Hamburg  Jonas Boldt arbeitete mit Rudi Völler und leitete den HSV: Das hat den Sportmanager geprägt

Andreas Wrede
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Von Andreas Wrede
| 17.12.2024 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Jonas Boldt hat den Hamburger SV auf Kurs gebracht und eine neue Kultur geprägt. Foto: IMAGO/Justus Stegemann
Jonas Boldt hat den Hamburger SV auf Kurs gebracht und eine neue Kultur geprägt. Foto: IMAGO/Justus Stegemann
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Im Alter von nur 37 Jahren übernahm Jonas Boldt die wichtige Position des Sportvorstands beim Hamburger SV. Seine Karriere kennt keinen Stillstand. Was hat den Fußball-Manager geprägt? Und wie denkt er über Veränderung im Fußball-Business? Eine Begegnung.

„Leistungsdruck, der ist nicht gut“ – das ist einer der Sätze, mit denen Jonas Boldt, Jahrgang 1982, aufwuchs. Heute ist er Sportvorstand beim HSV. Damals, in Düsseldorf und Heidelberg, war er nur ein Kind. Und den Satz mit dem Leistungsdruck, den hörte er auf der Waldorfschule, auf die seine Eltern ihn schickten.

„Rückblickend war es sehr schön, dass ich vielleicht etwas länger Kind sein durfte. Es hieß dort immer, ‚Leistungsdruck, der ist nicht gut‘, sagt Boldt heute. „Interessanterweise habe ich mir ein Berufsfeld ausgesucht, in dem der Leistungsdruck extrem hoch ist. Und ich brauche auch genau das, um mich selbst und andere zu fordern,“ meint der durchtrainierte, schlanke Sportmanager und Zwei-Meter-Mann im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Mein soziales Mindset wurde in der Waldorf-Schule dennoch sehr gefördert. Das hat mich geprägt und hat bis heute Bestand, auch im Job.“

Jonas Boldt ruht in sich – obwohl er agil, kreativ, wissbegierig ist. Und sich auf neue Herausforderungen nicht nur freut. „Ich suche sie regelrecht,“ stellt er in seiner überlegten Art fest, die man manchmal auch als Phlegma apostrophieren könnte.

Da allerdings ließe sich der Betrachter von der äußerlich unerschütterlichen Ruhe täuschen. In Boldt arbeitet immer ein Geistesblitz. Er studierte Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Sportmanagement in Heidelberg. „Mich interessierte sowohl der Sport an sich als auch die Business-Seite des Fußballs.“ Und schon in jungen Jahren war es sein Traum, später im Fußball zu reüssieren. Nur wusste er damals noch nicht, auf welcher Seite er landen würde.

Und dass er die Karriereleiter derart rasch erklimmen sollte, ahnte er wohl ebenfalls nicht. Für ein Praktikum bei Bayer 04 Leverkusen bewarb er sich. Er wurde genommen „und dann begann ich im Nachwuchs, holte Jungs von der Schule ab, half auf dem Trainingsplatz, unterstützte im Büro, wo ich mich eben nützlich machen konnte.“ Sechs oder sieben Tage in der Woche arbeiten? Für Boldt kein Problem: Das sei „nicht konträr zum Thema Work-Life-Balance, ich liebe meine Arbeit“.

Nach einem kurzen Abstecher zu Bayern München kam Jonas Boldt zurück nach Leverkusen und in die dortige Scouting-Abteilung. „Das war 2007 – die Phase, in der bei Spiel- und Spieleranalyse von VHS Kassette auf DVD umgestellt wurde.“

Bei einem halbjährlichen Südamerika-Scouting-Trip entdeckt er Arturo Vidal und lotst ihn nach Leverkusen. Später spielt der von Boldt entdeckte Ausnahme-Fußballer bei Juventus Turin, Bayern München und dem FC Barcelona.

Wieder in Deutschland unterstützt Jonas Boldt später die Digitalisierung des Vereins, unter anderem mit der Entwicklung einer Datenbank. „Eines der größeren Projekte, insgesamt hatte ich viel Freiheit zu lernen, meine Expertise Tag für Tag einzubringen und zu optimieren“. Das war „die Zeit der Herren Calmund, Holzhäuser, Reschke, Völler, Rolfes. Von diesen absoluten Profis durfte ich sehr viel lernen“, schwärmt Jonas Boldt noch heute.

Druck habe es auch da gegeben, aber „immer gepaart mit Leidenschaft und viel Spaß“, erinnert er sich. „Wir wandelten uns vom Werksclub zum Traditionsverein und ich arbeitete mich ins obere Management vor.“ Von 2009 bis 2014 war Boldt an der Seite von Rudi Völler Sportmanager. Dann folgte er im als Leiter der Direktion Sport.

Als es Zeit wurde für eine Veränderung, ging Jonas Boldt zum großen HSV. Der galt als „Chaos-Club“, war 2018 aus der Bundesliga abgestiegen. Viele hätten ihm davon abgeraten, Sportvorstand in Hamburg zu werden. Boldt aber entschied sich für die Herausforderung und den Druck – und blieb fünf Jahre. Unter ihm schaffte es der Verein, sich eine neue, moderne, den Fans zugewandte Identität zu verpassen. Wie gelang Jonas Boldt das?

