Osnabrück Karin Schmidt-Friderichs: Darum bleiben Buch und Lesen auch in Zukunft wichtig
Lesen, das ist ihr Beruf. Aber wann liest Karin Schmidt-Friderichs, Verlegerin und Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, eigentlich am liebsten privat? Sie verrät ihr liebstes Leseerlebnis und erklärt, warum das Buch auch in Zukunft wichtig bleiben wird.
„Aus den Zahlen ist zu lesen, dass Menschen, die gern lesen, das auch bewusst und weiterhin tun, auch um der hektischen Online-Welt und der nicht so beglückenden politischen Welt etwas entgegenzusetzen“: Karin Schmidt-Friderichs sieht das Lesen im Aufwind. Und mit ihm das Buch als Medium einer konzentrierten Beschäftigung mit Inhalten. Karin Schmidt-Friderichs macht selbst Bücher – als Verlegerin des Mainzer Verlages Hermann Schmidt.
Als Verlegerin hat Karin Schmidt-Friderichs soziale Netzwerke längst für sich entdeckt. Sie stellt Neuerscheinungen ihres eigenen Hauses auf Instagram und TikTok persönlich vor. Als Vorsteherin des Börsenvereins freut sie sich auf das nächste Jahre besonders. Dann hat der Börsenverein, der die Frankfurter Buchmesse ausrichtet, Geburtstag. Der vielleicht älteste Wirtschaftsverein Deutschlands wird 200 Jahre alt.
Frage: Ein Buch in einem Satz: So stellen Sie auf Instagram Bücher des Hermann-Schmidt-Verlages vor. Wie verändert dieses digitale Format Ihren Blick auf Bücher?
Antwort: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Buchhändler:innen und auch der oder die eine oder andere Journalist:in in der Flut der Neuerscheinungen meinen Büchern einfach nicht so viel Zeit schenken können. Ich möchte immer mehr sagen, als nur einen Satz. Die Idee zu dem Format, mit dem ich auf Instagram und auf TikTok präsent bin, kam aus unserem Team.
Frage: Wünschen Sie sich dafür auch mehr Präsenz in den klassischen Medien?
Antwort: Ich finde es bedauerlich, dass viele Tageszeitungen die Kulturteile zurückfahren. Besonders ärgert mich aber, dass Kulturthemen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen immer weniger Raum bekommen. Bei allen – durchaus auch berechtigten – Transformationen darf deren Bildungs- und Kulturauftrag nicht aus dem Blick geraten.
Frage: Wann greifen Sie zu einem Buch, was löst bei Ihnen den Wunsch aus, es zu lesen?
Antwort: In diesem Punkt bin ich, auch als Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ein ganz normaler Mensch. Ich bekomme Tipps von Freund:innen und aus dem Bekanntenkreis. Ich gehe in Buchhandlungen und freue ich über Rezensionen in den Medien. Und auch ich beziehe Tipps aus den sozialen Netzwerken. Ich habe jedenfalls immer mehr Bücher auf meinem Nachtisch, als ich lesen kann. Ich empfinde das allerdings nicht als Last, sondern als Reichtum.
Frage: Wann und wo liest die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels am liebsten?
Antwort: Wie viele andere Menschen auch greife ich abends gern zum Buch, mache aber die Erfahrung, dass ich das Gelesene am nächsten Tag wieder vergessen habe und es noch einmal lese. Wochenenden und Urlaub sind für mich ganz wichtige Lesezeiten. Ich genieße mein absolutes Luxus-Leseerlebnis, wenn mein Mann mir vorliest. Gerade im Urlaub bekomme ich viel vorgelesen. Das ist das Schönste, das mir im Urlaub passieren kann. Wir sitzen dann dick eingemummelt draußen an der Feuerschale, als Gegenprogramm zu meinem doppelten Job, für den Verlag und für den Börsenverein.
Frage: Das Leseverhalten verändert sich. Das literarische, als das Lesen um seiner selbst willen geht zurück. Viele Menschen lesen nur noch aus beruflichen Gründen. Wie sehen Sie die Trends im Leseverhalten?
Antwort: Es ist leider so, dass insgesamt weniger Bücher gekauft werden. Dazu gehört aber auch, dass diejenigen, die lesen, gern und viel lesen. Die Umsätze in der Belletristik und im Kinder- und Jugendbuch steigen etwa. Aus den Zahlen ist zu lesen, dass Menschen, die gern lesen, das bewusst und weiterhin tun, auch um der hektischen Online-Welt und der nicht so beglückenden politischen Welt etwas entgegenzusetzen. Wir beobachten mit Freude, dass das Sachbuch eine große Rolle spielt. Viele Leser nutzen dieses Genre gern, weil im Medium des Sachbuchs ein ganz anderer Faktencheck stattfindet als wir das im Netz sehen können. Diese Tendenzen stimmen mich optimistisch.
