Hamburg/Osnabrück  2024 hat angedeutet: So schnell kann es mit einer Region wieder bergab gehen

Dirk Fisser, Maik Nolte
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Von Dirk Fisser, Maik Nolte
| 29.12.2024 05:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Vom industriellen Schmuckstück zum Sanierungsfall zur vorläufigen Rettung: Für die Mitarbeiter der Meyer Werft war 2024 ein alles andere als einfaches Jahr. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam
Vom industriellen Schmuckstück zum Sanierungsfall zur vorläufigen Rettung: Für die Mitarbeiter der Meyer Werft war 2024 ein alles andere als einfaches Jahr. Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam
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Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der Nordwesten Deutschlands als Armenhaus. Die Arbeitslosenzahlen erreichten mancherorts Rekordhöhen. Was folgte, war ein steiler Aufstieg, eng verknüpft mit Firmen wie Volkswagen in Emden oder der Meyer Werft in Papenburg. 2024 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, das andeutete, wie schnell es wieder bergab gehen kann mit einer ganzen Region.

Was war das für ein Jahr im Nordwesten Deutschlands! Die Region entlang des Flusses Ems wurde ordentlich durchgerüttelt von wirtschaftlichen Horrormeldungen. Der Meyer Werft in Papenburg drohte monatelang der Untergang. Das VW-Werk in Emden stand lange auf der Kippe.

Und auch ansonsten dominierten schlechte Nachrichten das Jahr in Ostfriesland und dem Emsland: Hier ein Mittelständler, der Kurzarbeit anmelden musste. Dort einer, der Mitarbeiter entließ oder gleich Insolvenz anmeldete.

Die eine Ursache gibt es für die schlechten Nachrichten nicht: Corona-Spätfolgen, gestiegene Energiepreise oder der Fachkräftemangel werden angeführt. Zusammengenommen ergeben sie eine multiple Krise für die Region. Und die weckt Erinnerungen an längst überwunden geglaubte Zeiten.

Denn die Region entlang der Ems, in der das rot verklinkerte Einfamilienhaus scheinbar selbstverständlich zum Lebensstandard gehört, kommt von ganz unten. Oder ganz oben. Je nach dem, welche Statistik man bemüht. Eine Generation ist das erst her. 1987 berichtete beispielsweise der „Spiegel“ aus der „Arbeitslosenstadt“ Leer über das Leben und Leiden der Bevölkerung im südlichen Ostfriesland.

Die Ostfriesen, die mangels Arbeit gen Süden etwa Richtung Mercedes pendelten und nur wochenends heimkamen, wurden gleich im Titel der Geschichte als „Türken aus dem Norden“ bezeichnet. Aus mannigfachen Gründen heute eine Aussage, die so wohl nicht mehr gedruckt werden würde.

Was richtig bleibt: Das Glück in Form einer auskömmlichen Arbeit mussten damals viele Ostfriesen ganz ähnlich der sogenannten Gastarbeiter woanders suchen. Solche Erwerbsbiografien sind 30 Jahre später eher die Ausnahme. Auch im Nordwesten kann gutes Geld verdient werden, wenn auch nach wie vor weniger als andernorts. Aber dafür sind die Lebenshaltungskosten ja auch niedriger.

Arbeitslosigkeit ist heute nicht mehr das dominierende Thema. Im Bezirk der Arbeitsagentur Leer-Emden liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei 6,2 Prozent. Damit liegt sie zwar noch über dem Bundesdurchschnitt. Aber Zeiten, in denen jeder dritte oder vierte keine ordentliche Beschäftigung hatte, sind vergangen. Im angrenzenden Emsland liegt die Quote gar bei nur 3,3 Prozent. In beiden Bezirken sind das 0,1 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Auf den Arbeitsmarkt ist die Krise somit noch nicht durchgeschlagen.

Dirk Lüerßen kennt die Zahlen und rückt das krisenhafte Erscheinungsbild in den historischen Kontext: „Schaut man sich an, wo die Region herkommt, dann relativiert sich die aktuelle Krise: Vor 20 Jahren gab es noch 135.000 sozialversicherungspflichtige Jobs weniger.”

Lüerßen ist Chef der „Wachstumsregion Ems-Achse“. In der haben sich Unternehmen, Kommunen, Bildungseinrichtungen, Kammern und Verbände zusammengeschlossen, um die Region ganz im Nordwesten voranzubringen. Eine gewisse Anpack-Mentalität steckt dahinter, die in Teilen den Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte erklärt. Und den möchte man sich jetzt auch nicht schlechtreden lassen.

Lüerßen sagt: „Wir reden aktuell über einige Tausend Jobs, die auf der Kippe stehen. Hinter jedem einzelnen steht natürlich ein Schicksal und eine Familie. Aber die Welt geht hier nicht unter.“ Er zieht einen Vergleich zum Automobil: „Der Motor stottert vielleicht etwas, aber er ist auch deutlich stärker als noch vor 20 Jahren.“

Clemens Bollen stimmt zu. Jahrzehntelang war er für die IG Metall in der Region tätig, saß zeitweise für die SPD im Bundestag. Bollen sah den Schreibmaschinenhersteller Olympia in Ostfriesland untergehen, die Gardinen-Fabrik Ado in Aschendorf und so weiter. Wenn er erst einmal anfängt mit dem Aufzählen, wird schnell klar, dass die Region schon manche Krise überstanden hat.

