Urlaub in Greetsiel  Greetsiel sucht den goldenen Mittelweg

Lotta Groenendaal
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Von Lotta Groenendaal
| 03.12.2024 16:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
In der Grundschule Greetsiel wurde die Tourismusakzeptanzstudie nun öffentlich vorgestellt. Fotos: Wagenaar
In der Grundschule Greetsiel wurde die Tourismusakzeptanzstudie nun öffentlich vorgestellt. Fotos: Wagenaar
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Wie viel Tourismus verträgt die Region? Diese Frage beschäftigt die Greetsieler schon länger. Nun wurde über die Problematik diskutiert. Erste Lösungsansätze gibt es schon.

Greetsiel - Die Touristen und Greetsiel – ein Thema, das immer wieder für Diskussionen sorgt. Nun wurden diese Diskussionen von den sozialen Medien und dem Gartenzaun auch in offiziellere Hallen verlegt: Am Montag, 2. Dezember 2024, hatten die Gemeinde Krummhörn, die Touristik GmbH und Vertreter aus der lokalen Politik die Einwohner zu einer Frage- und Austauschrunde über den Tourismus eingeladen.

Heinrich Heinenberg von der Tourismus GmbH Krummhörn-Greetsiel, Bürgermeisterin Hilke Looden, Tourismuschef Benjamin Buserath und Prof. Dr. Enno Schmoll von der Jade Hochschule Wilhelmshaven (von links) stellten sich den Fragen und Anregungen der Greetsieler.
Heinrich Heinenberg von der Tourismus GmbH Krummhörn-Greetsiel, Bürgermeisterin Hilke Looden, Tourismuschef Benjamin Buserath und Prof. Dr. Enno Schmoll von der Jade Hochschule Wilhelmshaven (von links) stellten sich den Fragen und Anregungen der Greetsieler.

Der generelle Konsens an diesem Abend: „Die vielen schönen Sachen, die Sie hier haben, die hätten Sie ohne den Tourismus nicht.“ Das sagte Prof. Dr. Enno Schmoll von der Jade Hochschule Wilhelmshaven. Er hatte gemeinsam mit der Masterstudentin Viviane Bouda die Tourismusakzeptanzstudie in der Krummhörn durchgeführt, die zuletzt für einigen Erklärungsbedarf unter Anwohnern und Besuchern sorgte. Die Umfrage im Frühjahr hatte ergeben, dass sich viele Einheimische eine bessere Steuerung des Tourismus in der Region wünschen.

Noch nicht so viele Urlauber wie auf den Inseln

„Das Thema ist nicht neu“, so Schmoll. „Tourismusakzeptanz war schon ein Thema, als ich 14 war, das ist schon lange, lange her.“ Er selbst lebe ebenfalls in einem bei Urlaubern beliebten Küstenort und könne die Sorgen einiger Anwohner verstehen. „Sie haben tatsächlich eine hohe Tourismusbelastung“, sagte er zu den Einwohnern. Diese Belastung bezeichnet den Anteil von Touristen gemessen an der Zahl der Einwohner. In Greetsiel sei dieser Anteil in etwa vergleichbar mit dem in Carolinensiel und Neuharlingersiel. „Auf den Inseln ist es noch ausgeprägter“, so Schmoll.

Viele Einwohner waren vor Ort, um über den Tourismus in Greetsiel zu sprechen.
Viele Einwohner waren vor Ort, um über den Tourismus in Greetsiel zu sprechen.

Der Unterschied sei allerdings, dass der Tourismus an diesen Orten relativ langsam gewachsen sei, während es in Greetsiel vor allem in den letzten 10 bis 15 Jahren zu einem Anstieg an Urlaubsgästen gekommen sei „Da ist das Mindset der Menschen nicht so schnell mitgewachsen“, so der Experte für Tourismusentwicklung. Gerade ältere Menschen wünschten es sich oftmals, dass alles beim Alten bleibe. „Aber das geht nun mal nicht so.“ Denn bei einem Hotel könne man sagen, es sei voll. „Das geht hier nicht, man kann nicht einfach eine Schranke zumachen“, so Schmoll.