Frage: Wie sieht die Zukunft des Mediums Buch aus? Wie kann es seinen Platz behaupten – in der öffentlichen Aufmerksamkeit, im Feld der Mediennutzung?
Antwort: Auf der letzten Frankfurter Buchmesse hatte ich das Vergnügen, die vielen Tausend jungen Lesebegeisterten in Halle 1, dem Bereich der New Adult-Literatur, zu beobachten. Mitten in der Rushhour am Samstag habe ich den Andrang der Besucher erlebt. Seitdem ist mir um die Zukunft des Buches nicht mehr bang.
Frage: Sie haben eines der Bücher aus Ihrem Verlag mit dem Hinweis vorgestellt, dass es das erste vollständig gegenderte Buch in Ihrem Verlag sei. Sollten Bücher nur noch in Gendersprache erscheinen?
Antwort: Das Buch, dass Sie ansprechen, ist der Titel „Design ist mehr als schnell mal schön“ von Maren Martschenko. In diesem Fall war es der innige Wunsch der Autorin, dass das Buch in Gendersprache erscheinen sollte. Wenn es eine Autor:in unbedingt will, dann machen wir das so. Das Gegenbeispiel: Wir haben aber auch einen Titel im Angebot, dessen Text in alter Rechtschreibung gefasst ist. Wir nehmen unsere Autor:innen sehr ernst und folgen gern ihren Wünschen.
Frage: Wenn ich es richtig wahrnehme, verwenden Sie auch in Ihren mündlichen Äußerungen Gendersprache. Warum ist sie Ihrer Meinung nach so wichtig?
Antwort: Ich erinnere mich bei diesem Thema zunächst an meine erste Branchenveranstaltung als Vorsteherin. Auf der Bühne erlebte ich eine junge Frau, die mit der gegenderten Sprache so perfekt umging, dass ich mir sagte: Das kannst Du auch. Ich wollte das unbedingt lernen, weil ich finde, dass eine so gefasste Sprache Diskriminierung entgegenwirkt.
Frage: In den Lektoraten der Verlage liegt das Sensivity Reading im Trend. Was verstehen Sie darunter und warum ist es wichtig, Manuskripte in dieser Weise zu bearbeiten?
Antwort: Wir brauchen in der Gesellschaft eine höhere Sensibilität für Minderheiten und für bislang übersehene Gruppen. Das finde ich sehr wichtig für eine tolerante und offene Gesellschaft. Sensitivity Reading ist ein Angebot, jeder Verlag entscheidet da für sich selbst. Alle guten Lektor:innen beobachten ohnehin gesellschaftliche Trends. Deshalb glaube ich, dass sie in Zukunft Kriterien des Sensitivity Reading automatisch mit bedenken werden.
Frage: Welches Erlebnis hat Ihnen bei diesem Thema die Augen geöffnet?
Antwort: Es war eine Einladung des Bundespräsidenten im Jahr 2020 zu einem Abend zum Thema der Vielfalt in einer Gesellschaft. Dabei ging es die ganze Zeit auch um die Frage des Alltagsrassismus. Ich war beeindruckt davon, dass der Bundespräsident zu diesem Thema eine Veranstaltung ausgerichtet hat. Ich habe mich dann weiter informiert und sensibilisiert. Als das Sensitivity Reading später aufkam, dachte ich mir, dass diese Form des Umgangs mit Texten auch eine richtige Reaktion auf diesen unbewussten Rassismus ist. Diese Erfahrung hat meine Sprache und mein Denken verändert. Rücksichtnahme und Toleranz sind meiner Meinung nach Dinge, die unserer Gesellschaft guttun.
Frage: Wie geht es weiter mit der Buchbranche? Ich bitte Sie um kurze Ausblicke zu diesen Stichwörtern: …Buchpreisbindung.
