Pastoren sind heiß begehrt  Tom Betten ist für Spetzerfehn schon fast ein Wunder

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 22.11.2024 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Kirchengemeinde Spetzerfehn hat um Pastor Tom Betten gekämpft – und gewonnen. Foto: Böning
Die Kirchengemeinde Spetzerfehn hat um Pastor Tom Betten gekämpft – und gewonnen. Foto: Böning
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Viele Pfarrstellen in Ostfriesland sind lange vakant, bevor sie neu besetzt werden können. Die Kirchengemeinde Spetzerfehn hatte großes Glück. Dafür hat sie aber auch lange gekämpft.

Großefehn - Der 31-jährige Tom Betten ist ein wenig blass um die Nase, als er am Tisch Platz nimmt. „Es war eine unruhige Nacht“, sagt Betten: „Darius weiß noch nicht, dass er eigentlich durchschlafen möchte.“ Der im August in Spetzerfehn neu eingeführte Pastor auf Probe hat gerade einen Monat Elternzeit hinter sich. Am 13. Oktober haben er und seine Frau Karen ihr zweites Kind bekommen. Erst im Juni ist die Familie mit dem zweieinhalbjährigen Sohn Dante in das Pfarrhaus neben der Kirche gezogen. Es ist also alles noch irgendwie neu, auch wenn Betten bereits sein zweieinhalbjähriges Vikariat in der evangelisch-lutherischen Christus-Gemeinde Spetzerfehn absolviert hat.

Das Vikariat ist für Pastoren, was das Referendariat für Lehrer ist. Es ist die Zeit, in der sie nach dem Staatsexamen von anderen Pastoren lernen, was es in der Praxis bedeutet, eine Gemeinde zu leiten. Eins kann Betten jetzt schon sagen: „Es ist etwas ganz anderes, als Pastor für eine Gemeinde zuständig zu sein, als nur mitzulaufen.“ Dass Betten in der Kirchengemeinde arbeitet, in der er gelernt hat, ist eigentlich ein Wunder. Üblich war das in der evangelischen Kirche bisher jedenfalls nicht. „Weil die Rollenveränderung zum verantwortlichen Pastor dann schwerer ist“, erklärt Betten. Heißt: Für Pastoren ist nach der Ausbildung ein kompletter Neustart vorgesehen. Eigentlich.

Die Kirchengemeinde wollte ihren Vikar behalten

„Hier in Spetzerfehn waren alle von Anfang an davon ausgegangen, dass ich bleibe. Es hieß ‚Hermann erzieht sich seinen Nachfolger‘“, sagt Tom Betten und lacht. Sein im Mai verstorbener Vorgänger Hermann Reimer habe es selbst am meisten gehofft. Doch vom für die Stellenbesetzung zuständigen Mathis Burfien von der Landeskirche sei eine deutliche Absage gekommen – mit der sich die Gemeindemitglieder jedoch nicht abfinden wollten. „Sie waren enttäuscht und Hermann war noch viel enttäuschter“, erinnert sich Betten.

Es wurden Unterschriften gesammelt, Briefe geschrieben, Bürgermeister setzten sich für Betten ein. „Es ging eine richtige Welle los.“ Monatelang kämpfte die Kirchengemeinde um ihren nächsten Pastor. Es war nicht nur ein Kampf für Betten, sondern auch gegen eine Gemeinde ohne Pastor. Denn viele Pfarrstellen in Ostfriesland sind lange vakant, bevor sie neu besetzt werden können. Die Pastorenstelle in Berumerfehn war zwei Jahre lang unbesetzt, bis dort mit Simon Schupetta ein neuer Pastor ins Amt eingeführt werden konnte.

Lücken nach dem Ruhestand

Auch in der Nachbarschaft von Spetzerfehn sieht es aktuell nicht gut aus: In Strackholt ist die Pfarrstelle seit dem Weggang von Bernd Battefeld im September 2023 nicht besetzt. Zusammen mit der über viele Jahre mit Unterbrechungen vakanten Stelle in Bagband wird noch immer nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin gesucht. Auch die Kirchengemeinde Marcardsmoor in der benachbarten Stadt Wiesmoor ist noch auf der Suche.

