Analyse zur Kaufkraft  Niedrige Löhne im Landkreis Aurich – trotz Wirtschaftswachstum

Andreas Ellinger
|
Von Andreas Ellinger
| 09.12.2024 18:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Kaufkraft ist besser als der Anschein: Stellt man das regionale Einkommen ins Verhältnis zum regionalen Preis-Niveau gewinnen die Einwohner des Landkreises Aurich 1180 Euro im Jahr (2022) dazu. Dieses „Realeinkommen“ ist eine mathematische Größe zur Bewertung der Kaufkraft. Symbolfoto: Monika Skolimowska/dpa
Die Kaufkraft ist besser als der Anschein: Stellt man das regionale Einkommen ins Verhältnis zum regionalen Preis-Niveau gewinnen die Einwohner des Landkreises Aurich 1180 Euro im Jahr (2022) dazu. Dieses „Realeinkommen“ ist eine mathematische Größe zur Bewertung der Kaufkraft. Symbolfoto: Monika Skolimowska/dpa
Artikel teilen:

Nirgends in Ostfriesland ist das Preis-Niveau höher und die Wertschöpfung je Einwohner geringer als im Kreis Aurich. Das geht aus amtlichen Statistiken hervor. Die Löhne sind unterdurchschnittlich.

Landkreis Aurich/Ostfriesland/Deutschland - Der Landkreis Aurich ist der einwohnerstärkste und der flächenmäßig größte in Ostfriesland. Fast vier Mal soviele Leute wie in Emden leben dort: 192.072. Diesen Stand haben die behördlichen Statistiker zum 31. Dezember 2022 registriert.

Der Landkreis Aurich ist die größte und einwohnerstärkste Gebietskörperschaft in Ostfriesland: Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder
Der Landkreis Aurich ist die größte und einwohnerstärkste Gebietskörperschaft in Ostfriesland: Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder

Um eben dieses Jahr 2022 geht es im Folgenden – um Bruttolöhne, Arbeitnehmer-Löhne, Einwohner-Einkommen, Wertschöpfung und Preis-Niveau. Denn bis die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder die „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ mit Daten für alle 400 Landkreise und Kreisfreien Städte veröffentlichen können, bedarf es einiger Zeit. Die Gesamtrechnung 2022 ist – Anfang Dezember 2024 – die aktuellste.

Wirtschaftswachstum in Ostfriesland – das Bruttoinlandsprodukt steigt

Als Quell für Wohlstand gilt im Kapitalismus das Wirtschaftswachstum. Um das zu messen, wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) berechnet – als Maßstab für Wertschöpfung. Beim BIP handelt es sich um „die in Werten ausgedrückte Summe der in einer Volkswirtschaft produzierten ökonomischen Güter (Waren und Dienstleistungen)“, erklärt das Bundeswirtschaftsministerium.

Der Landkreis Aurich erzielte im Jahr 2022 ein Bruttoinlandsprodukt von knapp sechs Milliarden Euro: 5.935.000.000. Das ist mehr als das BIP im Landkreis Leer (5,8 Milliarden), dem Landkreis Wittmund (1,8 Milliarden) und der Stadt Emden mit ihrem VW-Werk (3,58 Milliarden). Bei der Steigerung des BIP von 2021 zu 2022 liegt Aurich mit 10,5 Prozent weit über dem Deutschland-Wert von 7,2 Prozent, aber unter den Steigerungen der Kreise Leer und Wittmund (beide 13,4 Prozent). Es handelt sich um das BIP „in den jeweiligen Preisen“ – die Werte sind also nicht um Preissteigerungen bereinigt. Zum Vergleich: Bundesweit lag das preisbereinigte BIP im Jahr 2022 bei 1,9 Prozent.

Trotz Steigerungen – die Wertschöpfung im Kreis Aurich ist bescheiden

Die hohen Steigerungen des BIP in den ostfriesischen Landkreisen resultieren zum Teil aus dem niedrigen Ausgangsniveau. Die Stadt Emden, wo ein VW-Werk steht, kommt nur auf einen Anstieg von 6,5 Prozent. Das bedeutet für den Kreis Aurich: Die Richtung stimmt.

