Zürich  Marc G. flog den Eurofighter für die deutsche Luftwaffe. Nun bildet er in China Kampfpiloten aus

Marco Seliger, Forrest Rogers
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Von Marco Seliger, Forrest Rogers
| 11.12.2024 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Deutsche Piloten im Dienst der chinesischen Luftstreitkräfte lösen Empörung und Sicherheitsbedenken aus. Foto: IMAGO/NurPhoto
Deutsche Piloten im Dienst der chinesischen Luftstreitkräfte lösen Empörung und Sicherheitsbedenken aus. Foto: IMAGO/NurPhoto
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Ehemalige deutsche Piloten der Bundeswehr verraten in China ihre Flugtechniken. Wir haben einen von ihnen ausfindig gemacht. Er verteidigt seine Tätigkeit und beklagt eine einseitige Berichterstattung.

Sein Rufname ist „Turbo“, weil er einer ist, der immer Gas gibt. Er war Kampfpilot und Aushängeschild der Bundeswehr. Er stellte einen Kunstflugweltrekord auf und spendete die Prämie einem Kinderhospiz. In einem Lifestyle-Porträt eines Automagazins brüstet er sich mit dem Besitz mehrerer hochpreisiger Wagen. Seine Welt sind schnelle Autos und noch schnellere Kampfjets.

Das ist die eine Seite von „Turbo“ alias Marc G. Es gibt noch eine andere, und die ist kaum bekannt.

Anfang November tauchten im Internet Fotos auf, die ihn gemeinsam mit drei anderen früheren Bundeswehrpiloten auf einer Trainingsbasis der chinesischen Luftstreitkräfte zeigen. Die Namen dieser drei Ex-Soldaten sind bereits aus einem „Spiegel“-Artikel aus dem Vorjahr geläufig. Sie heißen Alexander H., Peter S. und Dirk J.

Die vier Deutschen gehörten einst zum Spitzenpersonal der deutschen Luftwaffe, ausgebildet für Millionen von Euro. Auf dem Bild stehen sie vor einer chinesischen J-11, einer Kopie des russischen Kampfjets SU-27. Die Frage ist: Was machen der frühere Eurofighter-Pilot Marc G. und seine Kameraden in China?

Seit Juni vorigen Jahres ist das im Prinzip klar. Nicht nur der „Spiegel“, sondern auch andere Medien berichteten über Piloten, die in China angeblich für mehr als 250.000 Euro pro Jahr die Kampfjet-Besatzungen der Volksbefreiungsarmee ausbilden. Damals wurden allerdings nur Alexander H., Peter S. und Dirk J. enttarnt. Der Prominenteste, Marc G., blieb unentdeckt.

Seinen drei Kollegen war zum Verhängnis geworden, dass sie ihr Salär aus China damals über Beratungsfirmen auf den Seychellen bezogen. Das flog auf, weil sie Kunden der Kanzlei Mossack Fonseca waren. Dieses Unternehmen aus Panama half weltweit bei der Gründung von Briefkastenfirmen in Steueroasen. Die Veröffentlichung der „Panama Papers“ 2016 machte dieser illegalen Praxis ein Ende.

Die Berichte über die Piloten riefen in Deutschland Empörung hervor. Verteidigungsminister Boris Pistorius von der SPD forderte seinen chinesischen Amtskollegen Li Shangfu bei einer Sicherheitskonferenz in Singapur öffentlich auf, diese Praxis unverzüglich zu beenden.

Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, Konstantin von Notz von den Grünen, sprach von einem „ungeheuerlichen, empörenden und problematischen Vorgang“, der „ein enormes Sicherheitsrisiko“ darstelle. Das Kontrollgremium beaufsichtigt die deutschen Nachrichtendienste.

Mit ihren Reaktionen erweckten Pistorius und von Notz den Eindruck, sie seien überrascht worden. Doch waren sie wirklich ahnungslos?

Äußerungen von Marc G. wecken Zweifel daran. Die NZZ hat sich auf seine Spur begeben. Es gibt Videos und Artikel über ihn, etwa von 2013, als er an einem Militärstützpunkt in Bayern einen Weltrekord im Kunstflug aufstellte, oder von 2019 im Magazin eines sehr bekannten Autoherstellers.

Schon in seiner Kindheit, heißt es darin, habe er sich für Geschwindigkeit und die Kontrolle über unbändige Kraft begeistern können. Als der Artikel erschien, war Marc G. 47 Jahre alt.

Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits in einer Stadt in China, in der sich einer von über 150 Luftwaffenstützpunkten der Volksbefreiungsarmee befindet. Marc G. hat das nicht an die große Glocke gehängt. Doch seine Frau hinterließ Spuren und räumte im Internet freimütig ein, dass sie und ihr Mann sich in China befinden.

