Hamburg  Michael-Jackson-Musical ist ein Genuss – aber klammert heikles Thema aus

Dagmar Leischow
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Von Dagmar Leischow
| 01.12.2024 23:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Michael-Jackson-Musical startet fulminant mit „Beat it“. Foto: Matthew Murphy / Stage Entertainment
Das Michael-Jackson-Musical startet fulminant mit „Beat it“. Foto: Matthew Murphy / Stage Entertainment
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Das Michael-Jackson-Musical „MJ“ begeistert das Hamburger Publikum mit mitreißenden Hits und spektakulärer Show. Bei den Erinnerungen an die einzigartige Karriere des King of Pop bleibt ein kontroverses Kapitel im Dunkeln.

Michael Jackson war der King of Pop. Allein der Erfolg seines Albums „Thriller“ von 1982, produziert von Quincy Jones, ist gigantisch. Es ist bis heute das meistverkaufte Album der Welt. Acht Grammys bekam der Sänger für dieses Meisterwerk, auch das ist bis in die Gegenwart ein Rekord. Hinzu kommt: Drei Hits – „Beat it“, „Billie Jean“ und „Thriller“ – standen auf Platz eins der Billboard Charts.

Natürlich sind sie bei der Deutschlandpremiere von „MJ – Das Michael Jackson Musical“ im Stage Theater an der Elbe in Hamburg zu hören. Dieses Stück spielt 1992, kurz vor dem Start der „Dangerous“-Tour. Die Proben laufen auf Hochtouren, ein MTV-Team begleitet sie und findet bald heraus: Hinter den Kulissen knirscht es ordentlich. Michael Jackson (Benét Monteiro) hat nicht nur ein Pillenproblem. Er will aufwendige technische Spielereien, die zu viel Geld kosten. So sehen es zumindest seine Berater.

Im Grunde ist die Gegenwart aber eher ein Nebenschauplatz. Ein Satz, den Michael Jackson im Interview sagt, bringt die Philosophie der Inszenierung des Regisseurs und Choreografen Christopher Wheeldon auf den Punkt: „Die Songs sind die Stars.“ Ganz klar ist „MJ“ ein Jukebox-Musical für Michael-Jackson-Fans. Das macht gleich der Auftakt mit „Beat it“ mehr als deutlich. Zwischendurch gibt es immer wieder Rückblenden in Michael Jacksons Kindheit und Jugend. Als Junge bezieht er von seinem Vater Prügel, das soll ihn zu Höchstleistungen anspornen. Trost findet er bei seiner Mutter.

Das Kind, das auch mal Widerworte gibt, spielt Luan absolut überzeugend. Die Rolle des jungen Erwachsenen, der mit den Jackson Five Erfolge feiert, übernimmt Prince Damien. Er hat die 13. Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen. Gesanglich ist er ganz stark, seine Bewegungen fehlt ab und an der lockere Hüftschwung.

Dafür hat sich Benét Monteiro Michael Jacksons Körpersprache wirklich zu eigen gemacht. Jede Handbewegung sitzt bei ihm, den Moonwalk performt er ziemlich lässig. Er singt brillant und spricht sogar mit Michael Jacksons sanfter Stimme. Etwa, wenn er erzählt, dass er sich seine Haut nicht hat bleichen lassen, sondern an der Weißfleckenkrankheit leidet.

Das Musical zeigt Michael Jackson als einen durchaus eigenwilligen Charakter, die Ausflüge in seine Vergangenheit zeichnen wichtige Stationen seiner Karriere nach – sei es seine Zeit mit Motown oder seine Zusammenarbeit mit dem Produzenten Quincy Jones. Angetrieben hat ihn auf dem Weg nach oben vor allem eins: der unbedingte Wunsch, sich als Schwarzer in der von Weißen dominierten Musikwelt zu behaupten.

Nur wird ein Thema vollkommen ausgeklammert: die Missbrauchsvorwürfe, die ab 1993 – die „Dangerous“-Tour endete im November 1993 – laut wurden. Seinerzeit warf Evan Chandler dem Musiker vor, er habe seinen Sohn Jordan missbraucht, ein Jahr später einigten sich die Parteien außergerichtlich. 2003 wurde Michael Jackson wegen Kindesmissbrauch angeklagt, 2005 jedoch in allen Anklagepunkten freigesprochen.

2019 beschuldigten Wade Robson und James Safechuck den Sänger in der Dokumentation „Leaving Neverland“, er habe sich ihnen in ihrer Jugend sexuell genähert. Ihre Klagen wurden allerdings vor Gericht abgewiesen. Und doch ist der Vorwurf der Pädophilie nie ganz verstummt...

Das wirft die Frage auf, ob man Künstler und Kunst trennen sollte. Wenn man sich dafür entscheidet, ist „MJ – Das Michael Jackson Musical“ auf jeden Fall ein Genuss.

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