Analyse zum Lohn-Preis-Gefüge Einkäufe im Kreis Leer – so billig wie sonst nirgends in Deutschland
Waren des täglichen Bedarfs gibt’s in keinem Landkreis günstiger als in Leer. Das haben Statistiker errechnet. Aber dafür können sich die Einheimischen sprichwörtlich nicht viel kaufen. Warum?
Landkreis Leer/Ostfriesland/Deutschland - Treffen sich ein Bürger aus dem Landkreis Leer und ein Emsländer. Sagt der Emsländer: „Du verdienst aber wenig.“ Erwidert der Leeraner: „Dafür kann ich so billig wie sonst nirgendwo in Deutschland kaufen, was ich im Alltag brauche.“ Beide haben recht. Das ist kein Witz. Sondern Statistik.
Die Daten stammen aus dem Jahr 2022. Eine aktuellere „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ für die 400 Landkreise und Kreisfreien Städte in Deutschland haben die Statistik-Ämter des Bundes und der Länder noch nicht veröffentlicht. Daraus gehen die mittleren Löhne und Einkommen hervor.
Die Einkommen im Kreis Leer im Vergleich zum deutschen Durchschnitt
Das „Verfügbare Einkommen“ im Landkreis Leer betrug demnach 22.770 Euro je Einwohner – also das Einkommen, das ein Einwohner ausgeben oder sparen kann. Es liegt knapp 12 Prozent unter dem Bundesschnitt. Gleichzeitig beläuft sich das von der Bundesarbeitsagentur berechnete Medianentgelt, also das mittlere Monatseinkommen der sozialversicherungspflicht Vollzeitbeschäftigten, auf 3134 Euro. Der Landkreis-Wert ist 14,1 Prozent niedriger als das bundesdeutsche Medianentgelt.
Noch größer fällt der Unterschied bei den Bruttolöhnen und -gehältern aus. Sind von den Statistik-Ämtern errechnet, genauso wie das „Verfügbare Einkommen“. Je Arbeitsstunde liegt das Lohn- und Gehaltsniveau im Kreis Leer mehr als 20 Prozent unter dem Bundesschnitt, je Arbeitnehmer sogar um 24 Prozent.
Woraus resultieren die unterschiedlichen Abstände zum Bundesschnitt?
Die unterschiedlichen Abstände zum deutschen Durchschnitt klingen widersprüchlich, sind es aber nicht. Für das Medianentgelt sind Vollzeitbeschäftigte die Grundlage – Auszubildende sind beispielsweise nicht enthalten, wie die Bundesarbeitsagentur erläutert. Bei den Bruttolöhnen und -gehältern fließen laut Statistischem Bundesamt alle Arbeitsstunden von Arbeitern, Angestellten, Beamten und Auszubildenden in die Rechnung ein. Für Medianentgelt und Bruttolohn gilt gleichermaßen, dass Steuern und Sozialversicherungsbeiträge noch nicht abgezogen sind.
Und beim Verfügbaren Einkommen sind nicht mehr Arbeitnehmer die Bezugsgröße, sondern die Einwohner. Dass der Kreis Leer im Bundesvergleich beim Einwohner-Einkommen verhältnismäßig besser abschneidet als bei den Arbeitseinkommen deutet darauf hin, dass etliche Leeraner Kreisbürger zum Arbeiten beispielsweise ins Emsland oder in die Stadt Emden fahren, wo sie tendenziell besser bezahlt werden.
Arbeitnehmer verdienen in Leer nicht mal halb soviel wie in Wolfsburg
Die Statistik-Ämter ermitteln ihre Arbeitsentgelte nach dem sogenannten „Inlandskonzept“. Das heißt, dass Löhne dort registriert werden, wo sie erarbeitet werden – also am Arbeitsort. Das einwohnerbezogene „Verfügbare Einkommen“ wird derweil dort berechnet, wo die Einkommen hinfließen – also auf den Wohnort bezogen. Egal, ob arbeitsplatz- oder wohnortorientiert – der Landkreis Leer steht in den Entgelt-Tabellen ziemlich weit unten.
Im Deutschland-Ranking der regionalen Median-Entgelte hat der Primus, der Audi-Hauptstandort Ingolstadt in Bayern, 68,5 Prozent mehr als der Kreis Leer vorzuweisen. Das höchste Niveau in der Bruttolohn-Betrachtung der Statistik-Ämter erreicht die niedersächsische Stadt Wolfsburg, die VW-Hauptstadt: 64.569 Euro waren es im Jahr 2022 pro Arbeitnehmer. Arbeitnehmer im Landkreis Leer kamen nicht einmal auf die Hälfte: 30.213 Euro.
Der Landkreis Leer im Einkommens-Vergleich mit ähnlich ländlichen Kreisen
Der Vergleich eines ostfriesischen Kreises mit Städten wie Wolfsburg und Ingolstadt hinkt sprichwörtlich. Der Autor dieser Analyse hat deshalb Landkreise in Deutschland gesucht, die ähnlich ländlich strukturiert sind – also ähnlich viele Einwohner haben, flächenmäßig ähnlich groß sind und ähnlich dicht besiedelt sind. Zur Auswahl gehören die Kreise Waldshut (Baden-Württemberg), Herzogtum Lauenburg (Schleswig-Holstein), Würzburg und Günzburg (Bayern), Stade (Niedersachsen) sowie der Kreis Ahrweiler und Rhein-Lahn-Kreis (Rheinland-Pfalz).
Das Ergebnis des Einkommens-Vergleichs unter diesen acht Landkreisen: Leer liegt beim Medianentgelt, beim Bruttolohn je Arbeitnehmer, beim Bruttolohn je Arbeitsstunde und beim Verfügbaren Einkommen je Einwohner auf dem achten und damit letzten Platz.