Antwort: Die Buchpreisbindung ist unverzichtbar. Es ist gut, dass wir sie haben und dass sie seit über 20 Jahren gesetzlich verankert ist. Ich finde das richtig, weil ein Buch eben kein klassisches Konsumgut ist, sondern auch ein Kultur- und Bildungsgut. Bücher stoßen gesellschaftliche Diskurse an. Diese Leistung sollte nicht in einem Wettkampf um das billigste Buch oder die günstigste Buchhandlung untergehen. In Ländern, in denen die Preisbindung abgeschafft wurde, zeigt sich, dass eine solche Maßnahme keine positiven Auswirkungen für die Zahl der Buchhandlungen und die Vielfalt des Angebots hat. Speziell auch kleinere Verlage und Buchhandlungen werden durch die Preisbindung geschützt. Sie aber bringen viele literarische Entdeckungen in das Angebot.
Frage: Und die Künstliche Intelligenz?
Antwort: Die Buchbranche ist offen für Neues. Das gilt auch für die Künstliche Intelligenz, etwa zur Prozessoptimierung. Gleichzeitig beobachten wir bei KI den größten Datenklau der Geschichte. Sie hat viel aus Büchern gelernt, ohne dass Verlage oder Autor:innen zugestimmt und dafür einen Cent erhalten hätten. Da hat der AI Act der Europäischen Union schon einmal ein wichtiges Signal gesetzt. Als Börsenverein setzen wir uns vehement dafür ein, dass Verlage und Autor:innen einer Nutzung ihrer Produkte durch die Künstliche Intelligenz zustimmen müssten und dass es eine Honorierung geben müsste. Mit der Verwertungsgesellschaft Wort haben wir dafür in Deutschland ja sogar ein Instrumentarium. Es geht nicht um Blockade von Innovation, es geht um gerechte Beteiligung.
Frage: Das dritte Stichwort: Klimaschutz…
Antwort: Die Buchbranche beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit. . Der Börsenverein unterstützt dieses Anliegen. An jeder Stelle der Buchproduktion sind Fragen der Nachhaltigkeit abzuwägen: von der Papierauswahl über die Transportwege bis hin zum Verkauf im Laden. Wir fühlen uns da selbst verantwortlich – und auch die Kund:innen fragen längst danach, wie nachhaltig wir uns verhalten. Unsere Branche richtet sich ja an eine wache und informierte Zielgruppe.
Frage: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels feiert 2025 sein großes Jubiläum. Der Branchenverband wird 200 Jahre alt. Rückblick ist das eine, aber welche leitende Idee trägt den Börsenverein in die Zukunft?
Antwort: Dass wir als Buchbranche einen zentralen Beitrag für unsere Gesellschaft, für Freiheit und Demokratie leisten – und dass wir als Verband unsere Mitglieder bei dieser wichtigen Aufgabe unterstützen, gerade in politisch und wirtschaftlich bewegten Zeiten. Im Jubiläumsjahr blicken wir daher in die Zukunft. Wir schlagen – so unser Jubiläumsmotto – „Neue Kapitel“ auf, indem wir mit der Branche die wichtigen Zukunftsthemen diskutieren.
Frage: Der Börsenverein veranstaltet im Juni 2025 einen großen Kongress zu seinem Jubiläum. Welche Impulse erhoffen Sie sich von dieser Veranstaltung?
Antwort: Der Kongress wird die Möglichkeit bieten, einmal aus dem Alltag herauszutreten und sich kompakt und im Austausch mit anderen mit den zentralen Fragen der Branchenzukunft zu beschäftigen. Ich gehe auf solche Kongresse immer mit einem kleinen Büchlein, in das ich meine Notizen schreibe. So halte ich neue Ideen direkt fest und nehme sie mit in meinen Alltag, den ich dann auch mit mehr Mut und Initiative angehe.
Frage: Kongresse und Festreden sind eine schöne Sache. Wo und auf welche Weise bekommen Leser etwas von dem Jubiläum des Börsenvereins mit?
Antwort: Der Börsenverein ist in erster Linie ein Branchenverband. Dass wir 200 Jahre alt werden, ist also für die einzelne Leserin oder den einzelnen Leser erstmal gar nicht so bekannt oder unmittelbar relevant. Eine starke, zukunftsfähige Buchbranche strahlt aber in die Gesellschaft und auf die Leser:innen aus. Denn jede kreative und engagierte Buchhandlung ist ein Dritter Ort, ein Platz für Entdeckungen des Neuen. Und jeder Verlag mit begeisternden Geschichten und tollen Sachbüchern vermittelt Buchbegeisterung und gibt Anstöße für Debatten.
Anmerkung der Redaktion: Die in diesem Interview verwendete gegenderte Schreibweise entspricht nicht der Standardsprache. Sie erfolgt auf ausdrücklichen Wunsch der Interviewpartnerin.