Was machte Marc G. dort genau? In den Medienberichten des vergangenen Jahres wurde den deutschen Piloten vorgeworfen, sie würden den Chinesen nicht nur das Fliegen, sondern auch Taktiken, Verfahren und Techniken des Nato-Luftkampfes vermitteln. Der „Spiegel“ spricht in seinem Beitrag sogar von „Geheimnisverrat“.

Die NZZ hat mit Ex-Piloten der Luftwaffe gesprochen, die Marc G. aus seiner Zeit in der Bundeswehr kennen. Sie sagen, dass er und seine Kollegen hochwertig ausgebildete Kampfpiloten seien, die den Chinesen zwangsläufig Einblicke in Nato-Verfahren und -Taktiken ermöglichten. Selbst wenn keine bewusste Preisgabe sicherheitsrelevanter Informationen vorliege, geschehe das dennoch in der Praxis.

Einer von ihnen vermittelt einen Kontakt. Auf die NZZ-Anfrage meldet sich Marc G. umgehend. Zunächst lehnt er es ab, sich zu seiner Tätigkeit in China zu äußern. Er begründet das mit „verschiedenen Faktoren, insbesondere der aktuellen politischen Lage und der damit verbundenen Medienlandschaft“. Diese Reaktion legt den Schluss nahe, dass er sich und seine Kollegen in Deutschland falsch dargestellt sieht.

Einen Tag später präzisiert er seine Ablehnung. „In der Vergangenheit mussten wir leider feststellen, dass speziell deutsche Medien häufig einer bestimmten Agenda folgen“, schreibt er. Das habe nicht selten dazu geführt, dass „Aussagen aus dem Kontext gerissen und in ein narratives Konzept eingebettet wurden, um ein gezieltes Bild zu zeichnen“.

Das deute „aus unserer Sicht“ auf politisch motiviertes Handeln hin. Seine Kollegen und er seien jedoch an einer fairen und unvoreingenommenen Berichterstattung interessiert.

Ob deutsche Medien die Tätigkeit der Kampfpiloten in China wirklich falsch dargestellt haben, bleibt dahingestellt. Fakt ist, dass nicht nur Journalisten Kritik üben. Auch Verbündete Deutschlands haben mit der Pilotenausbildung in China ein Problem.

Im Juni 2023 begannen die USA damit, Unternehmen für die Ausbildung chinesischer Piloten mit Sanktionen zu belegen. Im Juni dieses Jahres wiesen die Geheimdienste Großbritanniens, Neuseelands, Australiens, Kanadas und der USA öffentlich warnend auf eine Intensivierung der chinesischen Kampagne hin, die darauf abziele, westliche Kampfpiloten als Ausbilder zu gewinnen.

In der Erklärung heißt es, die Volksbefreiungsarmee nutze private Unternehmen in Südafrika und China, um ehemalige westliche Kampfpiloten anzuwerben, damit sie Piloten der Luftwaffe und Marine ausbildeten.

Ziel sei es, „die Fähigkeiten und das Fachwissen dieser Personen zu nutzen, um ihre eigenen militärischen Luftoperationen leistungsfähiger zu machen und gleichzeitig Einblicke in westliche Luftkampftaktiken, Techniken und Verfahren zu gewinnen“. Das gefährde die Sicherheit der USA sowie ihrer Verbündeten.

Diese Warnung kann man auch als Hinweis an Deutschland verstehen, stärker gegen die Tätigkeit von Marc G. und seiner Kollegen in China vorzugehen. Doch diese sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Das geht aus einer Stellungnahme von Marc G. hervor, zu der er sich dann schließlich doch entscheidet. Überschrieben ist sie mit „Official Media Statement“ und unterzeichnet mit seinen Initialen „MG“.

Er äußere sich auch im Namen seiner deutschen Kollegen „zu den in den vergangenen Jahren durch Medien veröffentlichten Berichten über ehemalige Soldaten der Bundeswehr und deren Tätigkeit in China“, schreibt G. Was er dann ausführt, wirft Fragen auf, durchaus auch an das Verteidigungsministerium und an Chefkontrolleur von Notz.

Alle in China tätigen ehemaligen Soldaten, heißt es in dem Statement von Marc G., hätten „eine Genehmigung des Bundesministeriums der Verteidigung erhalten“. Das könne das Ministerium auf Anfrage bestätigen.

Auch dem Vorwurf des Geheimnisverrats tritt er in der Erklärung entgegen. In ihren Verträgen mit den Chinesen sei klar geregelt, dass sie nur Informationen weitergeben würden, die nach deutscher Gesetzeslage zulässig seien. „Diese Regelungen liegen dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) vor.“ Der MAD ist der Nachrichtendienst der Bundeswehr.