Auch Besucher möchten gerne mal was Schönes sehen

Die Gründe für die Zunahme von Touristen sieht er vor allem in dem geänderten Urlaubsverhalten der Deutschen. Während der Pandemie seien zum Beispiel mehr Leute im eigenen Land unterwegs gewesen. Außerdem sei es einfach schön in Greetsiel. „Ich bin heute durch Greetsiel gefahren und habe gedacht ‚wat mooi‘“, so beschrieb es Schmoll. „Vielleicht muss man es den anderen Menschen auch mal gönnen, sowas Schönes zu sehen.“

Prof. Dr. Enno Schmoll von der Jade Hochschule in Wilhelmshaven führte die Tourismusakzeptanzstudie im Frühjahr gemeinsam mit einer Masterstudentin im Auftrag der Touristiker durch.
Prof. Dr. Enno Schmoll von der Jade Hochschule in Wilhelmshaven führte die Tourismusakzeptanzstudie im Frühjahr gemeinsam mit einer Masterstudentin im Auftrag der Touristiker durch.

Eine Mentalität ganz nach dem Motto „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ würde in einem Ort wie Greetsiel nicht funktionieren, so Schmoll. Ohne Urlaubsgäste käme weniger Geld in die Kommune und auch die Infrastruktur würde darunter leiden. „Dann gäbe es nicht das Koppke und der Supermarkt hätte nicht diese Größe“, sagte er. Schließlich würden alle direkt oder indirekt von dem Zustrom an Touristen profitieren.

„Wir sind nicht Disneyworld“

Auch die Rolle der Touristen bei der Entwicklung des Arbeitsmarktes sei nicht zu unterschätzen. „Rund 70.000 Arbeitsplätze hängen in Ostfriesland am Tourismus“, so die Schätzung von Schmoll. Ohne den Tourismus setze in vielen Dörfern schnell eine Abwärtsspirale ein. „Dann gibt es keinen Supermarkt, weil die Betreiber zu alt werden und es gibt keinen, der das übernehmen möchte, weil die jungen Familien wegziehen, weil es eben keinen Supermarkt gibt.“

Auch Vertreter der lokalen Politik nahmen an der Veranstaltung teil: (von links) Alfred Jacobsen (SPD), Ralf Ludwig (SWK), Frank Schoof (fbl) und Garrelt Agena (Grüne).
Auch Vertreter der lokalen Politik nahmen an der Veranstaltung teil: (von links) Alfred Jacobsen (SPD), Ralf Ludwig (SWK), Frank Schoof (fbl) und Garrelt Agena (Grüne).

Und obwohl bei der Studie selbst immerhin fast alle der knapp 800 Teilnehmer angaben, dass der Tourismus wichtig für die Krummhörn sei, gab es auch bei der aktuellen Veranstaltung Kritik an der Anzahl an Gästen. „Bei mir ist jeder Gast willkommen“, sagte beispielsweise Jakob Jacobsen, der Vorsitzende des Greetsieler Fremdenverkehrsvereins, der auch selbst eine Ferienwohnung betreibt.

„Aber ich wohne mitten im Ort und wir haben den Tourismus im Prinzip das ganze Jahr über.“ Besonders die Tagestouristen sorgten manchmal für eine Belastung. „Wir sind nicht Disneyworld“, stellte er klar. Allerdings seien die Tagestouristen gerade für die Händler im Ort von großer Bedeutung, merkte der Greetsieler Ortsvorsteher und Ratsherr Alfred Jacobsen (SPD) an.

Auch der Bürgermeisterin wird es manchmal zu viel

„Es sind an jedem Tag Touristen hier, aber nur an wenigen Tagen werden sie als Belastung empfunden“, so Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos). Natürlich gebe es Tage, an denen auch sie eher zum Eis in der Eistruhe greifen würde, anstatt in den Dorfkern zu gehen, so Looden. Doch solange die Belastung durch Touristen nicht mehrere Wochen am Stück andauere, müsste man die wenigen Tage ertragen.

Viele Einwohner waren vor Ort, um über den Tourismus in Greetsiel zu sprechen.
Viele Einwohner waren vor Ort, um über den Tourismus in Greetsiel zu sprechen.

Auch der Mangel an Wohnraum in der Region wurde sowohl in der Umfrage selbst als auch in der Diskussionsrunde thematisiert. Wohnraum fehle nicht nur den Einwohnern selbst, sondern auch potenziellen neuen Arbeitnehmern, die zum Beispiel dem allgegenwärtigen Personalmangel in der Gastronomie entgegenwirken könnten. „Natürlich wird Wohnraum durch den Tourismus teurer, manche Häuser kann sich ein Ostfriese nicht leisten“, sagte Schmoll. „Das wird ein Gast kaufen, das ist nun mal so.“ Diese Problematik sei nicht nur spezifisch für Greetsiel – an anderen Küstenorten sehe es ähnlich aus.

