Hannover AfD warnt: „Exaktes Gegenteil von Integration“ – Landtag streitet über Sprachen an Schulen
Niedersachsen verspricht mehr Bildungsgerechtigkeit an Schulen. Dafür soll Mehrsprachigkeit an Schulen gefördert werden. Doch die Opposition im Landtag in Hannover sieht darin eine Bedrohung der Integration. Sie warnt vor einem Sprachenwirrwarr im Unterricht.
Droht in Niedersachsens Schulen ein Sprachenwirrwarr? Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat das Kultusministerium in Hannover einen „Erlass zur Förderung der Mehrsprachigkeit“ auf den Weg gebracht. Er tritt bereits am 1. Februar 2025 in Kraft. Dabei führt Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) unter anderem die Möglichkeit ein, Kinder in ihrer jeweiligen Herkunftssprache zu unterrichten.
Damit sende das Land Niedersachsen „ein starkes Signal der Integration und Wertschätzung an Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“, sagt Hamburgs Sprecherin Britta Lüers.
Das Kultusministerium spricht von einem „wichtigen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit“. Von einer mehrsprachigen Erziehung profitierten nicht nur Schüler mit einer Migrationsgeschichte, sondern die gesamte Schule und auch die Gesellschaft. Mit der Förderung der Mehrsprachigkeit als Bildungsziel leite das Ministerium „einen echten Paradigmenwechsel“ ein, so Lüers.
„Der Erstsprachenunterricht ist als ein kultureller Sprachenunterricht zu verstehen“, heißt es in dem Erlass, der dieser Redaktion vorliegt. Auf Antrag der Erziehungsberechtigten oder auf Initiative der Schule kann das Regionale Landesamt für Schule und Bildung (RLSB) die Einrichtung des Unterrichts genehmigen.
Verlangt wird von den Schulen ein Gesamtsprachbildungskonzept, das als „Querschnittsaufgabe einer sprachsensiblen sowie diversitätsbewussten Schulentwicklung in einer mehrsprachigen Gesellschaft“ gesehen werde. Lehrkräfte müssen über eine abgeschlossene Lehramtsausbildung in Deutschland oder in ihrem Herkunftsland verfügen sowie Deutschkenntnisse auf dem Niveau C1 besitzen.
Scharfe Kritik kommt dagegen von der Landtags-Opposition. Der Erlass sei „das exakte Gegenteil von Integration“, sagt Harm Rykena, bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion. „Unterricht ist kaum noch möglich, wenn eine gemeinsame Unterrichtssprache fehlt“, erklärt Rykena. „Statt für Abhilfe zu sorgen, wollen die Grünen das Problem mit expliziter Förderung des Sprachwirrwarrs noch verschärfen.“ Dabei würden immer mehr Lehrkräfte benötigt, um „Deutsch als Fremdsprache“ (DAZ) zu unterrichten. Doch nun solle das Geld für das Gegenteil aufgewendet werden.
Als „nicht praxistauglich“ rügt die CDU-Abgeordnete Sophie Ramdor den Erlass. Dieser erschwere zum Teil sogar die Sprachförderung. „Anstatt Lehrkräfte für Sprach- und Kulturvermittlung oder Erstsprachbeauftragte einzusetzen, sollte Frau Hamburg dafür sorgen, dass die Unterrichtsversorgung gewährleistet ist“, meint Ramdor.
Lob kommt aus den Reihen der rot-grünen Koalition. Studien zeigten deutlich, dass Kinder, „die gute schrift-sprachliche Kenntnisse in ihrer Herkunftssprache besitzen, auch bessere Leistungen in Deutsch und allen weiteren Fremdsprachen erzielen“, sagt Lena Nzume, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, im Gespräch mit dieser Redaktion. Der neue Erlass erkenne alle Sprachen als „gleichwertig und als wertvollen Bestandteil der Identität und Bildung unserer Schülerinnen und Schüler“ an.
Als „Schritt in die richtige Richtung“ lobt Beate Seusing vom Migranten-Eltern-Netzwerk Niedersachsen den Erlass. Die Schulen müssten künftig Eltern mit Migrationshintergrund informieren. Das Netzwerk wollte eigentlich, dass Sprachen wie Türkisch, Polnisch oder Arabisch gleichberechtigt seien mit der zweiten Fremdsprache, meist Französisch oder Spanisch. Diese Idee setzte das Ministerium nicht um.
Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) begrüßte das Ziel der Mehrsprachigkeit. Das Konzept werde nur erfolgreich sein, wenn die Lehrkräfte ausreichend qualifiziert und die Einbindung der Erstsprache „als Brücke und nicht als Ersatz für die deutsche Sprache“, verstanden werden, so VNL-Landesvorsitzender Torsten Neumann auf Anfrage.