Marc G. hat der NZZ einen Textauszug mit einer angeblichen ministeriellen Genehmigung geschickt. Aber es ist nicht klar, ob es sich wirklich um eine offizielle Bewilligung handelt. In dem Auszug, den die NZZ einsehen konnte, steht nur, dass nach Paragraf 20a des Soldatengesetzes „keine Bedenken“ gegen die Tätigkeit bestünden.

Immerhin tut sich hier ein gewisser Widerspruch auf. In dem „Spiegel“-Artikel vom Vorjahr klagt das Verteidigungsministerium über „die große Gefahr“, dass durch die Piloten „nicht nur eine fliegerische Grundbefähigung vermittelt wird, sondern auch relevante Taktiken, Techniken und Verfahrensabläufe offenkundig werden“.

Auch der Verteidigungsminister Pistorius und der Chefkontrolleur von Notz müssen sich Fragen stellen lassen. Wieso geht Pistorius seinen chinesischen Amtskollegen so an, wenn gegen die Tätigkeit seitens seines Hauses keine Bedenken bestanden haben? Wieso empört sich von Notz öffentlich, wenn der MAD involviert ist? Hatte ihn der Nachrichtendienst nicht informiert?

Die NZZ hat sowohl das Verteidigungsministerium als auch Konstantin von Notz kontaktiert, um sie um eine Stellungnahme zu bitten. Das Ministerium wollte sich dazu nicht näher äußern, weil es sich um Personalangelegenheiten handele. Zu „operativen Tätigkeiten“ des MAD, hieß es, gebe man grundsätzlich keine Auskunft.

Waren die Reaktionen auf die Tätigkeit der Piloten in China im vorigen Jahr also womöglich nur eine Verschleierung tieferer staatlicher Interessen? Gibt es Verbindungen der Piloten zu westlichen oder deutschen Nachrichtendiensten? Die NZZ hätte das gern auch Konstantin von Notz gefragt. Aber er meldete sich trotz mehreren Anfragen nicht zurück.

Sollte der von Marc G. vorgelegte Auszug des ministeriellen Schreibens echt sein, erging dieses vermutlich zu einer Zeit, als die Rivalität Chinas zum Westen noch nicht so stark ausgeprägt war wie heute. Bei Marc G. soll die Zustimmung etwa im Jahr 2018 erteilt worden sein, bei anderen noch früher.

Seinerzeit war das deutsch-chinesische Verhältnis noch deutlich besser. Vor gut zehn Jahren konnten chinesische Piloten sogar am Bundeswehr-Stützpunkt Laage im Eurofighter mitfliegen und deutsche Piloten in chinesischen Jets. Heute tauscht man sich zwar auf militärpolitischer Ebene weiter aus. Es gibt etwa ein jährlich stattfindendes Seminar auf Generalsebene. Militärischer Austausch aber existiert nicht mehr.

Trotzdem kann das Verteidigungsministerium nur wenig gegen die Tätigkeit von Marc G. und seinen Kollegen unternehmen. Jedenfalls bis jetzt.

Die geltenden gesetzlichen Regelungen reichen dafür nicht aus. Das Soldatengesetz sieht zwar eine „zeitlich unbegrenzt fortbestehende Verschwiegenheitspflicht“ für frühere Soldaten vor. Doch wie will man nachweisen, dass deutsche Ex-Piloten beim Training am chinesischen Himmel dagegen verstoßen?

Marc G. und seine Kollegen verteidigen ihre Tätigkeit in China nicht nur mit dem Schreiben des Ministeriums, sie nutzen auch eine Gesetzeslücke in Deutschland aus. Bis jetzt gibt es kein Gesetz, das die Tätigkeit ehemaliger Soldaten für eine fremde Macht unter Strafe stellt, selbst wenn dabei die Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik berührt sind. Das ändert sich erst jetzt.

Im Herbst hat die Bundesregierung den Entwurf eines „Gesetzes über die Strafbarkeit der Ausübung von Tätigkeiten für eine fremde Macht“ verabschiedet. Nachdem der Bundesrat bereits zugestimmt hat, fehlt nur noch die Billigung des Bundestags.

Marc G. sieht sich und seine Kollegen daher im Recht. Er stellt sich als loyalen und gesetzestreuen Bürger Deutschlands dar, der nichts Verbotenes tue. Den vollen Namen und sein Bild will er dennoch nicht in der Zeitung sehen. Das hat er der NZZ ausdrücklich untersagt.

Ehemalige Kameraden von ihm sagen, die mutmaßliche Legalität der Tätigkeit in China sei das eine. Das andere sei die moralische Komponente. Als ehemaliger deutscher Pilot chinesische Kampfpiloten zu trainieren, finden sie nicht nur „ehrlos“. Sie halten es für „Vaterlandsverrat“.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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