Osnabrück  Der Kölner „Tatort: Siebte Etage“ schickt Ballauf und Schenk ins Eros-Center

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 23.11.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in den Kulissen des echten Bordells, in dem ein Großteil der Dreharbeiten stattfand. „Tatort: Siebte Etage“. Das Erste, Sonntag, 24. November, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek. Foto: © WDR/Martin Valentin Menke
Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in den Kulissen des echten Bordells, in dem ein Großteil der Dreharbeiten stattfand. „Tatort: Siebte Etage“. Das Erste, Sonntag, 24. November, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek. Foto: © WDR/Martin Valentin Menke
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Für den neuen Kölner „Tatort: Siebte Etage“ zog es das Filmteam um Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär in ein echtes Bordell - bei laufendem Betrieb. Das Ergebnis ist ein sehenswerter Krimi mit sozialkritischen Tönen zum Thema Prostitution.

Unfall? Selbstmord? Oder doch Mord? Für Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) ist der Fall schnell klar. Malik Zeman wurde gewaltsam aus dem Fenster im siebten Stock des Eros-Centers gestürzt. In den Augen des Toten finden sich Spuren eines Desinfektionsmittels. An seinem Poloshirt fehlt der oberste Knopf. Und wieso lag die Leiche mehrere Stunden in ihrer Blutlache, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt hat?

Verdächtige, die den brutalen Haustechniker loswerden wollten, gibt es viele. Malik galt als unberechenbarer Psychopath, gewalttätig und aufdringlich. In einem anonymen Schreiben an den Geschäftsführer des „Beherbergungsbetriebs“ wurde er kurz vor seinem Tod des Drogenhandels bezichtigt. Mit seiner Schwester, die einen kleinen Friseursalon im gleichen Gebäude betreibt, hatte er sich zuletzt heftig gestritten. Und in Jasmin (Antonia Bill), einer der Prostituierten des Laufhauses, war er augenscheinlich verliebt.

Hatte das Mordopfer vielleicht deswegen Ärger mit Jasmins Stammfreier Kai (Sascha Goepel)? Die beiden Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) müssen tief eintauchen in eine für sie fremde, seltsame Welt aus Sex, Gewalt und Ausbeutung. Logisch, dass Kollege Jütte (Roland Riebeling) bei den Ermittlungen auch noch auf eine alte Bekannte aus seiner Zeit bei der Sitte in Wuppertal trifft.

Der neueste Kölner „Tatort: Siebte Etage“ setzt auffällige Akzente. Weniger, weil er sich als Krimi mit sozialkritischen Tönen dem Thema Prostitution nähert. Sondern vielmehr aufgrund seiner außergewöhnlichen Umsetzung. Um für ein höchstmögliches Maß an äußerlicher Authentizität zu sorgen, fanden die Dreharbeiten in einem realen Kölner Eros-Center gedreht.

„Das war zunächst in der Tat schon sehr befremdlich“, erinnert sich Behrendt in einem WDR-Presseinterview. Da sei es dann immer wieder vorgekommen, dass das Filmteam im Treppenhaus und im Fahrstuhl realen Freiern begegnet ist, ergänzt Regisseur Hüseyin Tabak. „Und das Überraschende war“, so Tabak, „denen hat es nichts ausgemacht, dass wir im Haus waren. Die sind ihre Runden gegangen, einige haben gegrinst, andere haben dann doch verstohlen auf den Boden geschaut.“

Hinter dem Krimi steckt ein ausgeklügeltes Drehbuch, das der spannend inszenierten Geschichte nicht nur Tiefe und ein bemerkenswertes Ende verleiht, sondern für das das Autorenduo Eva Zahn und Volker A. Zahn nach eigenen Angaben auch lange recherchiert hat. Früher, so Eva Zahn, habe sie wie auch viele andere Menschen die Meinung vertreten, dass das seit 2002 geltende Prostitutionsgesetz eine gute Sache sei, weil dadurch die Frauen besser geschützt würden. Heute sei ihr durch ihr tieferes Eintauchen in die Thematik klar, „dass die Sexindustrie ihren exorbitanten Profit allein durch Gewalt und die Ausbeutung der Frauen erzielt“.

Regisseur Tabak gelingt es in der Umsetzung des Krimis, weitgehend auf voyeuristische Blickwinkel zu verzichten. Stattdessen „gönnt“ er seinem Publikum ein paar Ansichten aus der Perspektive von Prostituierten beim erkauften Akt. Dicke, schwitzende Männerleiber mit zuckenden Fratzen, montiert in schneller Schnittfolge. Das ist nicht schön, soll es auch nicht sein.

Eindrucksvoller wirken allerdings drei ins Publikum gesprochene Monologe, in denen die Frauen über ihre Situation sprechen. Es sind heftige, schmerzhafte Textzeilen, die da fast beiläufig fallen und umso deutlicher hängen bleiben. Es geht um Wünsche, falsche Versprechungen, unerfüllbare Hoffnungen, Verzweiflung und immer wieder um Schmerz. „Es ist nicht meine Vagina, die schmerzt“, sagt die geschundene zweifache Mutter Kosima (Senita Huskić), die im System hängen geblieben ist. „Es ist die Lüge“.

„Tatort: Siebte Etage“. Das Erste, Sonntag, 24. November, 20.15 Uhr und in der ARD Mediathek.

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