Todkrank  Katzen leiden – Kastrationspflicht die Lösung?

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 02.01.2025 08:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Viele Katzen, die draußen auf sich gestellt sind, brauchen Hilfe und medizinische Versorgung. Symbolfoto: Pixabay
Viele Katzen, die draußen auf sich gestellt sind, brauchen Hilfe und medizinische Versorgung. Symbolfoto: Pixabay
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Vor allem junge Kätzchen haben oft keine Chance zu überleben, wenn sie als Streuner auf die Welt kommen. Kann die Kastrationspflicht helfen?

Rheiderland - Hunde müssen angemeldet sein. Bei der Stadt oder Gemeinde. Und Katzen? Immer wieder wird eine bundesweite Pflicht für Katzenbesitzer gefordert, die Tiere kennzeichnen und kastrieren zu lassen. In Jemgum wurde kürzlich im Rat eine Verordnung über die Kastration und Kennzeichnung und Registrierung von freilaufenden Katzen einstimmig beschlossen. „Hierbei geht es hauptsächlich um Begrifflichkeiten“, erklärte Bürgermeister Hans-Peter Heikens auf Nachfrage aus der Politik. Darum, genau festzulegen, was Fundtiere sind, und was nicht.

Katzen, die auf der Straße leben, sterben meist früh. Symbolfoto: Pixabay
Katzen, die auf der Straße leben, sterben meist früh. Symbolfoto: Pixabay

Generell gilt im Landkreis Leer schon lange eine Kastrationspflicht für Tiere, die außerhalb der Wohnungen ihrer Halter frei herumlaufen. Immer wieder appelliert das Veterinäramt an Tierhalter. „Der Kreistag hat 2012 eine entsprechende Verordnung erlassen“, schreibt Philipp Koenen, Sprecher des Landkreises. Da es in diesem Fall um eine Frage der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in allen Kommunen ging, sei der Landkreis für das Erlassen zuständig gewesen. Aber: Die Durchführung sei Aufgabe der Städte und Gemeinden, so Koenen, „sie sind also zuständig für die Kontrolle.“

Gibt es auch Fälle, in denen das Veterinäramt zuständig wäre?

Ja, es gibt auch Fälle, in denen das Veterinäramt zuständig wäre, so Koenen. Aber es sind wenige. „Allenfalls, wenn es sich um Tierschutzfälle handelt“, sagt er. „Wenn bei unserem Veterinäramt Anzeigen eingehen, die ‚lediglich’ einen Verstoß gegen die Kastrationsverordnung vermuten lassen, geben wir das an die jeweils zuständige Stadt oder Gemeinde weiter“, erklärt der Sprecher.

Die Kommunen setzen sich immer wieder mit dem Thema auseinander. Beispielsweise in Rhauderfehn wurde im Spätsommer dieses Jahres über die Durchsetzung der Kastrationspflicht diskutiert. Unter anderem stellte Bürgermeister Geert Müller anschaulich dar, wie schwierig es in der Praxis sei, die Registrierungspflicht zu kontrollieren, etwa auf Bauernhöfen. „Wir schreiben durchaus Tierhalter an und haben auch schon Bußgeld erhoben“, betonte die Leiterin des Sozial- und Ordnungsamtes, Silke Krallmann. Aber: „Katzen sind keine Hunde“. Es sei oft schwierig nachzuweisen, welche Katze zu welchem Haushalt gehöre.

Herrenlose Katzen haben oft Verletzungen und Krankheiten. Symbolfoto: Pixabay
Herrenlose Katzen haben oft Verletzungen und Krankheiten. Symbolfoto: Pixabay

Was kommt auf mich zu, wenn ich der Pflicht nicht nachkomme?

Ein Bußgeld ist möglich, wenn man der Kastrationspflicht nicht nachkommt, sagt auch Landkreissprecher Koenen. Bei der Ahndung von Verstößen haben aber die Verwaltungsbehörden ein Ermessen, das heißt, „die zuständige Behörde kann entscheiden, ob sie tätig wird und inwiefern – oder nicht“, so der Sprecher. Das betreffe auch die Frage, ob ein Bußgeld angeordnet wird oder nicht.

Wieso ist gerade das Kastrieren so wichtig?

