Den Haag  Wie die Niederlande zur kriminellen Drehscheibe der Mocro-Mafia wurden

Helmut Hetzel
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Von Helmut Hetzel
| 27.11.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Coffeeshops gehören zu den beliebtesten Touristenattraktionen Amsterdams. Foto: Imago/Depositphotos
Coffeeshops gehören zu den beliebtesten Touristenattraktionen Amsterdams. Foto: Imago/Depositphotos
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Der niederländische Weg im Umgang mit Drogen begann mit einer umstrittenen Duldungspolitik. Diese führte in den vergangenen Jahrzehnten zur Entstehung einer florierenden Drogenmafia und machte das Land zum bedeutenden Drehkreuz für synthetische Drogen.

Eigentlich wollte Dries van Agt (1931–2024) die sogenannten „weichen“ Drogen wie Haschisch und Marihuana legalisieren. Das war unmöglich in der Zeit als van Agt Justizminister (1976) und dann Premierminister (1977 bis 1982) der Niederlande war.

Der Widerstand von anderen europäischen Ländern gegen eine vollständige Legalisierung des Joints war damals einfach zu groß. Vor allem Frankreich, Deutschland und Schweden verhinderten die völlige Freigabe des Konsums und Verkaufs von weichen Drogen in den Niederlanden vor fast 50 Jahren.

Da hatte der Christdemokrat und damalige Justizminister van Agt eine, wie er meinte, „geniale Idee.“ Sie lautete: „Wir ‚gedoogen‘“ (dt. Wir tolerieren) die weichen Drogen einfach, ohne sie gesetzlich zu legalisieren.

So kam es 1976 zum niederländischen „Gedoogbeleid“ – dem Duldungskonzept – für den Verkauf von weichen Drogen in sogenannten „Coffeeshops“, wie die Verkaufsstellen für Cannabis genannt wurden.

Die Idee von van Agt war damals, den Handel mit harten Drogen wie Heroin und Kokain stärker zu bestrafen, während die „Hausdealer“ von Cannabisprodukten wie Marihuana und Haschisch in den Coffeeshops „geduldet“ werden sollten. Geduldet, also „gedoogd“, bedeutet, dass sie nicht strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie Haschisch verkaufen.

Die Sache des Duldungskonzepts hatte nur einen Haken. Zwar durfte in den „Coffeeshops“ fortan Cannabis frei verkauft werden. Nicht geregelt wurde aber, wo die Inhaber der „Coffeeshops“ ihre Waren einkaufen sollten. Das musste und muss noch immer durch „die Hintertür“ passieren, wie es so schön und beschönigend im Volksmund inzwischen genannt wird.

Durch „die Hintertür“, das heißt: Einkauf bei illegalen Drogendealern, die Cannabis irgendwie beschaffen mussten. Damals, vor 48 Jahren, vor allem in Marokko. Inzwischen wächst der Hanf für das Marihuana aber auch massenhaft in niederländischen Gewächshäusern oder in Privatwohnungen, die in Hanfplantagen umgebaut werden – alles illegal. So entstand in den Niederlanden eine riesige Drogenmafia, die die rund 700 Coffeeshops des Landes beliefert.

Die Folge: Heute haben die Niederlande eine riesige Drogenmafia, sind zu einem der größten Hersteller und Exporteure von synthetischen Drogen wie Ecstasy oder Crystal Meth geworden. Die größte illegale Dealerorganisation ist heute die sogenannte niederländisch-marokkanische „Mocro-Mafia“. Sie ist inzwischen so groß und mächtig, dass sie international expandiert und vernetzt ist und sich neuerdings in Deutschland rasant ausbreitet.

Ihr Chef ist der 47-jährige Ridouan Taghi, der 1980 mit seinen Eltern aus Marokko in die Niederlande kam. Schon in seinen jungen Jahren war Taghi Teil der Jugendgang „Bad Boys.“ 1992 wurde Taghi im Alter von 15 Jahren wegen Einbrüchen und Waffenbesitzes verurteilt. Nach seiner Freilassung spezialisierte er sich auf den Haschischhandel, dann auf den Kokainschmuggel und baute die „Mocro-Mafia“ auf.

Taghi sitzt derzeit in einem niederländischen Gefängnis in Haft. Er wurde wegen Mordes und Drogenhandel zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, gegen die er allerdings Berufung eingelegt hat.

Die von ihm nun aus dem Gefängnis heraus geleitete „Mocro-Mafia“ gilt als brutal und rücksichtslos. Sie exekutiert am laufenden Band Gegner, verübt Sprengstoffanschläge. Sie drohte sogar Kronprinzessin Amalia zu entführen oder zu töten. Gleiches drohte sie dem ehemaligen niederländischen Ministerpräsidenten und heutigen Nato-Generalsekretär Mark Rutte an.

Der Kriminalreporter Peter R. De Vries wurde mutmaßlich im Auftrag von Taghi und der „Mocro-Mafia“ vor zwei Jahren in Amsterdam erschossen.

Gar als „Narco-Staat“ bezeichnet Jan Meeus, Kriminalreporter der Zeitung NRC-Handelsblad, die Niederlande in seinem neuen Buch: „Narco’s in Nederland“. Meeus erzählt die Geschichte, wie die „Narcos“ die Niederlande zum Weltmarktführer für Ecstasy und zur europäischen Drehscheibe für den Kokainhandel gemacht haben. Einer dieser „Narcos“, wie er die Drogenbosse nennt, ist Ridouan Taghi.

Die Botschaft von Meeus lautet, dass die Zusammenarbeit zwischen den Ecstasy-Produzenten im Süden der Niederlande, in der Provinz Brabant, und den Amsterdamer Kokain-Großhändlern die Niederlande zur Weltspitze in der Drogenökonomie gemacht hat.

In seinem Buch berichtet er von Morden in Amsterdamer Nachtclubs, auf Brabanter Wohnwagenplätzen und in Verbrecher-Domizilen wie Marbella. Drei Viertel des Weltmarkts für Ecstasy liefen seit 2000 über die Niederlande, Australien sei einer der wichtigsten Abnehmer der niederländischen Drogendealer. Synthetische Drogen, hergestellt in Holland, eignen sich auch hervorragend für Tauschgeschäfte mit Kokainproduzenten in Kolumbien, beschreibt es Meeus.

Es ist ein Milliardenmarkt, der erhebliche Produktionskapazitäten, den Aufbau internationaler Netzwerke, Logistik, Geldwäsche und die Abwehr von Polizei und Justiz erfordert. Die Hauptakteure, die „Narcos“, die Meeus beschreibt, jetten um die Welt. Sie pendeln zwischen Dubai, Südostasien, Nord- und Mittelamerika, Marokko, Westafrika und der Türkei. Aber ihr Dreh- und Angelpunkt sind die Niederlande.

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