Osnabrück Songtexte von Rio Reiser und „Die Ärzte“: Schlichte Reimerei oder richtige Literatur?
Rio Reiser und „Die Ärzte“, zwei Größen der Rockmusik. Aber sind sie auch wirkliche Dichter? Bei Reclam sind ihre Songtexte jetzt in der Gelben Reihe erschienen. Ein Ritterschlag. Aber wie gut sind die Texte wirklich? Eine Literaturkritik.
„Ich schlag die Zeitung auf und denke mir, was für´n Theater / ich glaub die ganze Menschheit sollte mal zum Psychiater“: Was hätte wohl Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki zu diesen Versen von Bela B. gesagt? Man kann es sich denken. Trivial hätte er sie wohl gefunden, sie in seinem „Literarischen Quartett“ verrissen. Immerhin, der Reim von „Theater“ auf „Psychiater“ hat etwas. Aber sonst?
Die Zeilen eröffnen den Songtext von „Menschen“, 2021 auf dem Album „Dunkel“ der Band „Die Ärzte“ publiziert. Der Text findet sich jetzt neu abgedruckt in einem Kompendium von 40 Songtexten der Band, die mit dem schicken Zusatz „aus Berlin“ bei Reclam herausgekommen sind. Zeitgleich hat Reclam unter dem Titel „Für immer und dich“ Songtexte von Rio Reiser auf den Markt gebracht.
Songtexte in der gelben Reihe von Reclam, sozusagen auf Augenhöhe mit Goethes „Faust“ und Schillers „Don Carlos“? Auch Bob Dylan oder Reinhard Mey haben längst ihre Textbücher in diesem Verlag. Das Signal: Pop ist auch Literatur, vermeintliche Unterhaltungskultur findet Eingang in den literarischen Kanon. Die Vergabe des Literaturnobelpreises 2016 an Bob Dylan, Ikone der Singer-Songwriter, setzte das unübersehbare Signal für den Trend.
Songtexte in Büchern: Das bedeutet allerdings auch den maximalen Stresstext für Texte, die nicht für das stille Lesen gemacht sind. Treibende Rhythmen, markige Bässe, grelle Gitarrenriffs, kurz, der ganze Klangbombast der Musik kann diesen Texten nicht mehr helfen, wenn sie auf einer Buchseite stehen. Sie müssen dann aus eigener Kraft beweisen, dass sie richtige Literatur sein können.
„Es gibt einen Riesenunterschied zwischen Gedichten, die geschrieben werden, um für sich zu stehen, und Liedtexten“, stellt auch Campino fest. Der Sänger der Band „Die toten Hosen“ hat gerade seine Vorlesungen, die er als Gastprofessor 2024 an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität gehalten hat, in Buchform publiziert. Campino will Liedtexte als „Gebrauchslyrik“ verstanden wissen, stellt sie in die Tradition von Bertolt Brecht oder Erich Kästner.
Campino ist so ehrlich, seinen Weg zum Text offenzulegen. Er geht konsequent über die Musik, lässt sich von ihr zu ersten Textzeilen anregen. Aber kann Literatur etwas Sekundäres sein? Campinos Überlegungen führen mitten hinein in die Debatte darüber, was einen Text ausmachen sollte, damit er als Literatur gelten kann. Die ganz kurze Antwort: Er sollte intern so organisiert sein, dass er als eigenständiges Sprachgebilde wahrgenommen werden kann.
Die Songtexte von Rio Reiser und den Ärzten signalisieren diesen Anspruch schon durch ihr Druckbild. Gerade der „Asphaltcowboy“ Rio Reiser (1950-1996) schichtet meist artig durchgereimte Strophen zu seinen Liedtexten zusammen. Seine Texte versammeln alle Sponti-Klischees einer entschwundenen Zeit, wirken auf den Buchseiten jetzt aber fast ein wenig bieder.
Für „Die Ärzte“ textet meist Bandmitglied Bela B. Das Druckbild mit den mal links-, mal rechtsbündig platzierten Strophen signalisiert einen ästhetischen Anspruch, den die Texte selbst mal einlösen, dann aber auch wieder völlig verfehlen. Musterbeispiel: „Schrei nach Liebe“. In dem Songtext findet sich die Zeile „Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit“. Wie können Stiefel Sehnsucht empfinden? Geht es nicht um den Mann, der sie trägt? Auf diese Weise verrutschen immer wieder die Sprachbilder.