Für die Tierheime werde es zunehmend schwieriger, herrenlose Katzen aufzunehmen, hieß es bereits in einem Appell des Veterinäramts des Kreises Leer aus 2019. „Sie sind bereits am Rande ihrer Kapazitäten“, meldete das Amt. Seither hat sich die Lage noch verschärft. Denn der Tierschutzverein, der das Heim in Stapelmoor leitete, hat sich in diesem Jahr aufgelöst. Der Betrieb muss also heruntergefahren werden, Abgabetiere können nicht aufgenommen werden, es werden ausschließlich Fundtiere versorgt.

Tierschützer im Kreis Leer kümmern sich um Katzen. Symbolfoto: Pixabay
Tierschützer im Kreis Leer kümmern sich um Katzen. Symbolfoto: Pixabay

Das Tierheim in Jübberde nimmt im Jahr zwischen 350 und 400 Katzen auf, erklärte Malte Kliem vom Tierschutzverein im Landkreis Leer, der das Heim leitet in der Ausschusssitzung in Rhauderfehn. Der Anteil der Tiere, die zurück an ihre Halter vermittelt werden könnten, sei gering. Die Tiere seien selten gechippt und ihre Herkunft daher kaum zu ermitteln.

Wie viele Katzen sind denn Streuner?

Es ist schwer, zu beziffern, wie viele Katzen und Kater auf den Straßen des Kreises Leer leben. Fest steht, die Tierschützer kommen an ihre Grenzen. „Wir ziehen die Reißleine. Das erste Mal in fast zehn Jahren müssen wir nun sagen: ‚Stopp!‘ Es geht nichts mehr“, vermeldete beispielsweise der Verein Streunerkatzen Rheiderland im Oktober dieses Jahres. Man habe lange gekämpft, „auch Kitten aus Moormerland oder dem Emsland aufgenommen, um zu helfen, aber nun geht gar nichts mehr“, sagte Andrea Pastoor, Vorsitzende des Vereins.

Kastrationsaktionen werden von Tierschutzvereinen im Kreis Leer immer wieder durchgeführt. Beispielsweise vom Tierheim Jübberde vom 4. November bis 15. Dezember 2024. Allerdings scheinen diese fast so etwas wie ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.

Krasse Zahlen: Wie geht es den Katzen in Deutschland?

Zahlen des Deutschen Tierschutzbundes sollen erstmals Erkenntnisse über das verborgene Leid von Straßenkitten in Deutschland geben, teilt die Vereinigung im Dezember mit: „99 Prozent der aufgefundenen Kätzchen sind krank; unzählige sterben unmittelbar nach der Geburt oder kurz darauf“, heißt es im „Großen Katzenschutzreport“, den der Tierschutzbund veröffentlichte. Der Verband schätze die Anzahl der Straßenkatzen im Land auf mehrere Millionen – „entsprechend hoch dürfte auch die Anzahl der toten Kätzchen sein.“

„Grundsätzlich sind die meisten Verletzungen, Krankheiten und Parasitenbefälle, an denen Straßenkatzen leiden, medizinisch gut zu behandeln oder auch vorzubeugen zum Beispiel durch Impfungen oder Parasitenprophylaxe“, heißt es weiter. Die größten Lebensgefahren für Straßenkatzen könnten durch die menschliche Fürsorge auf ein Minimum reduziert werden. „Die Lebenserwartungen von Kitten in menschlicher Obhut sind laut Schätzung des Deutschen Tierschutzbundes rund 40-Mal so hoch wie die der Straßenkatzen.“

Für 78 Prozent der befragten Tierschutzvereine stelle die Situation in Bezug auf Straßenkatzen ein Problem dar. 71 Prozent der Tierschutzvereine berichten, dass die Anzahl der Straßenkatzen in den vergangenen zwölf Monaten in deren Einzugsgebiet angestiegen ist, heißt es im Report.

„Mit der wachsenden Population steigt auch die Zahl der Straßenkatzen, die qualvoll verenden. Um den Teufelskreis der unkontrollierten Vermehrung zu durchbrechen und das Leid der Tiere zu beenden, braucht es eine bundesweite Kastrationspflicht für Freigängerkatzen“, wird Dr. Dalia Zohni, Fachreferentin für Heimtiere beim Deutschen Tierschutzbund, zitiert. Wie diese durchgesetzt werden soll, bleibt offen.

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