Berlin Ökonom Edenhofer: „Werden nicht als Industriemuseum des 19. Jahrhunderts überleben“
Wirtschaftsforscher Ottmar Edenhofer warnt vor Rückschritten beim Klimaschutz nach der Bundestagswahl: Das würde Deutschlands Wirtschaftskrise noch verschärfen. „Wir müssen uns neu erfinden“, sagt der PIK-Direktor.
Ottmar Edenhofer, einer der weltweit führenden Klima-Ökonomen, mischt sich im Jahresauftakt-Interview in den Wahlkampf ein. Der vielfach erhobene Vorwurf, ein von den Grünen erzwungener Klimaschutz sei schuld an der schweren Wirtschaftskrise, nennt der Professor „Quatsch“. Denn die Welt sei längst auf einem Weg in eine Zukunft der erneuerbaren Energien. Den Umbau in Deutschland abzubrechen oder zu bremsen, wäre ein schwerer Fehler.
Die nächste Bundesregierung müsse nicht weniger, sondern klügeren Klimaschutz machen, sagt Edenhofer. Die Pläne von CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz, auf Kernfusion und alte AKW zu setzen und das EU-Verbrennerverbot zu kippen, nimmt der Forscher aber ebenso auseinander wie die Energiewende von Robert Habeck.
Wie also kann Deutschland endlich die Kurve kriegen, damit die Emissionen sinken und die Wirtschaft wieder wächst?
Frage: Herr Professor Edenhofer, Union, FDP und AfD sagen: Die grüne Klimaschutzpolitik ist Schuld an Wirtschaftskrise und Deindustrialisierung. Was ist da dran?
Antwort: Na klar. Die verrückten Europäer machen einen Haufen Klimaschutz und regulieren sich zu Tode. Der Rest der Welt ist davon befreit, und deswegen wandert unsere Industrie ab. Also Schluss mit Klimaschutz, und schon werden wir wieder wettbewerbsfähig! Diese Behauptung ist nur grundfalsch.
Frage: Warum?
Antwort: Die Energiepreise sind wieder auf Vorkrisenniveau. Das Kernproblem im verarbeitenden Gewerbe sind zu hohe Lohnstückkosten, also die geringe Arbeitsproduktivität. Eine Ursache dafür ist der Fachkräftemangel: Unternehmen versuchen, mit höheren Löhnen ihre Leute zu halten. Nicht Klimaschutzmaßnahmen erschweren also das Geschäft, sondern ein dysfunktionaler Arbeitsmarkt. Was stimmt: Die energieintensive Industrie leidet unter Energiestückkosten, die anderswo schlicht geringer sind. Diese Betriebe, die innerhalb der Industrie 76 Prozent der Energie verbrauchen, hatten 2021 einen Anteil von 17 Prozent an der industriellen Wertschöpfung.
Frage: Also können sie ruhig schrumpfen?
Antwort: Die Stahl- und Chemiebranche hat sich nicht vom Preisschock der Energiekrise erholt. In den USA und China ist die Energie einfach deutlich billiger. Das wird auch erstmal so bleiben, wenn wir den Umstieg auf klimaneutrale Energie geschafft haben. Strom und Wasserstoff lassen sich nicht so leicht transportieren wie Kohle, Öl und Gas. Unsere Industrie auf Dauer vor diesem Kostennachteil zu schützen, ist unbezahlbar. Also kommen wir nicht um eine Anpassung herum. Trotzdem ist die Erzählung fatal, die Klimapolitik schade der Wettbewerbsfähigkeit und vernichte Arbeitsplätze. Richtig ist: Wenn wir jetzt mitten im Umbau stecken bleiben, verlieren wir die Zukunft. Ja, es ist schmerzhaft, aber wir müssen uns neu erfinden.
Frage: Wie?
Antwort: Die Zukunft liegt meiner Überzeugung nach zum Beispiel darin, dass wir Ammoniak, Eisen und Methanol als grüne, also fossilfrei produzierte Vorprodukte importieren, aber die Standorte in der Chemie- und Stahlindustrie erhalten. Das ist unbestreitbar eine gigantische Herausforderung. Aber wir müssen diesen Wandel in der Wertschöpfung zulassen. Das wird Jobs in der Produktion kosten. Trotzdem ist dieser Wandel auch eine gewaltige Chance.
