Heide Warum der Batteriehersteller Northvolt in der Krise steckt
Der Bau der Northvolt-Fabrik in Schleswig-Holstein wird für die öffentliche Hand zunehmend zum Risiko, nicht nur wegen einer teuren Wandelanleihe, sondern auch wegen der Krise des Unternehmens. Eine Analyse.
Vor etwas mehr als acht Monaten, als Northvolt offiziell mit dem Bau der Fabrik nahe Heide in Schleswig-Holstein begann, war die Euphorie groß. Es war zugleich der Startschuss in eine neue Ära – der Mobilität in Europa und der grünen Industrie in Schleswig-Holstein. So lautete zumindest das Versprechen.
Denn: Ab 2026 sollten bis zu eine Millionen Batterien für E-Autos jährlich in Dithmarschen vom Band laufen.
Northvolt war ein Zukunftsversprechen, das zahlreiche Anleger-Milliarden einsammeln konnte und schon als möglicher Börsen-Neuling gehandelt wurde. „Was wir hier machen, ist sehr anspruchsvoll: Das ist fast wie die Arbeit in der Formel 1 am laufenden Motor”, sagte Firmengründer Peter Carlsson damals in Heide über die ambitionierten Pläne.
Doch schon zwei Monate später folgte eine erste Hiobsbotschaft für das Unternehmen. Autobauer BMW stornierte einen Auftrag über zwei Milliarden Euro. Dazu kamen ein schwieriger E-Auto-Markt, ein kriselnder Volkswagen-Konzern als größter Anteilseigner und Probleme beim Hochfahren der Produktion im Werk im schwedischen Skellefteå.
Es wurde deutlich, dass die Expansionspläne viel zu ambitioniert und mit zu vielen Risiken behaftet waren. Die Folge: Northvolt ging das Geld aus und Verhandlungen mit den alten und möglichen neuen Geldgebern waren wenig erfolgreich.
Am Ende fehlten dem Unternehmen Milliarden, die Muttergesellschaft leitete ein Sanierungsverfahren in den USA nach dem sogenannten Chapter 11 ein, eine Art US-amerikanisches Insolvenzverfahren. Kurz darauf zog sich Firmengründer Carlsson von der Unternehmensspitze zurück. Er stieg mitten im Formel-1-Rennen aus.
Immerhin: Das Unternehmen kann seine Geschäftstätigkeiten erst einmal fortsetzen, ist geschützt vor den Forderungen seiner Gläubiger – auch aus Deutschland – und hat Zeit, sich frisches Geld zu beschaffen.
Bislang wurden zusätzliche 150 Millionen von Risikokapitalgebern eingesammelt und 100 Millionen vom schwedischen Lkw-Hersteller Scania, der alle seine Batterien über Northvolt bezieht. Doch das ist noch lange nicht genug, denn nicht nur der Bau der Fabrik nahe Heide ist teuer.
Batteriehersteller Northvolt, der inzwischen seinen deutschen Geschäftssitz von Hamburg in das kleine Dithmarscher Dorf Norderwöhrden verlegt hat, rechnet allein für das Werk in Heide mit Baukosten von 4,5 Milliarden Euro. Bund und Land unterstützen das Industrieprojekt mit Fördermitteln und einer Wandelanleihe der KfW-Bank.
Diese rund 600 Millionen Euro, die Northvolt von der staatlichen Förderbank KfW erhalten hat und für die Bund und Land je zur Hälfte bürgen, sind ein großes Problem für die öffentliche Hand. Denn der Bund wird der KfW das Risiko des Kredits abnehmen und den Wert der Anleihe zuzüglich Nebenkosten noch im Dezember erstatten, die Hälfte übernimmt Schleswig-Holstein und muss diese im schlimmsten Fall abschreiben. Das nördlichste Bundesland würde zum Opfer der eigenen Ambitionen – und zwar zweifach.
Denn neben den 300 Millionen Euro, die die ohnehin schon schwierige Haushaltslage des Landes weiter verschlechtern würden, wäre auch eine große Zukunftschance dahin. Eine, um die man vor ein paar Monaten noch hart gegen andere Regionen der Welt im Wettbewerb stand – schließlich ging es um viel Geld.
Noch im März dieses Jahres sprach Northvolt-Chef Carlsson von Aufträgen in Höhe von 50 Milliarden Euro, die in den Geschäftsbüchern des Start-Ups stünden, auch von Volkswagen, dem mit knapp 24 Prozent größten Anteilseigner an Northvolt.
Seitdem sind sowohl VW als auch Northvolt tief in die Krise gerutscht – und den Weg heraus werden beide, obwohl sie eng verbunden sind, möglicherweise nicht gemeinsam finden. Die Volkswagen-Manager haben derzeit kaum Argumente in Richtung des mächtigen VW-Betriebsrates, um weiteres Geld bei Northvolt zu investieren, wenn gleichzeitig Werksschließungen und Personalabbau drohen.
Ganz im Gegenteil: Northvolt ist schließlich auch eine Konkurrenz zur werkseigenen Batteriefabrik in Salzgitter, einem Unternehmensteil, der in der VW-Krise als unantastbar und als mögliches Auffangbecken für Mitarbeiter gilt, die woanders nicht mehr gebraucht werden. Der größte Northvolt-Teilhaber steht sich damit gewissermaßen selbst im Weg.
Ob die anderen Anteilseigner, zu denen Investmentbanken und Pensionsfonds gehören, weiter investieren, wird sich wohl in den nächsten Wochen zeigen. Ihren Optimismus ziehen die Northvolt-Verantwortlichen ironischerweise auch aus der Krise des eigenen Unternehmens. „Das klare Ziel des Chapter-11-Prozesses ist es, neues Kapital einzuwerben”, sagt ein Unternehmenssprecher.
Und der Preis für die Unternehmensanteile dürfte deutlich gefallen sein. Der Einsatz bei der Wette auf die Northvolt-Zukunft ist für private Kapitalgeber günstiger geworden, für den Bund und das Land Schleswig-Holstein gilt das leider nicht.