Steuerung der Touristen durch Parkplätze

Doch die Verwaltung und die Touristiker nutzten die Veranstaltung nicht nur, um die Wogen zu glätten. Auch über erste Lösungsansätze wollte man die Einwohner informieren. Die Bürgermeisterin dachte dabei vor allem an die Verkehrslenkung in Greetsiel. „Man müsste die Parkplatzsituation näher beleuchten“, so Loodens Vorschlag. So könnte man die Anzahl an Tagestouristen über die verfügbaren Parkplätze lenken, sagte Schmoll.

Dass sich etwas ändern muss, darüber waren sich die meisten der Anwesenden einig. „Wir müssen gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man das entzerren kann“, so Johannes Voss, Ortsvorsteher von Freepsum, zu den Tourismusströmungen. Sein Vorschlag: die Touristen auch auf andere Dörfer in der Krummhörn zu verteilen. Allerdings müsse man dann in den anderen Orten den Urlaubern auch ein touristisches Angebot bieten können, so Schmoll. Die Touristiker sehen dafür eher begrenzte Chancen. „Wir haben alle Orte auf dem Schirm“, so Heinrich Heinenberg, Prokurist der Tourismus GmbH Krummhörn-Greetsiel. „Aber das Zugpferd ist natürlich Greetsiel.“

Greetsiel ist und bleibt das Zugpferd der Region

Trotzdem bemühe man sich, auch andere Krummhörner Dörfer aktiv in die Tourismusstrategie einzubauen, beispielsweise mit der Krummhörner Kirchturmtour, die in vielen der Warfendörfer haltmacht. „Und dann gibt es außerdem noch den Leuchtturm und das Ostfriesische Landwirtschaftsmuseum in Campen, die Manningaburg in Pewsum oder auch die Mühle in Rysum, die sich viele Leute anschauen“, sagte Benjamin Buserath, Chef der Touristik GmbH. „Aber wir werden in den Dörfern niemals diesen Tourismus wie in Greetsiel haben, das glaube ich nicht.“ Man könne eben auch niemandem verbieten, nach Greetsiel zu kommen.

Nervensägen sind immer die anderen

Ein Kommentar von Marion Luppen

Der Massentourismus ist für Greetsiel Fluch und Segen zugleich. Die vielen Urlauber bringen Umsatz und Infrastruktur. Ohne sie gäbe es nicht so viele schöne Geschäfte und Restaurants. Auch die Straßen wären nicht so gut ausgebaut. Trotzdem wendet sich mancher Ostfriese angesichts der Menschenmassen mit Grausen ab und besucht das Fischerdorf lieber im Herbst und im Winter, wenn wenig los ist.

Den Verantwortlichen in Greetsiel ist deutlich anzumerken, dass sie keinen Gast verprellen wollen. Nervensägen sind nie die eigenen Kunden. Das sind immer nur die anderen, im Zweifel Tagesgäste.

Was tun? Die Idee, die Besucherströme über die Zahl der Parkplätze zu regeln, wirkt eher hilflos. Man will also mit Urlaubern Reise nach Jerusalem spielen? Wer keinen Parkplatz findet, hat Pech gehabt und muss entnervt abdrehen? Man kann nur hoffen, dass Greetsiel etwas Besseres einfällt.

Die Autorin erreichen Sie unter m.luppen@zgo.de

Auch aus der Politik kamen schon erste Ideen, wie man in Zukunft mit der Menge an Touristen umgehen könnte. Frank Schoof (fbl) schlug vor, in Greetsiel wieder ein Veranstaltungshaus einzurichten, um so eine Anzahl der Gäste dort zu zentrieren. „Und die Vereine und Organisationen aus der Krummhörn könnten sich an einem Tag zentral in Pewsum vorstellen“, so Schoof. Auf diese Weise könne vielleicht ein gegenseitiger Austausch zwischen Gästen und Einheimischen stattfinden. Auch die Nutzung einer App, die besonders volle Standorte in Greetsiel erfassen und so andere Gäste umleiten könnte, fand Anklang unter den Vertretern der Politik.

Verwaltung und Touristiker zeigten sich jedenfalls offen für weitere Ideen. „Wir haben stets ein offenes Ohr, wir sitzen nicht auf dem Elfenbeinturm“, so Buserath. Sein Fazit: Die Anzahl der Touristen könne manchmal durchaus anstrengend sein. „Das ist aber vielleicht auch der Preis, den man dafür zahlt, dass es hier so viel Schönes gibt.“

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