„Neben viel Geduld und dem Einbringen meines Fachwissens haben die Fans und das Umfeld beim HSV gemerkt, dass es mir um den Verein und seine Menschen und nicht um mich gegangen ist. Als die Causa Bakery Jatta aufkam, wegen einer angeblich falschen Identität, haben wir in jeder Phase zu ihm gehalten. Als Mario Vuskovic des Dopings angeklagt wurde, hielten wir bedingungslos zu ihm - noch heute glaube ich an seine Unschuld und zweifele überholte Test-Methoden an.“

Mit Finanzvorstand Eric Huwer bekam Jonas Boldt einen kongenialen Partner. Der HSV wirtschaftet nun wieder im Plus. „Wir haben klar signalisiert und gelebt, dass wir keine Lagerbildung beim HSV wollen, sondern alle in eine Richtung marschieren.“ Ziel war natürlich der ersehnte Aufstieg. Viel fehlte nicht in der HSV-Zeit von Jonas Boldt: „Einmal ein Punkt, einmal drei Minuten“.

Und dass er für HSV-Verhältnisse ungewöhnlich lang an Trainer Tim Walter festhielt, gehörte auch zu seiner Überzeugung und Strategie. Nämlich Bodenständigkeit, Risikobereitschaft und Zukunftsvision miteinander zu verweben.

Bei allen Boldt’schen Manövern standen die Fans meistens hinter ihm. Er war beliebt und respektiert im Verein. Man konnte sich eigentlich den HSV ohne ihn kaum vorstellen. Als freilich erneut der Aufstieg nicht klappte, wurde Jonas Boldt durch Stefan Kuntz ersetzt.

Die Ironie dieses Wechsels: Boldt wollte Stefan Kuntz noch als Trainer zum HSV holen, der wollte aber nicht. „Eines ist doch klar“, befindet Jonas Boldt, immer noch ruhig und überlegt, „es ist nie nur einer oder eine für den Erfolg zuständig - Fußball ist, ob nun auf dem Platz oder im Management, Teamwork!“

Als er selbst Tim Walter durch einen anderen Trainer ersetzen musste, weil sich die Dynamik in die falsche Richtung entwickelte, tat ihm das weh. „Denn Tim war wie ich zu 110 Prozent mit Herzblut beim HSV dabei.“ Dessen Nachfolger Steffen Baumgart ist auch schon nicht mehr da, bis zur Winterpause ist vorerst Co-Trainer Merlin Polzin der Chef-Trainer.

„Mir war klar, dass mein Abschied vom HSV menschlich sauber, weitgehend geräuschlos und ohne Bitternis laufen sollte - und so ist es passiert. Sowohl zu Bayer 04 Leverkusen wie zum HSV könnte ich eines Tages guten Gewissens wieder zurückkehren“, unterstreicht Jonas Boldt.

„Ich habe beide Clubs in mein Herz geschlossen - ich hab‘ immer noch Kontakt zu Spielern und Mitarbeitern, die mich anrufen oder mir via WhatsApp schreiben. Ich denke schon, dass ich im Großen und Ganzen positive und tiefe Spuren beim HSV hinterließ.“

Den Sommer 2024 verbrachte Jonas Boldt nach seinem Abgang beim HSV mit zahlreichen Reisen: „Highlights waren die zwei Wochen bei den Olympischen Spielen, Wimbledon oder der Stanley-Cup. Gerade bin ich zurück aus Miami gekommen und habe eine Konferenz in Toronto besucht. Es muss ja nicht immer Fußball sein - ich will meinen Sport-Horizont konstant erweitern.“

Und daher ist Jonas Boldt unter die Gründer gegangen. Mit Jonas Hummels, Björn Borgerding, Aufsichtsrats-Chef von Fortuna Düsseldorf und Moritz Fürste, Olympia-Sieger im Hockey und Mitgründer einer Sportvermarktung, hat er POWWOW Sports ins Leben gerufen. „Eine Plattform, um Athleten aus verschiedensten Sportarten eine Stimme zu geben“, sagt Boldt.

Ein erstes Festival fand in Düsseldorf statt, um etwa ein Thema wie Frauen im Sport zu behandeln – aus der Sicht der Sportlerinnen, nicht der Funktionäre. „Es ging um Sport und Kultur und auch um Sport und Führung. Wir haben auf dem Festival eine schöne Energie gespürt.“ Weitere Konferenzen sollen folgen. „Wir brauchen in Deutschland einfach dringend neue Impulse im Sport, nur mit gutem Willen holen wir keine Olympischen Spiele hier hin.“

Noch einmal zurück zum Fußball: Ist der immer öfter ein brutales Business? „Ja, mittlerweile schon, es wird extremer, es geht allzu oft um Geld, Macht und Ruhm. Und Social Media trägt dazu bei, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen leider oft nur die Lautesten und nicht die Nachdenklichsten gehört werden. Expertise wird da meistens zu kleingeschrieben,“ beklagt Boldt.

„Damit müssen wir leben und dem Gutes und Wahrhaftiges entgegenhalten. Menschen brauchen Orientierung und die fehlt in vielen Bereichen heute,“ analysiert er. Das gelte mithin für den Fußbal: „Früher stand der Teamgedanke im Vordergrund. Heute ist fast jeder bekannte Spieler seine eigene Marke.“

„Aber es gibt genug schöne Seiten. Man muss nur aufpassen: Schnell wird man in dem einen oder anderen Umfeld gefeiert. Das kann verblenden, da ist Selbstkritik und Vorsicht geboten.“ Und Jonas Boldt ist keiner, der verbrannte Erde hinterlässt.

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