„Natürlich, die Lage jetzt, da gibt es einige unkalkulierbare Faktoren. Was, wenn die Energiepreise wieder durch die Decke schnellen? Aber die Region ist stark und breit aufgestellt. Ich bin da ganz optimistisch“, sagt Bollen, der schon manchen Kampf um Arbeitsplätze gefochten hat.

In Emden mag man diesen Optimismus hier und da vielleicht nicht so ganz teilen - gerade mit Blick auf das Bild vom stotternden Motoren, das Wirtschaftsvertreter Lüerßen verwendet. Das Werk am Dollart wuchs mit dem VW-Käfer und später dem Passat. Im Volkswagen-Kosmos ist Emden fester Bestandteil. Rund 8000 Menschen arbeiten hier. Aber nachdem bekannt wurde, dass VW überlegt, ganze Werke dichtzumachen, wurde auch Emden immer wieder genannt.

Dabei hatte man dort eigentlich allen Grund, optimistisch ins Jahr 2024 zu starten. Der Umbau des Standorts zur reinen E-Auto-Fabrik, den sich VW mehr als eine Milliarde Euro hat kosten lassen, stand vor dem Abschluss. Und die Verkaufszahlen von Elektroautos waren bis dahin ja stets gestiegen – das Werk, das in diesem Jahr auch seinen 60. Geburtstag feierte, stand sinnbildlich für die Zukunftsvision, der sich die Wolfsburger verschrieben hatten. Eine Zukunft, die elektrisch betrieben ist. Bis zum Jahresende sollten die letzten Verbrenner vom Werksgelände gerollt sein.

Und schließlich war ja auch das Vorjahr für VW enorm erfolgreich verlaufen. Was sollte also schiefgehen? Die Antwort ist mittlerweile offensichtlich: ziemlich viel, wenngleich die Ursachen nicht in Emden zu suchen sind. Der Auto-Gigant geriet vor allem in China unter die Räder und deutsche Kunden zeigten sich nach dem Wegfall der staatlichen Kaufprämie für E-Autos vom Mobilitätswandel doch nicht mehr so begeistert wie erhofft.

Der schlingernde Konzern muss Milliarden einsparen. Und durch den Absatz-Einbruch bei E-Autos drohte nun ausgerechnet das Vorzeigewerk im Nordwesten zum Streichkandidaten zu mutieren. Denn die - selten laut ausgesprochene - Frage lag ja nahe, ob VW mit Emden und Zwickau wirklich gleich zwei allein auf Elektroautos spezialisierte Standorte braucht. Mit Bangen schaute daher eine ganze Region auf die laufenden Tarifverhandlungen im Konzern, die dann kurz vor dem Fest in etwas mündeten, das manche „Weihnachtswunder“ nannten. Werksschließungen sind erstmal vom Tisch, Emden scheint vorerst gerettet.

Was für Emden lange Zeit der Passat war, sind in Papenburg die Kreuzfahrtschiffe der Meyer Werft. Als der bisherige Werft-Eigentümer Bernard Meyer in der letzten großen Werften-Krise auf die Idee kam, weit im Binnenland Luxusliner zu bauen, mag das manch einer nicht ernst genommen haben. Die Zeit hat Bernard Meyer recht gegeben.

Andere wie die Jansen-Werft oder die Sürken-Werft sind nach den letzten großen Werftenkrisen im Nordwesten verschwunden. Meyer ist immer noch da. Die Auftragsbücher sind trotz des Krisenjahres gut gefüllt.

Und nach der Rettung durch den Staat und der damit einhergehenden Entmachtung der Meyers wird der wirtschaftliche Leuchtturm im Nordwesten auch erst einmal weiterleuchten. Die aktuelle Krise mithin nur ein kurzes Kapitel in der langen Firmenhistorie bleiben, so der Plan.

„Bei Lichte betrachtet“, sagt der frühere Gewerkschafter Bollen, „bleibt die Meyer Werft eine Erfolgsgeschichte.“ Er verweist auf die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise, die auch dem Traditionsunternehmen Probleme bereitet hätten.

Das Schlimmste konnte 2024 abgewendet werden – zumindest für die Meyer- und VW-Arbeiter. Aber natürlich hängt weiter die krisenhafte Stimmung über dem Land. Die Wirtschaft wächst nicht ausreichend, auch nicht die im Nordwesten. Zuversicht schöpfen sie hier ausgerechnet aus dem, was andernorts kritisiert, ja vielleicht sogar als Ursache möglicher Probleme bekämpft wird.

Wirtschaftsvertreter Lüerßen zählt auf: „Das VW-Werk in Emden ist beispielsweise konzernweit am weitesten bei der CO2-Neutralität. Emden bleibt zudem für VW das Tor zur Welt. Und auch die Erneuerbaren Energien sind eine Chance: Offshore-Windparks, Kavernenspeicher, Batteriespeicher … all das spielt in dieser Region.“ Und ein Argument für die staatliche Rettung der Meyer Werft war die Tatsache, dass die Papenburger in Sachen alternative Antriebe für große Schiffe weltweit führend sind.

Da scheint es wieder durch, dieses Vertrauen in die Zukunft. Wie auch immer sie aussehen mag. Aber eines weiß man hier links und rechts vom Deich der Ems eben auch: Früher war eben doch nicht alles besser.

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