Frage: Eine Chance?
Antwort: Ja, denn die Welt um uns herum steht eben nicht still, sondern verwandelt sich auch in eine Welt der erneuerbaren Energien. China legt beim Wind- und Solarausbau, bei Stromspeichern, E-Autos und anderen grünen Technologien ein Tempo vor, das uns Hören und Sehen vergehen lässt. Die EU führt ihrerseits Klimazölle ein, die fossil erzeugte Produkte aus dem Ausland verteuern. Dieses CBAM genannte Instrument entfaltet Wucht. Brasilien hat Ende November darauf reagiert und zum Vermeiden von Klimazoll-Zahlungen einen eigenen Emissionshandel beschlossen. Die Vereinigten Arabischen Emirate bereiten ihn vor. Ein Viertel der Emissionen weltweit unterliegen inzwischen einer CO₂-Bepreisung. Trotzdem wird hierzulande erzählt, die Deutschen reißen sich das Hemd vom Leib für den Klimaschutz, und die anderen schauen lachend zu und klopfen sich auf die Schenkel. Was für ein Quatsch! Es ist genau umgekehrt: Wer meint, durch einen Stopp der Klimaschutzpolitik würden wir wieder wettbewerbsfähiger, der verdreht die Wirklichkeit. Wir werden nicht als Industriemuseum des 19. Jahrhunderts überleben. Zu den Gewinnern gehören wir nur, wenn wir nach vorne gehen.
Frage: Also einfach weitermachen wie gehabt?
Antwort: Nein. Wir müssen den Ausbau von Wind- und Sonnenkraft weiter vorantreiben, zugleich müssen wir aber den Netzausbau intelligenter gestalten und europäisieren. Sich bei der Energiewende auf nationale Lösungen zu konzentrieren ist Gift. Und wir brauchen für den weiteren Netzausbau unterschiedliche Preiszonen, sonst verheben wir uns an den Kosten. Unterschiedliche Preise in Regionen wären hochwirksame Signale an die Märkte, um die Kapazitäten effizienter zu nutzen und damit den Netzausbau kostengünstiger zu gestalten.
Frage: Was heißt jetzt Europäisierung?
Antwort: In Andalusien kann in etwa so viel Sonnenstrom geerntet werden wie in Texas. In Schottland und der Nordsee gibt es exzellente Regionen für Windkraft. Wir müssen die europäischen Standortvorteile voll ausnutzen. Und es braucht Fortschritte bei Speichern und Batterien, aber die wird es auch geben.
Frage: Die Union und Friedrich Merz wollen auf Kernfusion und alte AKW setzen und beim Windkraftausbau eher bremsen…
Antwort: Den grünen Umbau zu bremsen oder abzublasen, wäre ein Fehler. Fusionsenergie ist eine wichtige Herausforderung für die Forschung, aber sie kommt für die für 2045 beschlossene Klimaneutralität zu spät. Und ich glaube nicht an eine große Renaissance der Atomenergie. Ihr Anteil am globalen Stromverbrauch wird weiter sinken. Sie wird nicht verschwinden, es wird weltweit einen moderaten Ausbau geben, das ja. Aber massiv an Schwung gewinnen wird weltweit der Ausbau von Wind- und Sonnenkraft.
Frage: Die Belgier lassen ihre AKW länger laufen und produzieren günstigen Stahl ohne CO2-Emissionen, während bei uns ThyssenKrupp vor die Hunde geht…
Antwort: Die erneute Verlängerung von Laufzeiten wäre eine Option gewesen, das ist aber abgehakt. Und mal ehrlich: Wir müssen darüber sprechen, wie der Strompreis in ganz Europa sinken kann. Natürlich soll ThyssenKrupp nicht vor die Hunde gehen. Aber der Auftrag für die neue Regierung wäre es, die Nachfrage im Strommarkt wirklich effektiver und flexibler zu machen. Das heißt, private Haushalte und Industrie verbrauchen wenig, wenn der Preis hoch ist, und viel, wenn die Preise niedrig sind. Mehr Digitalisierung und ein neues Marktdesign helfen der Wirtschaft wirklich beim Thema Energie. Und die künftige Regierung sollte eine umfassende Energiesteuer-Reform in Angriff nehmen: Neben der Einrichtung verschiedener Strompreiszonen braucht es ja eine Verbilligung des Stroms und eine Verteuerung von Gas. Es ist verrückt: Dass wir als Folge des Ukraine-Krieges unabhängiger von fossilen Brennstoffen aus dem Ausland werden wollten, ist fast schon in Vergessenheit geraten. Dabei können wir es schaffen, die Gasimporte bis 2030 zu halbieren. Was für ein Erfolg!