Im gleichen Song dagegen spielen die Texter Bela B. und Farin Urlaub treffsicher mit den Bildungsdefiziten Rechtsradikaler. In die Zeile „Du hast nie gelernt dich artizukulieren“ fügen sie einen sprechenden Silbendreher ein. Darauf wäre nicht jeder gekommen.
Die Texte der Ärzte ordnet Herausgeber Michael Loesl übrigens in alphabetischer Reihenfolge an. Die Songtexte sollen sich so zu einem lyrischen Werk fügen, das ohne die Songs auskommt. Die Texte von Rio Reiser folgen hingegen den Alben. Kompakter Textblock gegen Zeitreise – in den beiden Bänden geben schon die Ordnungskonzepte erste Hinweise darauf, wie die Songtexte verstanden werden sollen.
In beiden Bänden finden sich kundige Nachworte, die nicht nur einordnen, sondern auch kulturellen Wert der Songtexte signalisieren sollen. Michael Loesl versieht in dem Band über „Die Ärzte“ sogar jeden Songtext mit einem eigenen Kommentar. Auf diese Weise werden zeitgeschichtliche Kontexte sichtbar. Das Verfahren hätte sich bei Rio Reiser sogar noch mehr empfohlen. Seine Lieder gehen bis in das Jahr 1971 und damit in eine inzwischen historisch gewordene Zeit zurück.
Ob Rio Reiser oder Bela B. – beider Songtexte lesen sich ohnehin mehr als Zeitdokumente denn als Poesie, die historischen Wandel aus eigener Kraft überdauern kann. Bei Rio Reiser scheint die Welt der Konsumverweigerer und Hausbesetzer auf, bei den Ärzten geht um eine Welt der Umweltkatastrophen und nach dem Mauerfall.
Entsprechend unterscheiden sich die literarischen Echoräume. Rio Reiser verfügt über den schnoddrigen Ton des 1431 in Paris geborenen François Villon, dessen Vagantenlieder ganze Generationen von Chansonniers geprägt haben. Reiser zitiert ohnehin die literarische Tradition des Widerstands gegen jede Form der Herrschaft. Mit der Zeile „Und es brennen die Hütten, es brennen die Paläste“ zitiert er in dem Song „Ich leb noch“ unverkennbar Georg Büchners revolutionäre Flugschrift „Der hessische Landbote“ von 1834.
Bei den Ärzten verliert sich diese Spur literarischer Tradition. Statt große Vorbilder zu zitieren leistet sich Bela B. immer wieder einmal Platituden wie „Wein, Weib und Gesang“, die er in seinem Songtext „Achtung: Bielefeld“ auch noch auf „Müßiggang“ reimt. Kurz darauf folgt mit „I have a dream“ ein unverkennbares Zitat aus der berühmtesten Rede des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King. Die Texte der Ärzte zeigen einen kulturellen Sphärenwechsel an. Querverweise auf literarische Quellen sind nicht mehr erste Wahl. Mediensprache und das Internet und nicht zuletzt die in der Zwischenzeit dominant angewachsene Popkultur prägen den Vorstellungsraum.
Die schöne Literatur ist damit nicht überflüssig geworden. Sie hat ihr Prestige als kulturelles Archiv eher steigern können. Oder warum schreiben sonst so viele Schauspieler Bücher – und warum scheint es sonst wichtig zu sein, Songtexte als Literatur zu platzieren?
Campino hat Recht: Songtexte sind Gebrauchslyrik, keine Produkte einer höheren Kunstsphäre. Sie sind ihrer Zeit verhaftet, bisweilen mehr Dokument als Kunstwerk. Aber das macht nichts. Ob Rio Reiser oder die Ärzte: Ihre Texte lesen sich spannend als Reise durch die Zeitgeschichte. Das Engagement verbindet sie, die politisch eher linke Orientierung auch.
Zwei Vorschläge für Lieblingszeilen: „Es gab keine Angst / Und nichts zu verliern / Es war Friede bei den Menschen“ (Rio Reiser) und „Und du weißt hoffentlich: Es geht nicht ohne dich / du bist erforderlich“ (Die Ärzte).
Rio Reiser: Für immer und dich. Songtexte. Ausgewählt und mit einem Geleitwort von Gert C. Möbius. Reclam Verlag. 220 Seiten. Zehn Euro.
die ärzte: 40 Songtexte aus Berlin. Ausgewählt, kommentiert und mit einem Nachwort von Michael Loesl. Reclam Verlag. 128 Seiten. Acht Euro.
Campino: Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik. Piper Verlag. 155 Seiten. 16 Euro.