort gemeldet.
„Wir haben immer gesagt, dass uns die gemeinsame Zusammenarbeit sehr wichtig ist, damit das Projekt Hundefreilauffläche ein Erfolg wird. Und dazu gehört selbstverständlich auch eine offene Kommunikation zwischen Bürgermeister, Verwaltung und dem Verein“, so der 1. Vorsitzende des Vereins, Diedrich Kleen – der auch für die Tierschutzpartei im Stadtrat sitzt. Dass gerade die Kommunikation in diesem Fall nicht geklappt hat, dafür hatte sich Sven Lübbers in der Ratssitzung am 12. Dezember entschuldigt. Es habe schlicht die Zeit gefehlt, hatte er erklärt. Außerdem habe man dem Verein einen Ersatz bieten wollen. Diese Ersatzfläche war zu diesem Zeitpunkt bereits in Aussicht.
Anfang Dezember stand die neue Fläche fest
Für die neue Fläche in der Nähe des Aussichtsturms westlich des Ottermeeres habe der Verwaltungsausschuss in einer Sitzung am 2. Dezember 2024 bereits den Aufstellungsbeschluss für die Bauleitplanung durchgewunken, „um die Maschine der Bauleitplanung anzuwerfen“. Da die Sitzungen des Verwaltungsausschusses unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und die Inhalte von den Ratsmitgliedern zwar eingesehen werden können, aber vertraulich behandelt werden sollen, waren die Informationen darüber lange nicht an die Öffentlichkeit gekommen. Auch der Trägerverein ahnte nichts. Was wiederum der Bürgermeister jetzt Diedrich Kleen öffentlich vorwirft, der selbst nicht Mitglied des Verwaltungsausschusses ist, aber als Ratsmitglied die Unterlagen einsehen kann.
„Ihm war der Verlauf der Diskussionen und die Prüfung alternativer Flächen somit bekannt. Die Darstellung, die Verwaltung habe hier einen Alleingang unternommen, entbehrt daher jeder Grundlage“, so Lübbers. Der Bürgermeister legt in seiner öffentlichen Erklärung sogar noch nach: „Gleichzeitig muss ich feststellen, dass sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger nach der aktuellen Berichterstattung an die Verwaltung und mich gewandt haben, um die Notwendigkeit einer Hundefreilauffläche insgesamt infrage zu stellen“, heißt es in seiner Stellungnahme weiter.
Wird jetzt die Grundsatzfrage gestellt?
„Diese Rückmeldungen zeigen, dass das Thema in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird. Es ist daher umso wichtiger, eine sachliche und lösungsorientierte Debatte zu führen, die den unterschiedlichen Interessen gerecht wird.“ Was genau das bedeutet, wurde vor der Weihnachtspause der Stadtverwaltung nicht mehr aufgelöst. Bereitet sie einen kompletten Rückzug aus diesem Projekt vor? Die Stadt Wiesmoor hatte für die Anlage der Freilauffläche bereits 30.000 Euro im Haushalt eingeplant. Damals sei man noch davon ausgegangen, dass der Nutzung der Fläche am Ottermeer nichts entgegen spräche, so Lübbers.
Die Stadtverwaltung hatte gute Gründe für diese Annahme: Im Mai 2023 hatte der Netzbetreiber Avacon den Bereich für einen Hochspannungsmast gerodet. Die Stadt Wiesmoor habe die Fläche deshalb als geeignet eingestuft. Die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Aurich sei jetzt aber anderer Ansicht gewesen. Die Behörde ist an der für die Hundefreilauffläche notwendigen Bauleitplanung als Träger öffentlicher Belange beteiligt. Die Fläche am Ottermeer ist Bestandteil des Bebauungsplans C3 der Stadt Wiesmoor und seit 1981 als Feuchtbiotop und teilweise zur Anpflanzung von Gehölzen festgelegt, heißt es dort.
Wie geht es weiter?
Das stehe einer Nutzung als Hundefreilauffläche entgegen, so Landkreis-Pressesprecher Lennart Adam. Eine aktuelle Begehung habe bestätigt, dass sich die Biotope erfolgreich entwickelt haben: „Der südwestliche Bereich der halbkreisförmigen Landzunge zeichnet sich durch feuchte Birken-, Weiden- und Kiefernwälder aus, die mindestens in Teilbereichen gesetzlich geschützte Biotope gemäß Paragraf 30 des Bundesnaturschutzgesetzes darstellen.“ Über die neue Fläche hat sich die Stadt Wiesmoor laut Lübbers bereits mit dem Landkreis Aurich abgestimmt. Sie sei bislang von der Stadt selbst als nicht geeignet eingestuft worden. Im Gespräch mit dem Landkreis Aurich habe sich jedoch ergeben, dass diese Fläche dort als „potenziell geeignet“ bewertet wird.
Trotz der Einigung ist auch für diese Fläche eine Bauleitplanung erforderlich. Doch die Stadt erwartet dort ein deutlich einfacheres Bauleitplanverfahren und geringere Auflagen zur Kompensation – also deutlich niedrigere Kosten. Wie lange es dauert, bis die Hunde der Wiesmoorer und ihrer Gäste frei in der Nähe des Ottermeeres toben können, ist offen. Ist der Streit womöglich sogar der Todesstoß für das Projekt? Noch läuft auf jeden Fall die Bauleitplanung – alles andere liegt jetzt bei der Stadt Wiesmoor. „Wir drücken allen Hunden in Wiesmoor die Daumen, dass sie irgendwann das bekommen, was sie verdienen: eine Hundefreilauffläche“, damit verabschiedete sich der Verein „Freie Pfoten Wiesmoor“ von seinem Engagement. Ob es dessen letzte Worte zu diesem Thema sein werden, wird sich zeigen.