Frankfurt Aufholchance für deutsche Autobauer: Welche Technologie Experten als „Gamechanger“ bewerten
Staatliche Kredite in Höhe von 620 Millionen Euro stehen bei Northvolt auf dem Spiel. Die deutsche Autoindustrie hat die technologische Führung im Bereich Elektromobilität weitestgehend verschlafen und steht nun unter Druck, mit China mitzuhalten. Doch es gibt noch Hoffnung, dass sich das Blatt nochmal wenden könnte.
Rund 620 Millionen Euro könnten die Probleme des Batterieherstellers Northvolt die Steuerzahler kosten. Diese Summe an Krediten ist durch das geordnete Insolvenzverfahren zunächst einmal als verloren zu betrachten.
Es handelt sich um Darlehen des Bundes und des Landes Schleswig-Holstein plus Zinsen. Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, dass Northvolt die Kredite in Zukunft zurückzahlt – dann nämlich, wenn die Sanierung des Unternehmens gelingt.
Trotz des ungewissen Ausgangs in diesem Fall findet Autoexperte Frank Schwope staatliche Förderung für den Aufbau einer Batterieproduktion für Elektroautos richtig. „Bei Batteriefabriken ist es durchaus hilfreich, wenn Starthilfe von staatlicher Seite gegeben wird“, so der Autoindustrieexperte der Fachhochschule des Mittelstands FHM in Hannover.
Er schränkt aber ein, dass die deutschen Autohersteller den Aufbau von Batteriefabriken auch selbst finanzieren können, weil sie in den vergangenen Jahren viel Geld durch den Verkauf ihrer Autos verdient hatten. „Aber hilfreich sind Staatshilfen natürlich, zumal chinesische Konkurrenten einen riesigen technologischen Vorsprung haben“.
So baut beispielsweise Volkswagen gerade in Salzgitter eine Gigafabrik für die Batteriezellenproduktion. Auch hat sich Volkswagen an der Finanzierung des schwedischen Batterieproduzenten Northvolt beteiligt. Allerdings ist es für die deutschen Autohersteller nicht leicht, den Vorsprung insbesondere von chinesischen Produzenten aufzuholen. Dieses Problem habe die deutsche Autoindustrie allerdings selbst geschaffen.
„Man hat ganz einfach die Zeit verschlafen“, so Frank Schwope dieser Redaktion. „Man hat jahrelang nicht investiert und die Aufgabe an Zulieferer delegiert. Die Chinesen haben die Gunst der Stunde genutzt. Sie haben quasi den Verbrennungsmotor übersprungen und jahrelang in Batterietechnologie investiert. Sie beherrschen diese Technologie sehr gut – und sind Weltmarktführer geworden“.
Vor dem Hintergrund der Krise bei Northvolt hat die schwedische Regierung mit Unterstützung aus Paris und Berlin vor einigen Tagen die EU-Kommission aufgefordert, die Produktion von Batterien in der EU stärker zu unterstützen. Denn eine eigene Batterieproduktion würde die EU bei der Herstellung von Elektroautos unabhängiger machen.
Frank Schwope sieht in puncto Batterietechnik zwar einen deutlichen Rückstand in Deutschland und Europa. Das müsse aber nicht so bleiben. Eine Chance ergebe sich etwa bei der kommenden Generation von neuartigen Feststoffbatterien.
„Es ist durchaus möglich, dass die Feststoffbatterien zu einer Art Game-Changer in der nächsten Dekade werden. Die Karten können durchaus noch mal neu gemischt werden“ – und dann könnten die deutschen Autobauer eben wieder mit am Spieltisch sitzen.
Allerdings kommt erschwerend hinzu, dass die Autoindustrie aktuell in einer handfesten Krise steckt. So hat das Ifo-Institut am Dienstag festgestellt, dass das Geschäftsklima in der Autoindustrie weiter gefallen ist. Die Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage nochmals deutlich schlechter als im Oktober – und auch den kommenden sechs Monaten blicken die Firmen pessimistischer entgegen.
Das Stimmungstief ist vor allem der schwachen Nachfrage geschuldet: „Der Auftragsberg, den die Unternehmen der Autoindustrie angesichts von Pandemie und Lieferkettenproblemen seit Anfang 2021 angehäuft hatten, ist abgearbeitet. Neue Aufträge kommen herein, reichen aber nicht aus, um die Kapazitäten auszulasten“, so Anita Wölfl vom Ifo-Institut.
Der intensive Wettbewerb vor allem aus China, die schlechte Nachfrage und natürlich die Transformation zur Elektromobilität insgesamt seien Themen, die die deutsche Autoindustrie aktuell zu bewältigen hat. In dieser Situation den Vorsprung der Konkurrenz vor allem aus China in der Batterietechnik aufzuholen, dürfte daher keine einfache Aufgabe sein.