Osnabrück „Meine Bilder brauchen halbe Dunkelheit“: Warum Künstlerin Leiko Ikemura den Schatten liebt
Wo liegt für Leiko Ikemura der Fehler? In falschen Festlegungen. Die in Japan geborene Künstlerin ist ein Name in der Kunstwelt. Ihre Bilder und Skulpturen artikulieren ein leises Votum für eine Welt in ständiger Veränderung. Das betrifft auch die Politik. Ein Porträt.
„In Emden spüre ich schon das Meer und ich sehe das Licht des Nordens“, sagt Leiko Ikemura. Die Künstlerin wuchs an Japans Küste auf. „Der Ort liegt ungefähr auf der Höhe von Rom“, erzählt die Malerin und Bildhauerin mit einem leisen Lächeln. In Europa als Frau aus dem fernen Osten wahrgenommen, sieht sie sich selbst als Mensch aus dem Süden.
Eingefahrene Blickweisen korrigieren, starren Schemata entkommen: Die 73 Jahre alte Künstlerin, die gerade ihre Gemälde und Skulpturen in der Kunsthalle Emden zeigt, hat daraus eine Lebensphilosophie gemacht. „Es geht mir um Kunst. Ich will nicht in Kategorien denken“, sagt die Künstlerin, die seit Jahren in Berlin lebt und arbeitet.
Welcher Stilrichtung folgt ihre Kunst? Keiner. Leiko Ikemura behauptet seit Jahren eine nachdrückliche Präsenz in der Kunstwelt. Trotzdem gehört sie zu keiner Gruppe, fühlt sich keiner Tendenz verpflichtet. Trends, Moden? Für Ikemura sind das keine relevanten Begriffe. „Ich schaffe keine Markenprodukte“, sagt die Künstlerin und betont, wie lange es gedauert habe, sich abseits aller Modeströmungen zu etablieren.
In einer Welt, die nur die Eindeutigkeit der Labels, die Lautstärke der Statements honoriert, scheint Individualität ein Luxus zu sein. Leiko Ikemura lebt ihre eigene Philosophie, leise nach außen und doch beharrlich in der Sache. „In Deutschland werde ich immer als japanische Künstlerin wahrgenommen“, sagt sie. Noch ein Punkt, der sie stört.
Wer ihre Bilder und Plastiken anschaut, versteht sofort, warum das so ist. Denn in Leiko Ikemuras Welt fließen Landschaft und Lebewesen, Mensch und Pflanze, Natur und Kunst ineinander. In dieser Welt gibt es keine endgültig fixierte Gestalt. Alles befindet sich in einem Strom ständiger Veränderung. Auch Ikemura selbst.
Wie anders wäre ihr weiter Weg zu erklären, der sie von Japan nach Spanien, dann weiter in die Schweiz und schließlich nach Köln und Berlin geführt hat? Als sie in Deutschland eintraf, malten die Künstler der sogenannten Jungen Wilden sehr große und ziemlich laute Bilder. „Ich habe damals auch sehr große Leinwände bemalt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das geschafft habe“, sagt sie heute.
Größe, das ist nicht der Weg. Ein einziges Genre auch nicht. Ikemura hat geschafft, was nur wenigen Künstlern gelingt – sie hält ihr Werk in ständigem Fluss. Sie lässt sich von ihrer Kunst tragen, von der Malerei zur Keramik, von der Bronze zum Glas. Ihre Werke sieht sie wie Wesen, die irgendwann auch ihren eigenen Weg gehen. „Manchmal braucht ein Werk noch Fürsorge, aber irgendwann lasse ich es los.“
Darin liegt nichts weniger als Beliebigkeit. In der Emder Kunsthalle hat sie die Ausstellungsräume gemeinsam mit ihrem Mann Philipp von Matt, einem Architekten, ebenso behutsam wie konsequent eingerichtet. Sie bringt Bilder und Skulpturen zusammen, kombiniert Aquarelle und Glasobjekte, fügt Sound hinzu. Jeder Raum öffnet sich als eine ganz eigene Temperaturzone.
Und als neues Lichtereignis. „Meine Bilder brauchen eigentlich eine halbe Dunkelheit“, sagt Ikemura, die in diesem Punkt ihrer Ästhetik dann doch wieder ganz Japanerin zu sein scheint. Tanizaki Jun´ichiros Buch „Lob des Schattens“, ein Klassiker der japanischen Ästhetik, sei ihre Bibel sagt Ikemura. Als sie den Schatten lobt, leuchtet ein Licht in ihren Augen.
Für die Künstlerin, die 25 Jahre lang an der Berliner Universität der Künste lehrte und dann an die Joshibi Universität für Kunst und Design in Sagamihara, Kanagawa berufen worden ist, liegt darin viel mehr als nur eine Klügelei über wahre Schönheit. Sie schaut skeptisch auf das volle Licht der Scheinwerfer. Sein Glanz produziere eine Eindeutigkeit, die es so eigentlich nicht gebe.
Leiko Ikemura misstraut jeder vorgeblichen Eindeutigkeit. Sie hat ihre Meinung, will sich aber nicht auf Statements festlegen lassen. Sie findet, dass dem weiblichen Körper noch immer nicht der angemessene Respekt entgegengebracht werde, sieht aber einen Begriff wie den des Feminismus mit Zurückhaltung. Es ist ihr wichtiger, den menschlichen Körper als großes Universum zu begreifen.
Auch wenn sie ihrer Kunst keine Botschaft zumuten will, eine versteckte Ethik hat sie in diesem Punkt doch. Kunst löst falsche Festlegungen, sie weitet den Blick für die Übergänge, statt vermeintliche Eindeutigkeiten ins Bild zu bringen. Darin liegt für Ikemura die Leistung der Kunst.
Diese Einsicht zeitigt auch politische Konsequenzen. Ikemura schaut mit Sorge auf ihre Zeit. Politische Radikalisierung resultiere aus Frustrationen. Viele Menschen stellten sich die Frage nach klarer Zugehörigkeit, nach Ziel und Sinn. Der Fehler: Die Suche nach eindeutiger Zugehörigkeit führt zu falscher Abgrenzung, mündet in Aggression.
Leiko Ikemuras Bildwelt öffnet dagegen neue Horizonte. Sie führt hinaus in eine Weite jenseits aller Grenzen von Nationen, Völkern, Kulturen. Diese Künstlerin zeigt Bildwelten, in denen die Übergänge dominieren, nicht die Festlegungen. Meisterhaft, wie sie Horizonte von Landschaften öffnet, die auf der Mitte zwischen Tages- und Jahreszeiten zu schweben scheinen, in denen menschliche Körper als Teil der Natur wirken.
„Kunst rettet nicht die Welt“, sagt Leiko Ikemura leise, aber bestimmt. Ihre Kunst löst jedoch Spannung, verfeinert den Sinn für Wandel in jede Richtung. Zum Beispiel mit Skulpturen liegender Mädchen, deren Körper sich in zarte Blüten öffnen. Lässt sich zarter und entschiedener zugleich für Würde und Schönheit plädieren? Und ist das nun japanisch oder europäisch? Leiko Ikemura lächelt leise, als Weltkünstlerin, die sie ist.
Emden, Kunsthalle: Leiko Ikemura: Floating Spheres. 23. November 2024 bis 11. Mai 2025. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr.