Hannover Weniger Klausuren, mehr Podcasts: Was sich für niedersächsische Abiturienten ändern soll
Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg will die gymnasiale Oberstufe reformieren. Geplant sind mehr Wahlfreiheiten, weniger Klausurenstress und neue Prüfungsformate. Was sich ändert und wie die Reform ankommt.
Niedersachsen will sein Abitur zeitgemäß aufstellen. In der Oberstufe soll es unter anderem um eine stärkere individuelle Profilbildung der Schüler bei der Fächerwahl gehen, kündigte Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) am Donnerstag in Hannover an. Sie sprach von einem großen Schritt hin zu einer bundesweiten Vergleichbarkeit des Abiturs. Anlass für die Überarbeitung der Landesvorgaben für die gymnasiale Oberstufe und die Abiturprüfungen war eine Vereinbarung der Kultusministerkonferenz (KMK) im März 2023. Außerdem werd einer Forderung des Bundesverfassungsgerichts Rechnung getragen, das seit 2017 eine verbesserte Vergleichbarkeit der Abiturnoten fordert.
Der Standard des niedersächsischen Abiturs und die Studierfähigkeit sollen erhalten bleiben, sagte Hamburg. Um den Schülern eine individuelle Profilbildung zu ermöglichen, sollen die bisher vorgegebenen Schwerpunkte mit ihren starren Fachkombinationen aufgehoben werden. Das ermöglicht eine größere Wahlfreiheit, heißt es.
In Niedersachsen bleibe es bei fünf Prüfungsfächern. Damit gebe es weiterhin die Möglichkeit, sich in zwei Naturwissenschaften oder zwei Fremdsprachen prüfen zu lassen. Auch in Zukunft sollen die Prüfungen in den drei Leistungskursen (P1 bis P3) schriftlich abgelegt werden. Ändern soll sich, dass in den beiden Prüfungsfächern auf grundlegendem Anforderungsniveau (P4 und P5) das Abitur in Form einer mündlichen Prüfung abgelegt wird. Damit werde ein stärkerer Fokus auf Kommunikation und Interaktion gelegt. Hamburg zufolge können die Prüflinge somit angemessener auf die veränderten Anforderungen im Studium und Beruf vorbereitet werden.
Schon seit 2023 werden in allen Bundesländern 50 Prozent aller schriftlichen Abituraufgaben in den Kernfächern (Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache) aus dem gemeinsamen, länderübergreifenden Aufgabenpool entnommen. Ab 2025 wird die Regelung auf die Naturwissenschaften ausgeweitet.
Niedersachsen führt ein neues Prüfungsformat ein: den „kombinierten Leistungsnachweis“. Ziel sei es, produktive und reflexive Teile zu kombinieren. Als mögliche Elemente nannte Hamburg Podcasts, Ausstellungskonzeptionen oder Podiumsdiskussionen. Der Nachweis soll im 1. Halbjahr des Jahrgangs 13 erbracht werden. Die Facharbeit entfällt künftig. Sie wirke vor dem Hintergrund von Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz (KI) etwas „antiquiert“, meinte die Ministerin. Allerdings gebe es in Grundkursen weiterhin Möglichkeiten, bestimmte Arbeitsweisen und Themen zu vertiefen. Denkbar wären Angebote wie Astrophysik oder Biochemie.
Zwar gibt es in der „Qualifikationsphase“ – also den Jahrgängen 12 und 13 – in den Prüfungskursen und in den Kernfächern weiterhin eine Klausur pro Halbjahr. Damit sich die angehenden Abiturienten konzentriert auf die Prüfungen vorbereiten können, soll das vierte Schulhalbjahr weitgehend freigehalten werden von Klausuren. Eine weitere Klausur können die Schulen in Eigenregie ansetzen.
Von einem „Schritt nach vorn“ sprach Christoph Rabbow, Vorsitzender des Philologenverbands, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt. „Mit diesen Reformen wird ein Abitur geschaffen, das den Anforderungen der Zukunft gerecht wird und den individuellen Bedürfnissen der Schüler Rechnung trägt“, sagte Matteo Feind, Vorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen.
Die Reform soll zum Schuljahr 2027/2028 in Kraft treten. Für die beruflichen Gymnasien soll es aufgrund besonderer Anforderungen eine eigene Oberstufenverordnung geben, die derzeit erarbeitet werde.