Frage: Ab 2035 dürfen in der EU keine neuen Diesel und Benziner mehr zugelassen werden, nur noch Elektroautos. Braucht es das Verbot?
Antwort: Ich halte das sogenannte Verbrennerverbot im Kern für richtig. In der Autoindustrie gibt es gegenteilige Meinungen, manche Konzerne sehen die Null-Emissionsgrenze für Neuwagen ab 2035 kritisch. Andere sagen: Wir haben den Fokus auf Elektromobilität gesetzt, damit wir die Regel in zehn Jahren auch einhalten, das kann doch jetzt nicht zurückgenommen werden! Und alle Hersteller haben schon sehr viel Geld in die Umstellung investiert. Es wird diskutiert, ob es bis 2035 etwas mehr Flexibilität braucht. Darüber kann man reden. Aber das Verbot komplett zu annullieren, wäre eine schlechte Idee.
Frage: Sind Sie da ganz sicher?
Antwort: Ja. Eine konsequente Absenkung der Flottengrenzwerte verhindert, dass die Emissionen im Verkehrssektor und damit auch die Preise im Emissionshandel steigen. Und den deutschen Autobauern sollten nicht falsche Zweifel kommen, wie sie auf den globalen Märkten erfolgreich bleiben können. Durch das Festhalten am Verbrenner wird das nicht zu schaffen sein. Es wurde beim Umstieg auf E-Autos schon viel zu viel Zeit vergeudet. Die Vorstellung, das Produkt neu zu erfinden und sozusagen das iPhone auf vier Rädern zu bauen, wurde als Hirngespinst abgetan. Die Realität ist: Die Chinesen, die im klassischen Autobau weit abgeschlagen waren, sind uns in nur fünf Jahren sehr weit enteilt, nicht nur bei den eigentlichen Stromautos, auch bei Akkuproduktion, Softwareentwicklung und Vernetzung.
Frage: Aber Union und FDP wollen das Verbot kassieren…
Antwort: Dieses ständige politische Stop and Go ist wirklich nicht zielführend. Wir können ja bei der Verkehrswende nicht sagen: Wir fahren auf die Wand zu, und es ist verdammt lang gut gegangen, deswegen fahren wir einfach weiter. Die Autos werden sparsamer, die Leute fahren mehr, und die Emissionen sinken nicht, weil die Antriebswende nicht forciert wird. Das ist doch keine vernünftige Politik. Die Wirtschaft fordert doch klare Ansagen bei den politischen Rahmenbedingungen. Es gilt jetzt vor allem jene Teile der Industrie zu stärken, die Produkte des 21. Jahrhunderts herstellt. Verbrennungsmotoren werden nach meiner Überzeugung nicht mehr lange dazugehören.
Frage: Nicht nur das Verbrennerverbot, der gesamte Green Deal steht mächtig unter Feuer. Wie kommt man gegen diejenigen an, die meinen, ohne Klimaschutz stünden wir besser da?
Antwort: Indem man nach China schaut. Die chinesische E-Auto-Strategie war keine Strategie der Grünen. Die Innovationen in der chinesischen Chemieindustrie sind enorm. Auch dahinter steckt kein Robert Habeck. Dahinter steckt das Ziel, den Markt für saubere Technologien zu erobern und den Europäern die Marktanteile streitig zu machen durch die Massenproduktion von Green-Tech-Produkten. Darüber müssen wir reden, anstelle auf Donald Trump zu blicken wie das Kaninchen auf die Schlange und deshalb angstvoll „Zurück!“ zu rufen. Kluge, vorwärtsgerichtete Klimapolitik ist eine Form der langfristigen Wohlstandssicherung.