Spetzerfehn blieb dieses Schicksal erspart – denn der Einsatz der Gemeindemitglieder trug Früchte. Als Tom Betten damit schon gar nicht mehr gerechnet hatte, sei mitten im Examen eine Nachricht aus dem Bischofsrat gekommen: Der hatte aufgrund der vielen Anrufe, Briefe und Unterschriften entschieden, dass Betten Spetzerfehn erhalten bleibt.

Mit voller Unterstützung ins neue Amt

Wie es sich anfühlt, so gewollt zu sein? Betten lächelt ein wenig verlegen: „Es war eine supertolle Erfahrung, wie viele Menschen es gibt, die das Gemeindeleben aktiv mitgestalten und vieles möglich machen“, sagt Betten. „Es ist eine sehr aktive Gemeinde, in der ich mit allen Anfragen offene Türen einrenne.“ Ob es ein Fahrradgottesdienst ist oder die Renovierung des Jugendraums – alle würden mitziehen.

Betten und seine Frau kommen ursprünglich aus Aurich, sind dort geboren – wie auch die beiden Söhne. Nach dem Studium in Bonn und Göttingen wollten sie als Familie zurück in die Heimat. „Es war ein totaler Zufall, dass wir hierher nach Spetzerfehn gekommen sind“, sagt Betten. Das Vikariat wird zugewiesen, Betten konnte sich nur die Region aussuchen, nicht aber den Einsatzort. Die Kirchengemeinde kannte Tom Betten schon vorher – auch durch einen großen Zufall.

Praktikum beim Pastor in Walle

Denn Betten hatte schon in der achten Klasse mit dem Gedanken gespielt, Pastor zu werden. Sein Schulpraktikum absolvierte er in Aurich Walle bei Pastor Karsten Beekmann. „Lustigerweise kam Karsten ursprünglich aus Spetzerfehn“, sagt Betten. So hatte er damals schon ein wenig aus der Kirchengemeinde mitbekommen, die er jetzt als Pastor betreut. Für Betten schließt sich ein Kreis: „Ich war sogar einmal hier im alten Pfarrhaus und saß auf Hermanns Couch.“

Dass er genau jetzt noch hier ist, ist für Betten und auch für die Kirchengemeinde gut. „Gerade dieses Jahr war schwer. Viele Menschen sind gestorben, die die Gemeinde geprägt haben.“ Darunter auch sein Vorgänger Hermann Reimer, der 35 Jahre lang Pastor in Spetzerfehn war und kurz nach seiner Verabschiedung mit nur 65 Jahren starb. „Das war für uns alle ein Schock“, sagt Betten. „Hermann war nicht nur ein Lehrer, Mentor und Vorgesetzter, sondern ein echter Freund. Wir werden alle noch lange brauchen, um darüber hinwegzukommen.“

Hoffnung für andere Gemeinden?

Wie sieht es für die anderen Kirchengemeinden im Umkreis aus, die noch auf einen Nachfolger warten? Laut Superintendent Tido Janssen vom Kirchenkreis Aurich gibt es aktuell keine Bewerber. Eine aussichtsreiche „Probedienstlerin“ für Strackholt und Bagband habe abgesagt. Die Gemeinden warten jetzt auf den nächsten Abschlussjahrgang. Garantie auf Erfolg gibt es nicht, denn noch immer gehen mehr Pastoren in den Ruhestand, als von den Hochschulen nachkommen.

Gerade die lange Ausbildungszeit mache es schwer, auf den großen Bedarf in den Gemeinden zu reagieren, so Janssen. Acht Jahre brauche ein Pastor, bis er eine eigene Kirchengemeinde übernehmen kann. Aktuell übernehmen Springer des Kirchenkreises die wichtigsten Aufgaben der fehlenden Pastoren. „Wir entwickeln neue Lösungen, um die Zwischenzeit zu überbrücken“, sagt Janssen: In Marcardsmoor übernimmt zum Beispiel eine Pädagogin den Konfirmationsunterricht und die Verwaltung wird für alle Gemeinden zentral organisiert. In der Zwischenzeit bleibt nur die Hoffnung auf ähnlich viel Glück wie in Spetzerfehn.

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