Hamburg  Abschied von Atlantis? Was an Waldorfschulen unterrichtet wird

Marie Busse
|
Von Marie Busse
| 21.12.2024 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Klassenzimmer einer Waldorfschule in Baden-Württemberg: In Deutschland zählt das alternative Schulsystem rund 90.000 Kinder und Jugendliche. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Klassenzimmer einer Waldorfschule in Baden-Württemberg: In Deutschland zählt das alternative Schulsystem rund 90.000 Kinder und Jugendliche. Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Artikel teilen:

Atlantis, Esoterik, Rudolf-Steiner-Kult – über Inhalte an Waldorfschulen wird immer debattiert: Was wird dort wirklich unterrichtet? Dirk Rohde, Professor für Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik, klärt auf.

Waldorfschulen in Schleswig-Holstein schneiden beim Abitur unterdurchschnittlich ab. Wie kann das sein und ist das ein bundesweiter Trend? Dirk Rohde arbeitet selbst als Waldorflehrer und ist Professor für Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik an der privaten Alanus-Hochschule, die anthroposophisch geprägt ist. Im Interview erklärt er, wie Waldorfschüler auf das Abitur vorbereitet werden. Er räumt allerdings auch Kritik ein.

Frage: Herr Rohde, an Waldorfschulen in Schleswig-Holstein haben die Schüler ein unterdurchschnittliches Abitur geschrieben. Wie erklären Sie sich das?

Antwort: Abiturnoten schwanken von Jahr zu Jahr und sind von vielen Faktoren abhängig – von der Zusammensetzung der Schülerschaft bis hin zu spezifischen Prüfungsanforderungen. Ein einzelnes Jahr ist daher wenig aussagekräftig.

Frage: Wie steht es um die Leistungen von Waldorfschülern in anderen Bundesländern?

Antwort: Die Bildungssysteme und die rechtliche Stellung der Waldorfschulen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland und das wirkt sich auch auf die Waldorfschulen aus. In Hessen und Hamburg haben Waldorfschulen staatlich anerkannte gymnasiale Oberstufen, die vergleichbar den staatlichen Gymnasien auf das Abitur vorbereiten und dieses auch ebenso durchführen. In Hessen schneiden Waldorfschüler:innen unseren Erhebungen der Abiturdurchschnittsnoten nach alljährlich etwas besser ab als die staatlichen Gymnasiast:innen. In Schleswig-Holstein und den anderen 13 Bundesländern hingegen sind die Oberstufen in den Waldorfschulen schulrechtlich anders organisiert. Die Schüler:innen müssen dementsprechend auch anders organisierte Abiturprüfungen ablegen.

Frage: Wie unterscheidet sich der Unterricht an Waldorfschulen von dem an Regelschulen?

Antwort: Waldorfschulen legen großen Wert auf die ganzheitliche Entwicklung der Schüler:innen. Unser Ansatz integriert künstlerische, handwerkliche und akademische Bildung. Der Unterricht an Waldorfschulen folgt nicht dem üblichen 45-Minuten-Takt; stattdessen wird unter anderem das Epochensystem genutzt, bei dem Themenblöcke über mehrere Wochen intensiv behandelt werden. Außerdem gibt es das sogenannte Klassenlehrerprinzip, bei dem ein Lehrer dieselbe Klasse von der ersten bis zur achten Klasse begleitet. Das Bildungskonzept der Waldorfschulen ist auf eine zwölfjährige Schulzeit möglichst aller Schüler:innen ausgelegt. Nach diesen zwölf Jahren machen viele Schüler:innen einen Waldorfabschluss, der jedoch nicht staatlich anerkannt ist.

Frage: Waldorfschüler gehen also länger zur Schule. Wer im Anschluss eine Ausbildung macht, sitzt mitunter mit deutlich Jüngeren in der Berufsschule. Verlieren die Schüler da nicht Zeit?

Antwort: Das wird weder von den Schüler:innen noch von den Ausbildungsbetrieben als Problem wahrgenommen. Waldorfschüler:innen bringen oft mehr Reife und Lebenserfahrung mit, was sie in der Ausbildung auszeichnet. Würde der spätere Abschluss wirklich als Nachteil empfunden, würden wir sehen, dass viele Schüler:innen nach der achten oder neunten Klasse auf andere Schulen wechseln, um schneller einen Abschluss zu machen. Das ist aber nicht der Fall. Die steigende Beliebtheit der Waldorfschulen, auch international, zeigt, dass viele Familien diesen längeren Bildungsweg schätzen.

Frage: Welche Eltern schicken Ihre Kinder denn auf die Waldorfschule?

Antwort: Viele Eltern, die ihre Kinder an Waldorfschulen anmelden, kommen aus einer bildungsaffinen Mittelschicht. Sie sind bereit, sich intensiv mit der Schulentwicklung ihrer Kinder zu beschäftigen und arbeiten oft in Schulgremien oder unterstützen die Schule durch ehrenamtliche Tätigkeiten.

Frage: Es gibt auch immer wieder Kritik am Unterricht an Waldorfschulen, vor allem an den Inhalten. So soll beispielsweise der Mythos von Atlantis als historische Tatsache gelehrt werden. Ist das so?

Antwort: Diese Kritik gibt es von intern und von extern und die nehmen wir sehr ernst. Atlantis wurde in der Vergangenheit unterrichtet, aber wir haben es aus dem Lehrplan gestrichen. Unsere Lehrpläne werden regelmäßig überarbeitet, um sicherzustellen, dass sie modernen pädagogischen Standards entsprechen und keine veralteten oder problematischen Inhalte mehr enthalten.

Frage: Auch der Begründer der Schulen – Rudolf Steiner – wird kritisch gesehen und Waldorfschulen vorgeworfen, ihn regelrecht zu verehren. Was ist da dran?

Antwort: Rudolf Steiner ist zweifellos als Begründer der Waldorfpädagogik eine prägende Figur. Natürlich gibt es Menschen, die Steiner sehr bewundern. Das sind ganz banale menschliche Verhaltensweisen, so wie Fans ihren Stars nacheifern. An den Waldorfschulen geht es aber weniger um Steiner als Mensch. Es geht darum, sich mit seinen Ideen und Idealen konstruktiv-kritisch auseinander zu setzen und er hatte ja nicht nur geniale Vorschläge. Da müssen sich vor allem die Lehrer:innen, aber auch die Eltern und Schüler:innen fragen, inwieweit sie damit etwas anfangen können und inwieweit nicht. Dazu muss man sich in Steiners Gedankenwelt aber erstmal gründlich einarbeiten.

Frage: Wie stellen Sie sicher, dass die Waldorfschulen sich an den modernisierten Lehrplan halten?

Antwort: Die Waldorfschulen haben klare Strukturen eingeführt, mit Schulleitungen und Personalverantwortlichen, die sicherstellen, dass der Unterricht nach aktuellen wissenschaftlichen Standards erfolgt. Auch werden wir von staatlicher Seite kontrolliert. Klar ist aber auch, dass eine vollständige Kontrolle ist im Schulwesen generell nicht möglich ist, da die Kultuspolitik in Deutschland allen Lehrkräften bewusst methodische Freiheiten lässt. Bei Auffälligkeiten können sich Eltern und Schüler:innen an Beschwerdeinstanzen wenden, sodass dem nachgegangen werden kann.

Ähnliche Artikel