Die Wertschöpfung im Kreis Leer als Ursache für niedrige Löhne
Eine mögliche Erklärung für das niedrige Einkommens-Niveau im Kreis Leer ist die ebenfalls niedrige Wertschöpfung. Was alle zusammen an Werten erwirtschaften, wird in Form des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemessen beziehungsweise zusammengerechnet. Während das Verfügbare Einkommen pro Einwohner im Landkreis Leer 11,8 Prozent unter dem Bundesschnitt liegt, ist das BIP pro Einwohner 27,7 Prozent darunter. Beim BIP je erwerbstätiger Person und pro Arbeitsstunde der Erwerbstätigen sieht es besser aus – da liegt der Kreis Leer nur 5,7 beziehungsweise 3,1 Prozent unter dem Deutschland-Wert.
Auch das ist ein Hinweis darauf, dass relativ viele Kreis-Leeraner außerhalb ihres Heimatkreises berufstätig sind. Die Wertschöpfung wird nämlich am Arbeitsort ermittelt. Falls also an einem Arbeitsort mit relativ wenigen Erwerbstätigen das BIP auf relativ viele Einwohner umgerechnet wird, kommt ein besonders niedriger Einwohner-Wert zustande – pro Erwebstätigem gerechnet, sieht es besser aus.
Die Wirtschaftsstruktur im Kreis Leer als Ursache für niedrige Löhne
Ein weitere Ursache für das niedrige Einkommens-Niveau könnte die Wirtschaftsstruktur im Kreis Leer sein. Aus der Entgelt-Statistik der Bundesagentur für Arbeit geht hervor, dass es im Kreis Leer relativ wenige Beschäftigte in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie sowie im verarbeitenden Gewerbe gibt. Beides sind Wirtschaftszweige, in denen tendenziell viele Menschen arbeiten und das zu tendenziell hohen Löhnen. Das belegen die bundesweiten Medianentgelte.
Umgekehrt arbeiten im Kreis Leer überdurchschnittlich viele Leute auf dem Bau. Das ist eine Branche, die unterdurchschnittlich hohe Löhne aufweist. Zudem fällt auf, dass die Medianentgelte im Kreis Leer auch branchenorientiert betrachtet niedrig sind. Sowohl im Bau-Bereich als auch in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie und im verarbeitenden Gewerbe liegen die mittleren Kreis-Einkommen unter den bundesweiten Medianentgelten. Den Industriewert in Deutschland unterbietet der ostfriesische Kreis um mehr als 1000 Euro pro Monat.
Niedriglohn-Region Leer führt das deutsche Billigpreis-Ranking an
Zumindest in einem Deutschland-Ranking belegt der Landkreis Leer jedoch den ersten Platz. Der Regionale Preisindex ist hier – wenn man die Wohnkosten herausrechnet – so niedrig wie sonst nirgends in Deutschland. Der Leeraner Kreis-Wert liegt allerdings nur 1,7 Prozent unter dem Bundeswert. Am teuersten ist das Einkaufen demnach in der Stadt Stuttgart: Sie liegt 4,2 Prozent über dem Bundesschnitt.
Berechnet haben den Regionalen Preisindex für das Jahr 2022 das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Basierend auf dem „Warenkorb“ des Statistischen Bundesamtes zur Berechnung der Inflationsrate haben sie Preisdaten erhoben – und nach eigener Darstellung 85 Prozent des Warenkorbs abgedeckt. In diesem „Warenkorb“ seien „sämtliche von privaten Haushalten in Deutschland gekaufte Waren und Dienstleistungen repräsentiert“, erklärt das Statistische Bundesamt.
Das Wohnen im Landkreis Leer ist besonders günstig
Die Wohnkosten im Landkreis Leer liegen demnach sogar 15,6 Prozent unter dem Bundesschnitt. Rechnet man sie in den Gesamtindex hinein, ist das Preis-Niveau im Kreis Leer um 5,7 Prozent unter dem Deutschland-Wert. Im sächsischen Vogtlandkreis sind die Preise – wiederum gemittelt – sogar 9,5 Prozent niedriger.
Das heißt, Leute mit einem etwas geringeren Arbeitseinkommen können mehr Kaufkraft haben als Leute mit einem höheren Lohn oder Gehalt – sofern die örtlichen Preise entsprechend tiefer liegen. Um die Kaufkraft zu berechnen, müssen die „Verfügbaren Einkommen“ je Einwohner preisbereinigt werden.
Preisbereinigte Einkommen – soviel Kaufkraft haben die Kreis-Leeraner
Bei dieser Preisbereinigung gewinnen die Einwohner im Landkreis Leer 1385 Euro im Jahr 2022 dazu. Das heißt, ihr Kaufkraft-Gewinn aufgrund des niedirgen Preis-Niveaus liegt bei 1385 Euro. Damit liegen sie, mathematisch betrachtet, bei einem Realeinkommen von 24.155 Euro. Dadurch verbessert sich der Kreis Leer im Deutschland-Ranking von Platz 357 auf Platz 330 – von 400.
Dieser Rang markiert die Kaufkraft, die folglich trotz des niedrigen Preis-Niveaus vergleichsweise gering bleibt. Der erstplatzierte Landkreis Starnberg kommt auf ein preisbereinigtes Jahreseinkommen 2022 von 35.185 Euro. Das sind rund 11.000 Euro mehr als im Kreis Leer. Es geht aber auch bis zu 5000 Euro schlechter: Die letztplatzierten Offenbacher kamen anno 2022 auf ein gemitteltes Einkommen von nur 19.058 Euro.
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