Die Wertschöpfung wird in Form des Bruttoinlandsprodukts angegeben, mit dem das Wirtschaftswachstum beurteilt wird. Trotz des Wirtschaftswachstums im Kreis Aurich bewegt sich die Wertschöpfung dort noch auf niedrigem Niveau. Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder
Die Wertschöpfung wird in Form des Bruttoinlandsprodukts angegeben, mit dem das Wirtschaftswachstum beurteilt wird. Trotz des Wirtschaftswachstums im Kreis Aurich bewegt sich die Wertschöpfung dort noch auf niedrigem Niveau. Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder

Wie niedrig die Wertschöpfung im größten ostfriesischen Landkreis ist, wird jedoch bei der Betrachtung des BIP je Einwohner und je Erwerbstätigem beziehungsweise je Arbeitsstunde sichtbar. Da liegt Aurich um bis zu 32,9 Prozent unter dem Bundeswert. Aurich kommt auf ein BIP je Einwohner von 31.031 Euro. Die unter den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland bestplatzierte Stadt Wolfsburg kommt fast auf das Fünffache: 149.443. Euro. Das BIP pro Erwerbstätigem beträgt im Kreis Aurich 68.903 Euro im Jahr, das reicht im Deutschland-Ranking nur auf Platz 346 von 400.

Auricher Kreisbürger können anderswo mehr Geld verdienen

Dass sich eine niedrige Wertschöpfung auf die Löhne niederschlägt, ist naheliegend – wobei im Bruttoinlandsprodukt neben den Arbeitnehmer-Einkommen unter anderem die Selbstständigen-Einkünfte, Unternehmensgewinne und Abschreibungen enthalten sind. Abschreibungen für Maschinen, die ebenfalls zur Wertschöpfung beitragen und das in der Industrie – abhängig vom Automatisierungsgrad – durchaus in erheblichem Maße.

Das Medianentgelt liegt im Kreis Aurich 467 Euro unter dem Bundesschnitt. Pro Monat. Zum Emder Medianentgelt fehlen sogar 634 Euro, zum Ingolstädter Medianentgelt 2103 Euro. Alles pro Monat. Das Medianentgelt wird von der Bundesarbeitsagentur berechnet. Es beinhaltet die Einkünfte der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten vor Abzug von Steuern und Sozialbeiträgen – die Löhne von Auszubildenden sind nicht enthalten.

Die Arbeitnehmer-Einkommen im Landkreis Aurich lagen im Jahr 2022 weit unter dem Bundesschnitt. Quelle: Bundesarbeitsagentur und Statistik-Ämter des Bundes und der Länder
Die Arbeitnehmer-Einkommen im Landkreis Aurich lagen im Jahr 2022 weit unter dem Bundesschnitt. Quelle: Bundesarbeitsagentur und Statistik-Ämter des Bundes und der Länder

In Emden verdienen Arbeitnehmer 10.000 Euro mehr als im Kreis Aurich

In der Berechnung der durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter der Statistik-Ämter sind die Auszubildenden-Einkommen hingegen enthalten. Pro Arbeitnehmer gerechnet, ist der Kreis Aurich diesbezüglich noch weiter unter dem Bundesschnitt als beim Medianentgelt: Während ein Arbeitnehmer hier einen Euro verdient, erhalten Arbeitnehmer im Bundesschnitt 1,24 Euro. Die 30.151 Euro im Jahr (2022) liegen 10.000 Euro unter dem Emder Bruttolohn/-gehalt und sind nicht einmal die Hälfte des Jahresarbeitnehmereinkommens in Wolfsburg (64.569 Euro).

Insofern mag es überraschend erscheinen, dass das „Verfügbare Einkommen“ je Einwohner im Kreis Aurich nur knapp 8 Prozent unter dem Bundesschnitt liegt. Das ist ein Hinweis darauf, dass etliche Arbeitnehmer, die im Landkreis Aurich wohnen, nicht dort arbeiten. Sondern dort, wo höhere Löhne gezahlt werden – zum Beispiel im benachbarten Emden. Denn beim „Verfügbaren Einkommen“ gilt, da bezogen auf die Einwohner, das Wohnortprinzip. Beim Bruttolohn greift hingegen das Arbeitsort-Prinzip, da nach dem „Inlandskonzept“ errechnet.

