Osnabrück  Der Großschriftsteller als Aktivist: Thomas Mann und sein Kampf für die Demokratie

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 26.11.2024 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Thomas Mann in neuer Sicht - als Vorkämpfer der Demokratie. Foto: IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Thomas Mann in neuer Sicht - als Vorkämpfer der Demokratie. Foto: IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
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Großschriftsteller und Literaturnobelpreisträger: Das Bild Thomas Manns scheint festgelegt zu sein. Jetzt macht der Literaturexperte Kai Sina mit einer neuen Sicht auf Mann bekannt. Er sieht den Autor als politischen Aktivisten. Ein Perspektivenwechsel.

Er ist gerade 16 Jahre alt und weiß noch nicht, dass er vier Jahre später die Todeszone des Warschauer Ghettos betreten wird. Marcel Reich-Ranicki sitzt 1936 mit Freunden zusammen. Gemeinsam lesen sie den Brief, mit dem Thomas Mann auf die Aberkennung des Ehrendoktortitels der Bonner Universität reagiert. Der Text zirkuliert in geheimen Abschriften, unter dem Radar der nationalsozialistischen Überwachung.

Marcel Reich-Ranicki, der viel später das „Literarische Quartett“ gründen wird, ist noch Pennäler, Thomas Mann seine Lichtgestalt. Wie wird sich sein Idol zum Dritten Reich stellen? Reich-Ranicki liest Manns Protestbrief, seine harsche Abrechnung mit dem NS-Regime. Hastig verabschiedet sich der junge Reich-Ranicki von seinen Freunden. „Ich wollte allein sein – allein mit meinem Glück“, hält er in seiner 1999 publizierten Autobiografie „Mein Leben“ diesen Moment fest.

Thomas Manns Brief an den Dekan der Bonner Fakultät kursiert im Dritten Reich wie eine Geheimschrift. Den Eingeschlossenen sendet er damit ein Hoffnungszeichen geistigen Widerstands. Kai Sina blickt von diesem Text aus in einer völlig neuen Weise auf den Literaturnobelpreisträger. Der Münsteraner Germanist nimmt Thomas Mann als politischen Aktivisten in den Blick. „Thomas Mann positioniert sich vor allem mit seiner Rede ‚Appell an die Vernunft‘ von 1930, mit der er schnell unter den Druck von rechts gerät. Er war aber auch schon vorher ein politisch engagierter Autor“, macht er im Werk Manns eine entscheidende Wende aus.

Der Autor der „Buddenbrooks“, ein Kämpfer für die politische Linke? Der Großschriftsteller, ein Aktivist? „Thomas Mann verwendet den Begriff des Aktivisten selbst. Ich habe ihn deshalb für meine Darstellung als Beschreibungskategorie herangezogen. Ab 1930 verändert sich nicht nur Thomas Manns Rhetorik, er gewinnt auch ein neues Bewusstsein für seine Auftritte als Redner“, sagt Sina, der an der Universität Münster die Lichtenberg-Professur für Germanistik und Komparatistik bekleidet.

In seinem neuen Buch „Was gut ist und was Böse. Thomas Mann als politischer Aktivist“ zeichnet er jenen Weg nach, den Thomas Mann neben seinem Romanwerk auch genommen hat und der sich in dieser Zuspitzung atemberaubend neu ausnimmt. Der Schriftsteller, der vormittags mit dem leichten Korkfederhalter in der Hand an seinen Romantexten feilt, ist auch ein reisender Rhetor, ein kompromissloser Kämpfer. Thomas Mann, vormals ein Konservativer, wandelt sich nach dem Ersten Weltkrieg zum Unterstützer der Demokratie.

Das ist er nicht immer. Anfangs liberal eingestellt, wechselt er mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die weltanschauliche Seite, schreibt für Krieg und Kaiser. „Der junge Thomas Mann ist, zumindest in Teilen, ein erstaunlich liberaler, teils linksliberaler Intellektueller. Umso schwerer erscheint es heute, seine reaktionäre Publizistik zur Zeit des Ersten Weltkrieges zu erklären“, kommentiert Kai Sina schwer lesbare Texte wie Manns „Gedanken im Kriege“.

Umso erstaunlicher fällt dann Manns politische Wandlung aus. Thomas Mann analysiert die weltanschauliche Lage seiner Zeit in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“, entwirft schließlich in dem 1924 publizierten Jahrhundertroman „Der Zauberberg“ das Panorama einer weltanschaulich vielstimmigen, ja zerklüfteten Gegenwart.

