Osnabrück Kunst gegen Extremisten: Warum die Neue Sachlichkeit wieder da ist
Wie sah sie aus, die Kunst der Krisenzeit vor 100 Jahren? In Mannheim und Chemnitz wird an die Neue Sachlichkeit erinnert. Zwei Kuratorinnen erklären, warum uns deren Bilder heute wieder sehr viel zu sagen haben.
Was kommt da auf uns zu? Der Mann mit dem steifen Hut hebt die Augenbrauen über seinem sorgenvollen Blick. Er steht vor einer Wand mit abgerissenen Reklameplakaten, die wie eine Versammlung verblichener Versprechen aussehen. Der Mann sieht gepflegt, ja, arriviert aus. Trotzdem scheint er zu fürchten, dass sein ganzes geordnetes Leben von einem Tag auf den anderen ins Rutschen kommen könnte.
Der Künstler Georg Scholz präsentiert sich auf seinem „Selbstbildnis vor der Litfaßsäule“ 1926 als Seher einer unguten Zukunft. Für sein Bild stellt er sich in eine Welt der Werbung und des Automobils. Die Nobelkarosse steht hinter spiegelnder Schaufensterscheibe. Fortschrittlich ist diese Welt, und doch von einer leisen Spannung erfüllt.
„Diese Zeit ist von Krisenerfahrungen und sozialen Umbrüchen geprägt“, erklärt Inge Herold, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle Mannheim. Sie blickt auf eine Ausstellung, mit der ihr Museum vor einhundert Jahren Kunstgeschichte schrieb. Neue Sachlichkeit: Unter diesem Titel versammelte Gustav Friedrich Hartlaub 1925 rund 140 Bilder von 32 Künstlern – und markierte die visuelle Signatur einer ganzen Ära.
„Der Begriff besitzt noch immer Gültigkeit“, versichert Inge Herold. Ihr Vorgänger Hartlaub präsentierte Maler, die heute noch große Namen sind, etwa Max Beckmann, Otto Dix und George Grosz. Frauen fehlten allerdings komplett. Sie seien für Hartlaub erst später in den Fokus gerückt, sagt Inge Herold, die den einseitigen Geschlechterproporz korrigiert. Lotte Laserstein (1898-1993) und Jeanne Mammen (1890-1976), zwei heute viel beachtete Malerinnen, stehen nun in Mannheim unter anderen im Fokus.
Doch für die Künstlerinnen jener Stilrichtung zählt, was auch das Werk ihrer männlichen Kollegen prägt: eine aufgeräumte Bildsprache von unterkühlter Klarheit. Ihre Kunst soll in eine Zeit passen, in der romantischer Gefühlsüberschwang und expressives Menschheitspathos deplatziert wirken. Die Neue Sachlichkeit gibt sich cool und desillusioniert. Ihre Kunst wirkt klar, aber auch kalt.
Inge Herold erklärt, dass auch diese Stilrichtung ihre Lagerbildung hatte. Auf der einen Seite die Sozialkritiker wie Dix und Grosz, die soziale Konflikte und politische Kämpfe in ihre Bilder bringen, auf der anderen Seite Neoklassizisten wie Alexander Kanoldt und Rudolf Schlichter, die in ihren Stillleben die stille Magie der Dinge feiern. Die Neue Sachlichkeit konnte kämpferisch sein – oder Wege in die Weltflucht weisen.
„Es ging nicht darum, die historische Ausstellung zu rekonstruieren“, beschreibt Inge Herold ihr Projekt. Das wäre offenbar auch kaum möglich. Nach den Worten der Kuratorin gibt es keine Fotografien, die belegen, wie die Mannheimer Epochenschau 1925 ausgesehen hat. Zudem sind viele der damals beteiligten Künstler heute „kaum mehr recherchierbar“, wie Herold erläutert.
Nach ihren Angaben sind heute nur 122 der damals 132 ausgestellten Bilder identifiziert. „Mindestens sieben Bilder sind nachweislich zerstört, andere nicht mehr auffindbar“, verweist Herold darauf, dass die Nationalsozialisten auch Künstler der Neuen Sachlichkeit verfolgten, ihre Bilder einzogen oder gar zerstörten. Ein besonders deutliches Beispiel dafür liefert der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum. Der 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordete Maler ist jetzt in der Kunsthalle Mannheim mit seinem „Selbstbildnis an der Staffelei“ von 1943 präsent.
Die Kunst und die Zeitgeschichte: Für Anja Richter ergeben sich gerade im Hinblick auf die Neue Sachlichkeit deutliche Parallelen zur Gegenwart. „Die Demokratie ist unter Druck, extreme Kräfte gewinnen an Boden“, beschreibt die Direktorin des Chemnitzer Museums Gunzenhauser jene Situation, die sie für vergleichbar hält.
Richter verweist nicht nur auf die Tatsache, dass Hartlaubs Schau zur Neuen Sachlichkeit bei ihrer Tour durch andere Museen auch in Chemnitz Station machte. Sie bietet 2025 auch ihr eigenes Projekt zu dieser Kunstrichtung an. Wenn Chemnitz sich als Europas Kulturhauptstadt 2025 darstellen darf, zieht Richter den Radius der Neuen Sachlichkeit weiter auf als jemals zuvor.
„European Realities“: Unter diesem Titel präsentiert sie ab dem 26. April 2025 Werke der Neuen Sachlichkeit aus ganz Europa. Sie wolle den Bogen weit schlagen, vom Baltikum bis in den Westen. Richters Blick gilt dabei vor allem dem Osten Europas. Neue Sachlichkeit, das ist für Richter der Begriff einer Kunst, die auf eine Krisenzeit antwortet.
So unterschiedlich die Ausstellungsprojekte in Mannheim und Chemnitz auch sein mögen – wie ihre Kollegin Inge Herold will auch Anja Richter die Künstlerinnen der Zeit stärker ins Blickfeld rücken. Die moderne, selbstbewusste Frau spielt sich in der Neuen Sachlichkeit in den Vordergrund, mal als Künstlerin mit eigener Handschrift, mal als Bildmotiv von Künstlern, die emanzipierte Frauen malen, mit Kurzhaarfrisur und Zigarette.
„Autoritäre Kräfte nehmen heute in Europa wieder zu“, sagt Anja Richter. Sie nimmt die Neue Sachlichkeit als Ermutigung für das Heute. „Spannend, wie modern die Welt vor 100 Jahren schon gewesen ist“, sagt sie. Neue Sachlichkeit als Kunstsprache gegen alle autoritären Kräfte? Das hat viel für sich.
Mannheim, Kunsthalle: Die Neue Sachlichkeit. Ein Jahrhundertjubiläum. Bis 9. März 2025. Di., Do.-So., 10-18 Uhr, Mi., 10-20 Uhr.
Chemnitz, Museum Gunzenhauser: European Realities. Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa. 26. April bis 10. August 2025.