Berlin Nahostkonflikt auf dem Pausenhof: Schüler rufen um Hilfe
Der Krieg im Gaza-Streifen prägt auch den Alltag an deutschen Schulen. In Berlin haben die Schüler jetzt einen Brandbrief zur Radikalisierung auf dem Schulhof formuliert. Was ist das los? Wir haben nachgefragt.
„Extremistische, antidemokratische, menschenfeindliche und antisemitische Positionen“: Das ist es, was dem Berliner Landeschülerausschuss derzeit Sorgen bereitet. Und das nicht nur als abstraktes gesellschaftliches Problem – sondern als Alltag auf dem eigenen Schulhof. In einem Positionspapier haben die Schüler beschrieben, wo es brennt. Wir haben mit dem Landesschülersprecher Orcun Ilter darüber gesprochen.
Frage: Herr Ilter, in einem Positionspapier warnen Sie vor Extremismus auf dem Schulhof. Warum ist das nötig?
Antwort: Viele Schülerinnen und Schüler haben einen persönlichen Bezug zum Nahostkonflikt, durch ihre Herkunft, die Religion oder durch Kontakte in der Region. Gleichzeitig wissen auch Betroffene oft nicht hundertprozentig Bescheid. Viele informieren sich über soziale Medien. Und die werden der Komplexität der Lage nicht gerecht. Auf TikTok und Instagram wird mobilisiert und radikalisiert. Von den Schulen erwarten wir, dass sie dem etwas entgegensetzen: Dialog-Formate, Aufklärung, Prävention.
Frage: Wie zeigt sich die Radikalisierung im Alltag?
Antwort: Nach dem 7. Oktober ist an den Schulen die Stimmung eskaliert – bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften. Das Video aus Neukölln, wo es im Streit um eine Palästina-Flagge zu Ohrfeigen und Tritten kam, konnten alle im Internet sehen. Inzwischen hat es sich etwas beruhigt. Aber mit jeder Eskalation im Nahen Osten kann auch die Lage an den Schulen wieder eskalieren. Junge Menschen haben Fragen und die Schulen werden dem nicht gerecht.
Frage: Was passiert, wenn man die Debatte TikTok und Instagram überlässt?
Antwort: TikTok ist extrem emotional. Die Bilder der Gewalt im Gazastreifen, die Fotos der toten Kinder wandern dann aus direkt in die Klassenchats. Viele junge Menschen sehen hier zum ersten Mal solche Bilder. Das hat sehr direkte Auswirkungen auf sie und auch darauf, wie die Debatte geführt wird. Geschichts- oder Politiklehrer haben einen Sinn für die Schwierigkeit der Lage. Der durchschnittliche TikTok-Vertreter erklärt den Nahostkonflikt in zwei Minuten. Das ist gefährlich. Da wird nicht erklärt, sondern rekrutiert. Da werden auch antisemitische Ressentiments geschürt. Vor dieser Herausforderung stehen wir: Wie holt man das Thema wieder an die Schule, wo man anders darüber spricht?
Frage: Erleben Sie auch Lehrer als überfordert?
Antwort: Es gibt viele Lehrkräfte, die wirklich etwas auf die Beine stellen wollen. Aber am Ende des Tages müssen die natürlich auch noch den normalen Stoff durchziehen. Und dann gibt es andere Lehrkräfte, die bei beim Thema Nahost keine Durchsetzungskraft haben. Dann geht der Streit im Klassenzimmer weiter. Es ist schwer, eine Atmosphäre zu schaffen, in der man diskutieren kann, wertebasiert, mit klaren Regeln: Wer sich antisemitisch äußert, wer das Existenzrecht Israels anzweifelt, wer diskriminiert, der hat sich disqualifiziert. Als Schülerausschuss fordern wir einen runden Tisch mit der Senatsverwaltung für Bildung und der Senatsverwaltung für Antidiskriminierung und Vielfalt. Zusammen müssen wir Leitlinien für Lehrkräfte erarbeiten – also eine Grundlage dafür, wie Schulen mit einem Konflikt umgehen, der uns noch lange beschäftigen wird.
Frage: Sie wenden sich auch an die Landeszentrale für politische Bildung. Was wünschen Sie sich von dieser Seite?
Antwort: Die Landeszentrale muss mehr für die Medienkompetenz tun. Wir brauchen Aufklärung über die Desinformation und zwar dort, wo die Fake News sind: auf TikTok und Instagram. Die Landeszentrale muss selbst in den sozialen Medien aktiv sein, und das nicht nur, indem sie weiter alle paar Tage einen textlastigen Post absetzt. Die Landeszentrale muss in den sozialen Medien so auftreten, dass sie als Gegengewicht genauso ernstgenommen wird wie all die diskriminierenden und antisemitischen Videos.
Frage: Wessen Medienkompetenz muss stärker geschult werden? Die von Jugendlichen oder die im Kollegium?
Antwort: Viele junge Menschen haben eine ausgeprägte Mediennutzung, aber keine ausgeprägte Medienkompetenz. Viele Lehrkräfte können aber auch besser Wahres von Unwahrem unterscheiden. Dafür wissen manche kaum, wie man einen PC einschaltet. Entschuldigung, das ist natürlich polemisch zugespitzt. Aber aus der eigenen Mediennutzung heraus kann die ältere Generation kaum verstehen, wie Schüler heute kommunizieren. Die Zeiten von Facebook oder MySpace sind halt vorbei.
Frage: Ihr Positionspapier spricht nicht nur vom Nahostkonflikt, sondern auch über Rechtsextremismus. Sind das nicht ganz verschiedene Probleme?
Antwort: Wir haben mit beidem zu tun. Rechtsextremisten kommen bis vor die Schulen, verteilen Flyer fürs Boxtraining; und da wird dann indoktriniert. Bei dem, was im Netz passiert, gibt es Parallelen. Je aufgeheizter die Stimmung ist, desto leichter kann man extremistisch mobilisieren. Ob es nun um Rechtsextremismus geht oder um den Nahost-Konflikt. Beide Seiten nutzen das Gefühl der Verunsicherung aus. Wir haben schließlich auch noch den Ukraine-Krieg. Wir haben die Inflation. Wir hatten eine Energiekrise und jetzt Neuwahlen. Das geht an jungen Menschen nicht spurlos vorbei. Extremisten können bei TikTok gut reagieren, weil das so ein schnelles Medium ist. Einfache Antworten lassen sich da viel besser transportieren als abwägende. Und Lügen leider auch.