Frage: Am Ende des Tages – besser bis Mitte des Jahrhunderts – muss es gelingen, dass die ganze Menschheit Kohle, Öl und Gas in der Erde lässt. Erkennen Sie auf dem Weg dahin schon Kipppunkte zum Guten?
Antwort: Ja, die gibt es. Schon 30 Prozent der Regionen weltweit haben es geschafft, ihr Wirtschaftswachstum vom Emissionswachstum zu entkoppeln. Auch die USA. Das große Klimaschutzprogramm Inflation Reduction Act hat massive Investitionen in Gang gesetzt – es ist also offen, inwieweit Donald Trump wirklich alles ändert. Es gibt den erklärten Willen zu netto null Emissionen zur oder bald nach Mitte des Jahrhunderts, auch in China. Es gibt Fortschritte bei der Bepreisung von CO2, und Indonesien hat einen Ausstieg aus der Kohle angekündigt.
Frage: Kommen wir auch rechtzeitig an?
Antwort: Das Tempo stimmt noch lange nicht. Immer noch steigen die globalen Emissionen, statt endlich zu sinken. Das 1,5-Grad-Ziel ist auf dem direkten Wege unerreichbar geworden, es geht wohl nur noch über einen „Overshoot“ mit nachträglichem Zurücksteuern. Ohne eine ambitioniertere Klimapolitik steuert die Welt auf eine Erwärmung von rund drei Grad bis Ende des Jahrhunderts zu. Die Folgen – auch für Europa – wären einfach fatal. Daran lässt der Wissensstand keinen Zweifel mehr zu.
Frage: Warum „wären“? Was könnte uns denn noch davor bewahren?
Antwort: Es gibt die Chance, den Trend der Erderhitzung umzukehren, indem wir – zusätzlich zur schnellen Emissionsminderung in Richtung null – auch auf CO2-Entnahme aus der Atmosphäre setzen. Die sogenannten CO2-Staubsauger, also große Filteranlagen, sind ein solches Werkzeug: Sie saugen Luft an, entnehmen Klimagas, das dann in die Erdkruste geleitet und dort zu Stein wird. Es gibt auch andere Möglichkeiten, etwa den Anbau schnell wachsender Biomasse zum Verfeuern mit CO2-Abscheidung oder das Ausbringen zerkleinerter Mineralien auf Böden zur beschleunigten Verwitterung. Deswegen ja, ich bin davon überzeugt, dass uns die CO2-Entnahme und Speicherung vor dem Allerschlimmsten noch bewahren kann.
Frage: Der bislang größte CO2-Staubsauger schafft gerade mal 40.000 Tonnen pro Jahr, bei aktuell fast 40 Milliarden Tonnen Emissionen jährlich. Es müsste also eine ganz neue Industrie von gewaltigem Ausmaß aufgebaut werden. Wie das?
Antwort: Auch dafür haben wir einen Vorschlag: Wir können den europäischen Emissionshandel durch einen Handel mit Zertifikaten für die CO2-Entnahme und -Speicherung ergänzen. Ich sehe die Industriestaaten hier auch in einer moralischen Pflicht. Unsere Emissionen aus der Vergangenheit haben der Welt die Klimaprobleme eingebrockt, und die Schäden sind im globalen Süden am gravierendsten. Wenn wir durch CO2-Entnahme die Temperaturen wieder senken, wäre das nur gerecht. Wir können und sollten in großem Stil eine planetare Müllabfuhr schaffen, um den Mist aus der Atmosphäre zu holen, den wir hineingekippt haben.
Frage: Hört sich das nicht zu schön an, um wahr zu sein?
Antwort: Es kann gelingen, und wir müssen es versuchen. Erste Pilotprojekte sind in Betrieb. Wir sollten aufhören, die falsche Debatte zu führen: Eine reale Chance auf Bewältigung der Klimakrise gibt es nur, wenn wir die Emissionen wirklich auf nahe Null senken. Gelingt das nicht, und schaffen wir es auch nicht, der Atmosphäre in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gewaltige Mengen an CO2 zu entziehen, dann werden wir uns mit einer in weiten Regionen menschenfeindlichen Erde arrangieren müssen.
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