Mann erklärt sich später nicht nur als Unterstützer der Weimarer Republik, er votiert auch für ein Bündnis bürgerlicher und linker Kräfte gegen den Nationalsozialismus. Thomas Mann, ein Parteigänger des „Sozialismus“, wie er in einer Ansprache vor Wiener Arbeitern schreibt? Das Wort vom Sozialismus sei im Sinn der Sozialdemokratie zu verstehen, erläutert Kai Sina im Gespräch.

Der weltberühmte Autor als Mann der Mitte – diese politische Verortung trifft. „Thomas Mann verortet sich mit einem Aktivismus der Mitte. Er vollzieht taktische Parteinahmen, weil ihm an einem politischen Ausgleich gelegen ist“, entwirft Sina die weltanschauliche Landkarte Thomas Manns – und erklärt seine Vorgehensweise. Der Literaturnobelpreisträger möchte die Extreme ausgleichen, die gesellschaftliche Mitte stärken.

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wird dieses Unterfangen immer schwieriger. Nach Sinas Darstellung reagiert Thomas Mann entschieden. „Nach 1930 werden nicht nur seine Attacken gegen Rechts sehr scharf, Thomas Mann entwickelt zugleich auch ein neues Bewusstsein für den performativen Charakter seiner Auftritte, die er als Kundgebungen versteht“, beschreibt Kai Sina einen weltberühmten Autor in einem ganz neuen Modus – dem des politischen Kampfes.

Kai Sina zeichnet in seinem Buch minutiös den Weg des Aktivisten Thomas Mann nach. Dafür schaut er nicht nur auf groß angelegte Essays des Autors, sondern sichtet auch die vielen kleinen Einlassungen und Statements, die Stellungnahmen und Antworten auf Medienanfragen. Kai Sinas Quellenkenntnis verdankt sich seinen Editionsvorhaben. Im Rahmen der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ der Werke Thomas Manns gibt er gemeinsam mit Hans Rudolf Vaget die Essays heraus, die Thomas Mann zwischen 1939 und 1945 verfasste. Zudem verantwortet er einen Auswahlband mit Manns wichtigsten Texten zur Demokratie.

Sein bei Propyläen publiziertes Buch wirkt wie da wie eine gedankliche Klärung – und wie die Kartierung einer publizistischen Karriere, die wohl nur Wenige Thomas Mann zugetraut hätten. Kai Sina entwirft das Bild eines doppelten Autors. Hier der Romanschriftsteller, der geduldig an seinen Texten arbeitet, dort der rastlos reisende Aktivist, der im amerikanischen Exil von Auftritt zu Auftritt eilt – und zwischendurch seine Redetexte im Eisenbahnwagen oder im Hotel eiligst redigiert.

„Der Aktivist Thomas Mann ist gedanklich wie auch räumlich außerordentlich beweglich. Er will auf die öffentliche Meinung strategisch und tatkräftig Einfluss nehmen“, sagt Kai Sina im Gespräch. Thomas Manns Reden sind Ereignisse. Er spricht in den USA vor Zehntausenden, sendet seine berühmten Radioansprachen an „Deutsche Hörer“ zur Verbreitung an die BBC.

„Mit seinem Reden, die er im amerikanischen Exil hält, will er die Bevölkerung der Vereinigten Staaten kriegsbereit machen Zugleich unternimmt er den Versuch, die deutsche Bevölkerung mit seinen Radioansprachen zum Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime zu bewegen“, betont der Münsteraner Germanist.

Er bescheinigt Mann vollen Erfolg: „Thomas Mann hat auf seinen vielen Vortragsreisen durch die USA ein Massenpublikum erreicht. Für seine Wirkung in Deutschland gibt es nur Schätzungen. Einen Hinweis auf seine große Wirkung geben immerhin die Bemühungen der Nationalsozialisten, die Verbreitung von Manns Reden durch Störsender oder Kommentare in der gleichgeschalteten Presse einzuschränken“.

So ungewohnt neu diese Perspektive auf Thomas Mann sein mag, die Einschätzung seines Werkes verändert es in einem Punkt nicht. „Thomas Mann war ein politischer Aktivist. Seine Literatur hat er dennoch nicht funktionalisiert. Es gibt einen Unterschied zwischen Thomas Manns Essays und Reden und seinen Romanen und Erzählungen, die als komplexe Zeitanalysen, nicht als politische Stellungnahmen im engeren Sinne zu verstehen sind“, sagt Kai Sina.

Kai Sina: Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist. Propyläen Verlag. 304 Seiten. 24 Euro.

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