Das „Verfügbare Einkommen“ je Einwohner im Landkreis Aurich liegt zwar unter dem Bundesschnitt, aber viel näher dran als das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (Messgröße für die Wertschöpfung). Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder
Das „Verfügbare Einkommen“ je Einwohner im Landkreis Aurich liegt zwar unter dem Bundesschnitt, aber viel näher dran als das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (Messgröße für die Wertschöpfung). Quelle: Statistik-Ämter des Bundes und der Länder

Zwei Institute berechnen die regionalen Preis-Niveaus

Das „Verfügbare Einkommen“ ist ein Wert aus der „Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ der Statistik-Ämter. Es gibt an, wie viel einem Einwohner durchschnittlich für Ausgaben oder zum Sparen zur Verfügung stehen. Wieviel er sich davon kaufen kann, hängt vom örtlichen Preis-Niveau ab.

Um festzustellen, ob das hoch oder niedrig ist, haben das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) einen Regionalen Preisindex ermittelt. Bei ihren Preisdaten-Erhebungen haben sie sich am „Warenkorb“ orientiert, den das Statistische Bundesamt zur Berechnung der Inflationsrate nutzt. In diesem Warenkorb sind laut der Statistikbehörde sämtliche von privaten Haushalten in Deutschland gekaufte Waren und Dienstleistungen repräsentiert.

Das Preis-Niveau im Kreis Aurich ist das höchste in Ostfriesland

Mehr als 85 Prozent dieses Warenkorbs haben BBSR und IW nach eigenen Angaben bei der Preisindex-Ermittlung abgedeckt. Das bedeutet laut IW: „Preise für Waren und Dienstleistungen, die insgesamt 85 Prozent der Lebenshaltungskosten ausmachen, können mit dem Index von IW und BBSR erhoben werden.“

Um die Kaufkraft regional vergleichen zu können, haben das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) einen Regionalen Preis-Index ermittelt. Quelle: BBSR/IW
Um die Kaufkraft regional vergleichen zu können, haben das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) einen Regionalen Preis-Index ermittelt. Quelle: BBSR/IW

Das Preis-Niveau im Landkreis Aurich liegt demnach etwas höher als im übrigen Ostfriesland, aber 4,7 Prozent unter dem Bundesschnitt. Insbesondere die Wohnkosten sind niedrig – im bundesweiten Vergleich, nicht im regionalen Vergleich. In den Kreisen Leer und Wittmund sowie der Stadt Emden lässt es sich – im Mittel – günstiger wohnen.

Preisbereinigung – das Realeinkommen je Einwohner im Landkreis Aurich

Um festzustellen, wie viel mit dem Geld regional gekauft werden kann, muss das „Verfügbare Einkommen“ preisbereinigt werden. Als mathematische Größe entsteht das „Realeinkommen“, mit dem die Kaufkraft verglichen wird. Der Kaufkraft-Gewinn durch das unterdurchschnittliche Preis-Niveau beträgt im Kreis Aurich durchschnittlich 1180 Euro pro Einwohner und Jahr (2022).

Stellt man das "Verfügbare Einkommen" je Einwohner ins Verhältnis zum Regionalen Preis-Index, dann erhält man – durch die Preisbereinigung – die das "Realeinkommen" als mathematische Größe. Quelle: BBSR/IW und Statistik-Ämter des Bundes und der Länder
Stellt man das "Verfügbare Einkommen" je Einwohner ins Verhältnis zum Regionalen Preis-Index, dann erhält man – durch die Preisbereinigung – die das "Realeinkommen" als mathematische Größe. Quelle: BBSR/IW und Statistik-Ämter des Bundes und der Länder

Was die Preisbereinigung der Einkommen bewirken kann, zeigen die Extreme: Der bayerische Landkreis Wunsiedel legt dadurch rechnerisch um 2869 Euro zu und liegt dann bei 31.027 Euro je Einwohner. Die für ihre hohen Mieten bekannte bayerische Landeshauptstadt München verliert 7114 Euro, so dass die Einwohner nur über ein Realeinkommen von 28.353 Euro verfügen. Damit liegen die Münchener immer noch mehr als 3000 Euro besser als die Kreis-Auricher.

Das Realeinkommen je Einwohner ist im Kreis Aurich (24.974 Euro) höher als im Kreis Leer (24.155 Euro) und deutlich höher als in Emden (21.964 Euro). Im Kreis Wittmund liegt es darüber – bei 26.855 Euro.

Ähnliche Artikel